• The Wall Street Journal

Streetspotr macht jeden zum mobilen Mini-Jobber

    Von STEPHAN DÖRNER

Die App des Start-ups Streetspotr macht jeden Passanten zum potentiellen mobilen Mini-Jobber. Das Idee, kleine Aufgaben von der Crowd, also den Internetnutzern erledigen zu lassen, ist nicht neu und gewinnt bereits seit einigen Jahren an Fahrt – doch Streetspotr macht das Prinzip mobil. Das Versprechen des Unternehmens: „Wir bringen Europas Mobile Workforce an Ihren Schreibtisch".

Pressebild

Die beiden Streetspotr-Gründer Holger Frank (links) und Werner Hoier.

Ein reales Beispiel aus der App: Der Nutzer soll überprüfen, wo in einem Zeitschriftenladen in Frankfurt das Computermagazin T3N ausliegt und welche Hefte in direkter Nachbarschaft platziert sind. Das ganze soll per Foto dokumentiert werden, dafür gibt es 1,50 Euro. Wer sowieso gerade die Straße entlangläuft, kann sich im Vorbeigehen somit einen Cappuccino verdienen. Und das mit einem Job, bei dem es sich für das Unternehmen niemals lohnen würde, einen Mitarbeiter rauszuschicken. In einem anderen Fall soll eine Baustelle fotografiert werden oder eine Speisekarte.

Kein zweiter Job

„Die häufigsten Aufgaben sind tatsächlich eher die kleineren: Schnell mal ein Foto machen, schnell mal prüfen, ob irgendwas noch existiert – also die, die durchschnittlich zwischen einem und drei Euro bringen", sagt Gründer und Geschäftsführer Werner Hoier. Das mache etwa 80 Prozent der Jobs aus.

Diese Art von Mini-Jobs nebenher funktioniert in Deutschland, weil Streetspotr nicht als Arbeitgeber auftritt. „Wir sind nicht weisungsbefugt, die Nutzer wählen selbst aus, welche Jobs sie machen wollen", erklärt der Gründer. „Keiner wird bei uns Vollzeit arbeiten und seinen Job an den Nagel hängen." Durchschnittlich würden die Nutzer etwa 2,50 Euro pro Job bekommen, habe eine schon etwas ältere eigene Untersuchung gezeigt. „Das sind schon wirklich Micro-Jobs", sagt Hoier. „Offen gesagt: Man wird damit auf keinen Fall reich. Es ist kein zweiter Job, mit dem man richtig Geld verdient, wie es häufig von den Medien dargestellt wird. Es ist etwas, bei dem man nebenbei – wenn man es denn will – noch Geld verdienen kann."

Einige nehmen nur die Jobs in der Nähe mit. Andere betrachten das ganze eher als digitale Schnitzeljagd. Für Nutzer aus der sogenannten Geocaching-Community ist die App Teil ihres Spiels. Beim Geocaching geht es darum, dass Nutzer selbst organisierte digitale Schnitzeljagden mit dem Smartphone durchführen, wobei es für das Erreichen bestimmter Orte Punkte gibt. „Die machen sich vorher schon Routen, auf denen Sie sowohl die Caches als auch die Spots einplanen", sagt Hoier.

Wer sich bei der App anmeldet, sieht zunächst vor allem Aufgaben für null Euro – vor allem von Streetspotr selbst. Dabei handelt es sich um Qualifizierungsaufgaben, damit die Macher sehen, dass Aufgaben gewissenhaft durchgeführt werden. Mit diesen Anfangsaufgaben qualifiziert sich der Nutzer für Höheres. Sehr einfache Mini-Jobs – wie das Abfotografieren einer Speisekarte für 1,50 Euro – sind von Anfang an zugänglich.

„Mystery-Shoppen" als Servicetest

Aufgaben für Fortgeschrittene sind dagegen oft Jobs, die von Marktforschern vergeben werden. Sie setzen die Nutzer für anonyme Zufriedenheitstests ein. „Mystery-Shopping" wird diese Form des anonymen Servicetests genannt. Um diese angezeigt zu bekommen, muss der Nutzer vorher „ungefähr drei bis vier" Qualifizierungsaufgaben erledigt haben, sagt Hoier. Für die komplexeren Aufgaben erhalten die Nutzer dann bis zu 20 Euro.

Für jede bewältigte Aufgabe zahlt ein Unternehmen das Doppelte von dem, was der Streetspotr-Nutzer erhält. Daneben würden aber auch Kooperationen und Rahmenverträge mit anderen Konditionen ausgehandelt.

