• The Wall Street Journal

Nintendo kämpft mit neuer Konsole gegen den Zeitgeist

    Von DAISUKE WAKABAYASHI und IAN SHERR
dapd

Nintendo-Mitarbeiter demonstrieren Nintendos neue Spielekonsole Wii U in New York.

Wie der berühmte Super Mario versucht Nintendo derzeit seinen Gegner davonzulaufen. Der japanische Videospielepionier, der gerade den ersten Jahresverlust seit mehr als drei Jahrzehnten verbuchen musste, begann diese Woche mit dem Verkauf der Wii U in den USA – die erste neue Spielekonsole des Konzerns seit sechs Jahren. In Deutschland kommt die Konsole am 30. November auf den Markt.

Nintendo setzt weiter darauf, mit kostspieliger Hardware auf dem Videospielemarkt erfolgreich zu sein. Ein Wagnis, fand doch das Wachstum zuletzt bei Spielesoftware für Smartphones und anderen mobilen Geräte statt.

Smartphones und Tablets bedrohen Nintendo

„Die Veränderungen, die in den vergangenen paar Jahren stattgefunden haben sind schwerwiegend", sagt Nintendo-Präsident Satoru Iwata kürzlich in einem Interview. „Wenn wir nicht vorwärts schreiten, könnten die Nachfrage nach unseren Spielen fallen, weil neue Geräte in unserem Geschäft wildern".

Zum Vergrößern Klicken

Die Konsole, die in den USA zum Preis von 300 US-Dollar verkauft wird, kommt mit hochauflösender Grafik und einer Tablet-artigem Bedienung daher. Der Spiele-Controller bietet neben dem Fernsehschirm einen zweites 6,2-Zoll-Display – eine große Veränderung gegenüber der derzeitigen einfacheren Bewegungssteuerung.

dapd

Nintendos Spielekonsole Wii U mit dem Gamepad-Controller im Vordergrund.

Indem die neue Konsole deutlich leistungsstärkere Hardware bietet als das Vorgängermodell, versucht Nintendo mehr Hardcore-Gamer vom System zu überzeugen, die mit den einfachen Spielen mit Bewegungssteuerung für die Original-Wii nie richtig warm wurden.

Konsole wird unter Herstellungspreis verkauft

Es ist eine kostspielige Wette: Die Kosten für den Toucscreen-Controller namens Wii U Gamepad zwingen Nintendo dazu, die Konsole mit Verlust zu verkaufen, um eine möglichst große Nutzerbasis für das Gerät zu gewinnen. Das Kalkül: Sie sollen die Spiele mit hoher Marge kaufen. Das ist eine verbreitete Strategie der Branche, die Nintendo in der Vergangenheit aber gemieden hat.

Die beliebtesten Konsolen-Klassiker von Nintendo

Evan Amos/CC 3.0

Der Preis der Wii U macht sie konkurrenzfähig zu den aktuellen Sonderangeboten der Microsoft Xbox 360 und der Sony Playstation 3. Von beiden Unternehmen werden neue Konsolen im nächsten Jahr erwartet – vermutlich zu einem ähnlichem oder etwas höherem Preis.

Vor drei Jahren war Nintendo noch König der 78 Milliarden Dollar schweren Videospielindustrie. Die Wii erwies sich als Verkaufsschlager und der Nintendo DS war die mobile Konsole mit den höchsten Verkaufszahlen überhaupt. Doch eine Serie von Rückschlagen, darunter der nur mäßige Start des DS-Nachfolgers 3DS und ein starker Rückgang der Wii-Verkaufszahlen, warfen die Frage auf, ob Nintendo vielleicht auf der falschen Seite des Grabens steht, was die neue Generation der Spieler angeht.

Nintendo wollte nicht von seinem erprobten Weg abweichen, spezifische Spielekonsolen herzustellen. Damit verzichtete der Konzern auf die durchaus lukrative Möglichkeit, seine Spieleexpertise Milliarden von Smartphone- und Tablet-Nutzern zugänglich zu machen.

Bis zum Jahre 2016 wird es nach einer Schätzung von Gartner weltweit 2,24 Milliarden Mobiltelefone geben. Die Zahl der genutzten Tablets schätzt Gartner dann auf 364 Millionen. Spielekonsolen soll es dann nur noch 48,8 Millionen geben.

„Würde Nintendo seine Spiele für Smartphones anbieten, würden sie wahrscheinlich Millionen davon verkaufen", sagt Michael Pachter, Analyst bei Wedbush Securities in Los Angeles. Sogar die Rivalen Sony und Microsoft sichern ihre Wetten ab. Sony startete einen speziellen App Store namens „Playstation Mobile", in dem es rund 30 neue Spiele gibt, die auf einigen Smartphones und Tablets mit Googles Android-Betriebssystem laufen. Microsoft hat Xbox-Angebote in PCs, Tablets und Smartphones integriert, die mit dem neuesten Betriebssystem des Konzerns ausgestattet sind.

