• The Wall Street Journal

Michael Schumacher: ein strahlender Verlierer

    Von THOMAS MERSCH
[image] dapd

Die nackten Zahlen sprechen gegen ihn. Wenn Michael Schumacher am Sonntag in Sao Paulo beim Saisonfinale seine Abschiedsrunden in der Formel 1 drehen wird, fällt die Bilanz ernüchternd aus. Gerade einmal Platz 15 belegt der Rekordchampion vor dem letzten Rennen in Brasilien in der Fahrerwertung. Auch sein Arbeitgeber Mercedes GP kann nicht zufrieden sein. Der Rennstall des Stuttgarter Auto-Herstellers bleibt mit Platz fünf in der Rangliste der Teams deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Es wirkt, als hätte Schumachers Comeback ganz andere beflügelt.

Der nationale Rivale Sebastian Vettel nahm beim Team Red Bull erst so richtig Tempo auf, als Schumacher wieder in der Formel 1 antrat. 2010 war das – und da gewann Vettel seinen ersten Titel. Auch 2011 war der Heppenheimer die Nummer eins. Und in diesem Jahr stehen die Chancen gut, dass der dritte Gesamtsieg in Folge gelingt. Der Vorsprung ist komfortabel: Selbst wenn sein ärgster Verfolger Fernando Alonso in Sao Paulo Erster werden sollte, reicht Vettel Platz vier.

230 Punkte trennen Schumacher vom Titelfavoriten Vettel. Am Wochenende könnten es sogar noch ein paar mehr werden. War das Comeback also nichts als eine dreijährige Irrfahrt, die das Image des siebenmaligen Formel-1-Siegers nachhaltig angekratzt hat?

Ecclestone: "Schumacher ist die Formel 1"

Nein, sagt Ex-Rennfahrer Hans-Joachim Stuck. Der für Fahrkunst und Ehrgeiz bekannte Schumacher müsse sich keine Sorgen machen. „Er ist der erfolgreichste Formel-1-Fahrer der Welt – und er wird das auch noch lange bleiben", sagt Stuck, Präsident des Deutschen Motor Sport Bundes (DMSB) und Motorsport-Repräsentant des Volkswagen-Konzerns. „Michael Schumacher ist eine lebende Legende und der wichtigste Formel-1-Botschafter der Welt." Den Ritterschlag für den 43-Jährigen gibt es von Bernie Ecclestone höchstpersönlich: „Er ist die Formel 1. Wir werden ihn vermissen", wird der Formel-1-Chef in einem Medienbericht zitiert.

Auch ein Blick auf die Werbeeinnahmen zeigt, dass nicht nur die aktuellen Erfolge zählen. Acht Jahre nach seinem letzten Titelgewinn gibt Schumacher seinem Konkurrenten Vettel hier immer noch deutlich das Nachsehen.

Millionenzirkus Formel 1

Fünf bis sechs Millionen Euro nimmt Schumacher laut einer Erhebung der Sponsoringberatung Sport+Markt pro Jahr mit Verträgen ein, die er unter anderem mit dem Finanzvertrieb Deutsche Vermögensberatung (DVAG) und dem Mineralwasserhersteller Rosbacher geschlossen hat. Vettel kommt erst auf drei bis vier Millionen Euro. Auf seiner Abschiedstour konnte Schumacher zuletzt sogar noch nachlegen – er wirbt künftig für den Tor- und Türenhersteller Hörmann. Im September verbündete sich Schumacher bereits mit Erlinyou, einem Hersteller von Navigationslösungen.

Für Hans-Joachim Stuck ist das weiterhin hohe Interesse an Schumi keine Überraschung: „Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Wenn man aufhört, dann nehmen die Werbe-Engagements erst einmal zu, da gibt es immer einen gewissen Hype."

Kein deutscher Sportler ist beliebter

Zwar werde Vettel künftig sicher aufholen, vor allem, wenn der Titel-Hattrick gelingen sollte. „Aber man wird auch sehen müssen, wie sich der gesamte Motorsport entwickelt", schränkt Stuck ein. „Es wird viel über Kostenkürzungen geredet – und das betrifft natürlich auch die Sponsoren." Allein Alonso als einziger spanischer Vertreter neben dem bislang punktelosen Pedro de la Rosa liegt mit sieben bis acht Millionen Euro pro Jahr bei den Werbeeinnahmen als einziger Formel-1-Pilot vor Schumacher.

