• The Wall Street Journal

O là là - Das französische Fernsehen wird englisch

    Von SAM SCHECHNER

PARIS – In einer Folge der neuen französischen Fernsehserie „Jo" hetzt ein Pariser Polizist zum Eiffelturm, um einen Mordfall zu lösen. Was verwundert: Nicht die Frage nach dem Täter steht im Mittelpunkt des Dramas, sondern die Sprache, die aus dem Mund des hartgesottenen Beamten kommt: Englisch.

Weil das Fernsehgeschäft immer von Tag zu Tag globaler wird, stehen TV-Produzenten weltweit vor großen neuen Herausforderungen. Um mit aufwendig hergestellten US-Serien wie „The Mentalist" mithalten zu können, müssen sich Produzenten aus anderen Ländern zunehmend in den USA nach Geldgebern umsehen. Also müssen sie Formate entwerfen, die sich auch dort vermarkten lassen, die die Sprache Hollywoods sprechen und ins Bild passen.

[image] Atlantique Productions

Eine Szene aus der französischen TV-Serie "Jo" mit Jean Reno.

Das Resultat der Internationalisierung: In einem Land wie Frankreich, wo man stolz auf seine Sprache ist, werden mehrere neue Fernsehserien nun in Englisch gedreht. Erst später, vor der Ausstrahlung über einen französischen Sender, werden sie dann synchronisiert.

Neben „Jo", das vom Sender TF1 ausgestrahlt wird, planen französische Sender weitere englischsprachige Shows. So soll es eine Neuerzählung der Vorgänge auf dem Hof von Louis XIV unter dem Titel „Versailles" geben. Außerdem will man eine Serie produzieren, die auf dem Film „Barbarella" aus dem Jahr 1960 basiert. Und dann gibt es noch „Crossing Lines" – eine Sendung über ein Team aus europäischen Ermittlern, das im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofes Kriminelle auf dem ganzen Kontinent sucht.

Grund für diese Entwicklung sind neben dem großen weltweiten Wettbewerb unter TV-Serien auch die gestiegenen Produktionskosten. Denn die Zuschauer legen immer mehr Wert auf aufwendig produzierte und qualitativ hochwertige Formate. Lokale Sendungen in Frankreich haben es zum Beispiel schwer, sich am heimischen Markt gegen die großen Hollywoodproduktionen durchzusetzen. Die werden finanziert vom lukrativen US-Fernsehmarkt. Doch da können französische Sender nicht mithalten.

In diesem Jahr waren vier der fünf am meisten gesehen TV-Dramaserien in Frankreich synchronisierte Versionen von erfolgreichen US-Programmen wie „CSI: New York" – übersetzt „Les Experts: Manhattan." Das haben Untersuchungen von Médiamétrie ergeben.

Die Lücke soll geschlossen werden

Und während es sich die Netzwerke in den USA üblicherweise leisten können, zwischen 3 und 4 Millionen US-Dollar für eine einstündige TV-Folge auszugeben, muss man in Frankreich knausern. Dort können im Durchschnitt zwischen 700.000 und 800.000 Euro investiert werden, berichten die Produzenten. Sie hoffen nun darauf, die Lücke mit englischsprachigen Sendungen, die sich international verkaufen lassen, schließen zu können.

„Einerseits wollen die Zuschauer immer aufwendigere und spektakulärere Sendungen sehen. Andererseits wird der Wettbewerb immer härter und die Kanäle können immer weniger Geld ausgeben", sagt Rodolphe Belmer, zweithöchster Verantwortlicher bei Vivendis Bezahlsender Canal Plus. „Das wird früher oder später alle Sender in Richtung internationaler Produktionen treiben."

Canal Plus wendet sich immer häufiger an internationale Partner, um aufwendige Megaproduktionen realisieren zu können. Symbolisch für diese Bemühungen war die action-geladene Fernsehadaption von „XIII", einem belgischen Comicbuch, das auf Englisch mit einem Iren in der Hauptrolle gedreht wurde. Laut Belmer will Canal Plus in diesem Jahr zwölf Stunden mit solch international ausgerichteten Serien füllen. Zum Vergleich: Dem stehen 50 Stunden herkömmlicher Fernsehunterhaltung gegenüber. Doch das Unternehmen plant schon weiter. Man wolle diese Zahl in der Zukunft auf 24 Stunden verdoppeln, erklärte der Canal-Plus -Mitarbeiter.

