• The Wall Street Journal

Ist Deutschland zu deutsch für die Eurozone?

    Von HANS BENTZIEN
Reuters

In ganz Europa demonstrieren Menschen gegen harte Sparauflagen bei gleichzeitigen Steuererhöhungen. Aber es gibt auch zunehmend Ökonomen, die die Austeritätspolitik in Frage stellen.

FRANKFURT - Seit fünf Jahren bestimmt die von den USA ausgegangene Finanz- und Wirtschaftskrise inzwischen schon die Euro Finance Week, zuletzt als Eurokrise, die inzwischen die Welt das Fürchten lehrt. Unter dem Titel: „Euro-Rettung - ist das Glas halb voll oder halb leer?" gab es auf dem diesjährigen Frankfurter Herbsttreffen der Banker ein Podium von Ökonomen, das zu einer Generalabrechnung mit dem europäischen Wirtschaftsmodell und der europäischen Krisenpolitik wurde.

Unter dem Strich stand die Erkenntnis: Es muss sich etwas ändern in der Eurozone. Wer oder was sich ändern müsse, wurde je nach ökonomischer Provenienz der Diskutanten ganz unterschiedlich beantwortet. Und dabei ging es auch um Deutschland.

Schon in der Analyse dessen, worin die derzeitige Krise eigentlich besteht, gingen die Meinungen auseinander. Lüder Gerken, Chef des ordoliberalen Centrums für europäische Politik (CEP), trug vor, was in Deutschland gegenwärtig Mehrheitsmeinung ist: Die Peripherieländer einschließlich Irlands haben seit der Einführung des Euro stark an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren, weil ihre Lohnstückkosten seither um 20 bis 30 Prozent gestiegen sind, die von Deutschland aber nur um 6 Prozent.

Dadurch haben sich ihre Leistungsbilanzdefizite vergrößert. Lohnstückkosten sind ein wesentlicher volkswirtschaftlicher Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit. Er setzt die Gesamtheit der Lohnkosten eines Landes in ein Verhältnis zur Wirtschaftsleistung.

Wenig Liebe für deutsche Sparrezepte

Dass die nun eingetretenen Sparzwänge von Regierungen und privaten Haushalten zu einer sinkenden Wirtschaftsleistung führen, ist aus Sicht von Gehrken zwar bedauerlich, aber nicht zu ändern. „Das BIP muss in den südeuropäischen Ländern sinken, weil es in den Jahren seit der Euro-Einführung nur kreditfinanziert gestiegen ist", sagte er.

Bekommen haben die Krisenländer diesen Kredit auf das Wachstum jedoch jahrelang von den Nordeuropäern. Und die trifft deshalb nach Meinung des Würzburger Ökonomen Peter Bofinger auch eine Mitschuld an dem Desaster in der Eurozone."Das ist, als wenn ich ein Restaurant betreibe, in dem ein Gast jahrelang gut isst und trinkt, aber immer sagt: Das mit dem Bezahlen regeln wir ein anderes Mal. Und wenn ich ihn dann erst nach einem Jahr frage, wie das mit dem Geld nun sei, dann sagt er: Ich habe nichts."

Associated Press

In den südlichen Ländern der Eurozone machen die Menschen zunehmend Deutschland und die Bundeskanzlerin mit ihrer harten Sparpolitik für ihre Misere verantwortlich. Symbolisch verbrannten vor zwei Wochen Demonstranten in Lissabon ein Konterfei von Angela Merkel.

Bofinger ist der führende Vertreter einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik in Deutschland und gehört seit 2004 auf Vorschlag der Gewerkschaften zu den Wirtschaftsweisen. Er ist nicht bereit zu akzeptieren, dass sich die Rezession in der Eurozone langsam auch auf Frankreich und Deutschland ausbreitet. „Wir brauchen einen Strategiewechsel, der darin besteht, dass man so lange keine restriktiven Maßnahmen mehr ergreift, bis die rezessiven Tendenzen vorbei sind", forderte er.