Nicht nur bei den Sponsoren, auch in der Gunst der Fans bleibt Schumacher ganz vorne.Weder Bastian Schweinsteiger als beliebtester Fußballer Deutschlands noch Basketballstar Dirk Nowitzki können ihm das Wasser reichen.

Die beliebtesten Sportler Deutschlands

Immerhin: In Popularitäts-Ranking liegt Vettel bereits gleich auf mit dem älteren Rivalen. Um langfristig dessen Status der Unangreifbarkeit zu erreichen, muss sich der Weltmeister aber noch einige Jahre anstrengen und weiter auf der Überholspur fahren. „Schumacher ist noch ein paar Nummern größer, da liegt ein langer Weg vor ihm", sagt Stuck. „Eine Legende wird man nicht mit 25." Doch Formel-1-Chef Ecclestone ist skeptisch. Vettel fehle Charisma.

Einer Ikone wie Schumacher dagegen kann selbst ein Comeback, das gründlich schief geht, nichts anhaben – davon ist auch Friedhelm Lange, Motorsportexperte bei Sport+Markt überzeugt. Er verweist auf den US-Amerikaner Michael Jordan. Auch den Mega-Star des Basketballs zog es zurück aufs Feld, nachdem er schon in den Ruhestand gewechselt war. Es lief nicht mehr rund, doch ohne erkennbare Folgen. „Wer in seiner Sportart einmal so dominant und erfolgreich war, dem kann selbst Misserfolg nicht mehr schaden."

Finanziell zahle sich die Rückkehr einer Sportlegende in der Regel ganz unabhängig vom sportlichen Erfolg aus. „Für Sponsoren zählt der Imagetransfer eines Sportlers, der wegen seiner herausragenden Erfolge allerhöchste Achtung genießt. Ein Comeback bringt dann auch noch eine höhere Präsenz in den Medien", sagt Lange. „Und echte Fans vergessen nicht so schnell, was ihr Star früher geleistet hat."

Macht es Schumi wie Boris Becker oder Kaiser Franz?

Darauf kann Schumacher auch bauen, wenn er nach dem Wochenende endgültig aus dem Formel-1-Cockpit steigt. Aber welche Unternehmen könnten künftig mit Schumacher werben wollen? Vielleicht Online-Poker-Anbieter wie beim Ex-Tennisstar Boris Becker? Oder wird er wie der Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer über Jahrzehnte mit Unternehmen verschiedenster Branchen ins Geschäft kommen – vom Bierbrauer über den Mobilfunker bis hin zum Erdgaskonzern?

Nein, ein Beckenbauer der Formel 1 werde Schumacher nicht, sagt Lange. Dazu prägten Perfektionismus und absoluter Ehrgeiz zu stark das Image des Rennfahrers. „Er wird nie der große Entertainer sein. Und seine Partner werden auch künftig eher Unternehmen sein, die vor allem auf Seriosität und Technik-Affinität setzen." Allerdings kann die Erfahrung, auch mal zu verlieren, noch nützlich werden.

Michael Schumacher als strahlender Verlierer: „Er hat in den letzten drei Jahren eine gewisse Verbissenheit ablegt", sagt Lange. Damit hat Schumacher sich etwas angeeignet, was ihm Vettel voraus hatte. Der ist für Lange das Sinnbild von Lockerheit, Authentizität und Unbefangenheit. Das kommt in einer ganzen Reihe von zahlungskräftigen Branchen gut an. „Vettel ist ein absolut passender Werbepartner für die Mode- und Freizeitindustrie, außerdem für Konsumgüterhersteller."

Lange ist überzeugt, dass es eine Weile dauern wird, bis Schumacher von der Öffentlichkeit tatsächlich als Motorsport-Rentner wahrgenommen wird: „Auch im nächsten Jahr werden einige ihn in Umfragen noch als aktiven Fahrer nennen." Eine Art Phantomschmerz, den Lange da prognostiziert.

Wenn es nach Hans-Joachim Stuck geht, wird das Publikum damit sogar richtig liegen. Er hofft auf ein erneutes Comeback – jedoch nicht in der Formel 1. „Mein größter Wunsch wäre es, wenn Michael mit seinem Bruder Ralf bei der GT Masters fährt. Die beiden in einem Team, das wäre der Hit." Die Werbewirtschaft stimmt sicher zu. Uneingeschränkt.

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