Nach öffentlichem Start des Unternehmens im April dieses Jahres erlebte Streetspotr einen kleinen Medienhype im Sommer. Auf einen Bericht auf Spiegel Online folgten TV-Beiträge unter anderem bei „Galileo" von Pro Sieben und beim Nachrichtensender n-tv. Seit damals hat sich die Zahl der Nutzer von 20.000 auf 90.000 vergrößert, sagt Hoier. Nur bei der Anzahl der Jobs, die Unternehmen auf die Plattform einstellen, gäbe es nach wie vor einen Mangel, gibt er zu.

Die Anzahl der Unternehmen, die auf der Plattform angemeldet sind, befände sich im zweistelligen Bereich, so der Gründer. Allerdings habe Streetspotr durch die Medienaufmerksamkeit interessante Kooperationen mit größeren Unternehmen eingehen können – beispielsweise mit Marktforschern und Medienverlagen. „Die Verlage sind beispielsweise daran interessiert, mit Hilfe des Dienstes die Daten, die sie bereits haben, zu verbessern."

Um mehr Unternehmen zu überzeugen, geht Streetspotr Kooperationen ein. Das Essensbestellportal Lieferheld, das sich derzeit eine teure Werbeschlacht mit der Konkurrenz von Pizza.de liefert, wird derzeit beispielsweise auf dem Dienst beworben. Nutzer können sich durch Aufgaben Gutscheine verdienen und das Logo wird auf der Plattform platziert.

Auch Privatleute nutzen die Crowd

Privatleute können Streetspotr noch nicht nutzen, um Aufgaben erledigen zu lassen. Das ist bei anderen Plattformen anders. Beim Hamburger Start-up Gigalocal schreiben Privatleute Jobs aller Art aus: Ein Nutzer aus Berlin sucht beispielsweise einen technisch begabten Nachbarn, der ihm für 25 Euro ein Autoradio einbaut. Ein Berliner Journalist sucht für eine Recherche jemanden, der für ihn ein Telefongespräch auf Tamil führt – und bietet dafür 100 Euro. In den USA hat das Konzept schon lange Fuß gefasst.

Auch Streetspotr will sich für Privatnutzer öffnen. „Wir wollen uns im nächsten Jahr vermutlich auch für User öffnen – man muss dabei nur genau bedenken, welche Jobs man zulässt, wie man das redaktionell umsetzt und wie es bezahlt wird. Aber es steht auf unserer Roadmap", sagt Hoier.

Die US-Stadt Boston nutzt bereits seit 2011 das Crowdsourcing-Prinzip, um von den Bürgern Straßenschäden und andere Missstände samt Geodaten dokumentieren zu lassen, die das Smartphone automatisch durch den eingebauten GPS-Empfänger erfasst. So werden Straßenschäden und andere Beschädigungen schneller repariert.

Etwas Ähnliches kann sich Streetspotr-Geschäftsführer Hoier auch für Deutschland vorstellen. Mit der städtischen Behörde von Nürnberg wurde ein entsprechendes Experiment bereits durchgeführt. Ein Hindernis für die Zusammenarbeit mit Kommunen ist allerdings die Finanzierung. „Man meldet eine Verschmutzung oder Beschädigung. Dafür bekommt der Nutzer dann Geld", sagt Hoier. „Wenn die Kommunen dafür allerdings Geld zahlen, dann kommen sie in Zugzwang. Dann müssen sie die Schäden natürlich auch beheben."

Vor allem männliche Studenten nutzen Streetspotr bislang, sagt Hoier. „75 Prozent sind Männer." An dieser hohen Quote habe sich mit dem Nutzerwachstum bislang kaum etwas geändert. Das ist anders als bei dem Berliner Crowdsourcing-Unternehmen Crowd Guru, bei dem laut Gründer Philipp Hartje rund 60 Prozent der Nutzer Frauen sind.

Bis 2014 soll Streetspotr schwarze Zahlen schreiben, sonst glaube er nicht mehr an das Geschäftsmodell, sagte Hoier im August im Gespräch mit Nordbayern.de. „Wir schreiben noch immer keine schwarzen Zahlen, aber es entwickelt sich sehr gut", sagt der Unternehmer heute. „Wir können zumindest unsere Angestellten bezahlen, und es entwickelt sich dahin, dass wir profitabel werden".

Deshalb hat die Firma auch aufgerüstet: „Anfang des Jahres waren wir quasi noch zu viert", erzählt Hoier. Inzwischen beschäftigt das Start-up 11 Mitarbeiter inklusive der Gesellschafter. „Wir haben vor allem für die Qualitätssicherung aufstocken müssen, da wir jeden Job der reinkommt natürlich auch überprüfen müssen."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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