Den deutschen Sparrezepten für Europa kann Bofinger demgemäß auch nichts abgewinnen. „Wenn wir so weiter machen und aus der Rezession in Südeuropa eine Depression wird, dann ist das die schlechteste aller möglichen Welten auch für den deutschen Arbeitsmarkt." Die Wettbewerbsfähigkeit durch Sparen zu steigern, hält Bofinger ohnehin für eine typisch deutsche Idee: „Sparen wird hier als eine Art des Heilfastens betrachtet - wir sparen ein bißchen, und dann gehen wir gestärkt daraus hervor", spottete er.

Bofinger rät der Bundesregierung, „auch mal über den Tellerrand zu schauen", um zu sehen, wie andere Länder mit der Krise umgehen. Und hier nennt er die USA. „Die Amerikaner haben das System mit hohen Staatsdefiziten am Laufen gehalten. Und wir sind alle erleichtert, dass es dort einigermaßen läuft", sagt er. Und nun guckten alle wegen der Fiskalklippe ängstlich über den Atlantik und sagten: „Oh je, oh je, macht das bloß nicht so wie wir."

Flassbeck hofft auf Machtwechsel in Berlin

Heiner Flassbeck, der Chefvolkswirt der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung UNCTAD, geht noch einen Schritt weiter als Bofinger, dessen Nachfrageorientierung er teilt. Seiner Meinung nach sollte Deutschland von den anderen Ländern nicht nur keine Einsparungen und niedrigere Lohnstückkosten fordern - es sollte seine eigenen Lohnstückkosten steigen lassen. Denn das, so sagt er, würde die relative Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Länder ebenfalls verbessern.

Dass dabei die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands leiden würde, hält Flassbeck sogar für wünschenswert. „Deutschland ist das einzige Land, dass bei der Gruppe der G-20 wegen seines Leistungsbilanzüberschusses immer noch massiv in der Kritik steht", sagte er. Flassbeck, der Ende der 1990er Jahre Staatssekretär des später zurückgetretenen Bundesfinanzministers Oskar Lafontaine war, hält die Kritik an Deutschlands Kampf um niedrigere Lohnstückkosten für berechtigt.

„Deutschland hat nach der Euro-Einführung eine Politik gemacht, die seine Partner einfach nicht erwarten konnten. Wenn man ein gemeinsames Inflationsziel von 2 Prozent hat, dann sind 6 Prozent Lohnstückkostensteigerung [in einem Jahrzehnt] einfach zu wenig", sagte er. Flassbeck fordert von Deutschland mehr Investitionen und mehr Konsum. „Wir sollten nicht darauf hoffen, dass wieder jemand anderes seine Verschuldung erhöht - dieses Mal vielleicht der Mond, die Venus oder der Mars."

Wie sieht eine Zukunft Europas angesichts der deutschen Wirtschaftsübermacht aber aus? UNCTAD-Ökonom Flassbeck hofft hier offenbar auf einen Machtwechsel in Berlin: „Wenn sich nach der nächsten Wahl hier nichts ändert, dann sehe ich schwarz für Europa", meinte er.

Kritik am „Wut-Ökonomen"

Sein Kollege Bofinger setzt auf einen Mix aus wachstumsfördernden Maßnahmen bei gleichzeitig zunehmender europäischer Integration. Derzeit befinde man sich in der Mitte des Tunnels. Hier sei es dunkel und die Luft schlecht – „aber bringt es etwas, das ständig zu betonen", fragte Bofinger, an die Adresse des Münchener „Wut-Ökonomen" gewandt.

Hier ist wohl Hans-Werner Sinn gemeint. Wer den Deutschen sage, dass der Euro so nicht funktioniere, ärgert sich Bofinger, der müsse auch sagen, dass als Alternative dann nur die Rückkehr zu einer nationalen Währung bleibe und was das wahrscheinlich für ökonomische Folgen haben werde.

CEP-Chef Lüder Gehrken sieht Südeuropa unverändert in der Pflicht zu sparen und kritisiert, die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank zur Euro-Rettung als Versuch, die „Probleme zuzukleistern". Aber auch der ordoliberale Volkswirt glaubt nicht, dass der Euro vor dem Ende steht. „Ich sehe in Deutschland keine politische Kraft, die sich das auf die Fahnen geschrieben hat", sagte er. Allerdings, so fügte er hinzu, müsse man sich klar darüber sein, dass der jetzige Weg sehr, sehr teuer werde.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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