Serien für den internationalen Markt

Einen ähnlichen Weg schlug bereits die Fernsehtochter des französischen Medienkonzerns Lagardère ein, als man vor dreieinhalb Jahren Atlantique Productions an den Start brachte. Ziel der Bemühungen war auch damals: englischsprachige Serien für den internationalen Markt herzustellen und sich durch den Verkauf der Rechte ein paar Euro extra zu sichern.

Die erste große Produktion des Unternehmens war „Borgia", ein Drama über das Alte Rom. Es wurde auf Englisch gedreht und später mit französischen Sprechern für Canal Plus synchronisiert. In den USA wurde die Serie über Netflix ausgestrahlt. Doch es ist unklar, wie erfolgreich sie auf dieser Plattform war.

„Die großen Auftragsgeber von TV-Shows werden schwächer, und deswegen nimmt auch die Geldmenge ab, die sie ausgeben können", sagt Klaus Zimmermann von Atlantique Productions. „Wir produzieren darum Serien, die ein bisschen national und ein bisschen international sind. Anders ließe sich das gar nicht finanzieren."

Doch auch das internationale Modell steht vor Herausforderungen. Es ist immer relativ schwierig, vorauszusagen, wie populär eine Sendung in der Heimat und in anderen Ländern sein wird. Auch ist es nicht immer leicht, Serien im Ausland hochpreisig zu verkaufen. Schließlich gibt es viele Sender in vielen Ländern und alle brauchen Inhalte. Atlantique hatte zum Beispiel behauptet, man habe einen Deal über 4 Millionen US-Dollar mit dem kleinen TV-Sender Ion Media Networks abgeschlossen. Das Netzwerk sollte dafür die erste Staffel von „Jo" exklusiv in den USA ausstrahlen dürfen. Das wurde am Rande eines Prozesses bekannt, den Atlantique im vergangenen Monat in Kalifornien angestrengt hat. Denn Ion soll den Vertrag gebrochen haben. Der Sender weigert sich zu zahlen und behauptet, es habe niemals eine Vereinbarung gegeben. Weder Klaus Zimmermann noch Ion wollten sich zu dem Prozess äußern.

Viele bekannte Gesichter aus dem US-Fernsehen

Doch die Sprache ist längst nicht alles, was die neuen Shows importiert haben. Auch wenn in „Jo" der französische Schauspieler Jean Reno die Hauptrolle spielt, so finden sich unter den anderen Darstellern viele bekannte US-Gesichter aus Film und Fernsehen wieder. Einer ist zum Beispiel der „Law & Order"-Schauspieler Jill Hennessey. Autor und Regisseur der Serie ist der langjährige „Law & Order"-Produzent René Balcer. Er bringe einen amerikanischen Touch in die Sendung, erklärte er. „Es wird nicht National Geographic Paris sein", sagte Balcer. „Wir sind nicht auf der Suche nach hübschen Bildern."

Um es möglichst natürlich wirken zu lassen, dass alle Darsteller in Paris Englisch sprechen, wurden große Anstrengungen unternommen. Die Straßenschilder wurden übersetzt und alle Charaktere – mit Ausnahme von Jean Reno – sprechen mit dem amerikanischen Akzent, wie man ihn aus dem US-Fernsehen kennt.

Um die Illusion aufrechtzuerhalten, wird nie die Frage aufgeworfen, welche Sprache die Menschen sprechen. Selbst dann nicht, wenn die Charaktere eigentlich aus Frankreich, Kanada oder den USA kommen. „Ich bin überzeugt, dass es dem amerikanischen Publikum gar nicht auffallen wird", sagt Zimmermann. „Die werden sich sagen: Okay, in Frankreich spricht man also Englisch."

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