Nintendo will einzigartig sein

Doch Nintendo will nicht. Nintendo-Chef Iwata äußerte sich kürzlich am Hauptsitz in Kyoto zu dem Thema, zusammen mit Shigaru Miyamoto, dem bekanntesten Spieleerfinder des Unternehmens. Nur mit seiner eigenen einzigartigen Hardware, sagte Iwata, könne Nintendo Spiele anbieten, die auf anderen Geräten nicht kopiert würden. Miyamoto ist unter anderem für Spielehits wie „Super Mario Bros." und „Legend of Zelda" verantwortlich.

Vom Walkman zum iPad: Ikonen der Elektronik

Für die Logik des Wettbewerbs hat Iwata wenig Verständnis: „Es ist einfach uncool etwas nur zu tun, weil andere Leute damit Geld verdienen", sagte er. „Wir wollten immer etwas tun, was die Leute dazu bringt zu sagen ‚Daran haben wir nicht gedacht. '"

Iawata und Miyamtoto sagten, sie machten sich Sorgen um eine „Entwertung" der Wii-U-Spiele, wenn sie sie für Telefone und andere Geräte verfügbar machten. Diese Geräte würden von einem Spieleangebot überflutet, die entweder kostenlos seien oder für einen Bruchteil des Preises verkauft würden, den Spiele auf klassischen Konsolen kosteten. Für ein Spiel, dass auf der Wii U läuft, müssen etwa 60 Dollar hingeblättert werden, die meisten Spiele für Smartphones und Tablets kosten unter 10 Dollar, viele sogar nur 99 Cent. Zwar sind klassische Konsolenspiele anspruchsvoller, doch für viele Nutzer reichen die kostenlosen und günstigen Spiele aus.

Konkurrenz der kostenlosen Online-Spiele

Konkurrenten wachsen schnell. Zynga machte sich einen Namen mit Spielen wie „Zynga Poker" und „Farmville" auf Facebook . Die japanische Firma Nexon bietet kostenlose Multiplayer-Online-Spiele an, die in Asien populär sind. Die ebenfalls aus Japan stammende Firmen Gree und Dena sind ebenfalls mit ihrem Angebot von kostenlosen Spielen für Mobiltelefone schnell groß geworden.

„Sie bekommen eine ganze Menge Unterhaltung für weniger Geld, als sie es gewohnt sind", wirbt Nexon-Finanzchef Owen Mahoney. Nexon versuche die Art von kreativen und unterhaltenden Spielen anzubieten, die Nintendo einst bekannt gemacht haben – aber mit einem anderen Geschäftsmodell, fügte er hinzu. Das Unternehmen erlaubt Spielern die Spiele kostenlos auszuprobieren, die sie ansonsten häufig nicht kaufen würden. Die Entwickler sehen so, welche Spiele an Fahrt gewinnen und können ihre Ressourcen den populärsten Spielen widmen.

Doch Nintendo-Chef Iwata, der als Teenager in den 1970er Jahren erste Computerspiele auf seinem Taschenrechner programmierte, hat Vorbehalte philosophischer Natur gegen den Free-to-Play-Ansatz, der die Nutzer dazu verführt, im Spiel selbst virtuelle Gegenstände gegen echtes Bares zu kaufen, um im dort schneller voranzukommen. Er stellt in Frage, dass das ein guter Weg ist, um langfristige Beziehungen zu Kunden aufzubauen. „Die Geschichte wird zeigen, ob ich recht hatte oder ob diejenigen recht behalten, die sagen, dass wir altmodisch sind", sagt Iwata.

Nintendo begann 2009 mit den ersten Experimenten einer Spielekonsole, die einen Controller mit zweitem Bildschirm besitzt. Damals verkaufte sich die Wii immer noch gut, doch Nintendo-Manager sahen, dass ihr Vormarsch ins Wohnzimmer auf Grenzen stieß, weil die Konsole den Familienfernseher komplett in Beschlag nahm, wenn sie genutzt wurde. „Wir wollten vom Fernseher unabhängig werden", sagte Miyamoto.

Spielen auch ohne Fernseher

Der drahtlose Controller funktioniert auch ohne Fernseher, sodass der Spieler ein Spiel auf dem Gamepad weiterspielen kann, wenn jemand anderes das TV-Gerät nutzt. Das Gamepad funktioniert allerdings nur in unmittelbarer Nähe zur Spielekonsole, ist also nicht als mobile Konsole außerhalb der eigenen Wohnung gedacht.

Um die Idee voranzutreiben, den Controller zu einem Schlüsselgerät des Wohnzimmers zu machen, hat Nintendo einen Webbrowser sowie die Fähigkeit zur Videotelefonie eingebaut. Das Unternehmen stattete den Controller außerdem mit der Fähigkeit aus, auch Videorekorder, Set-Top-Boxen von Kabel- und Satelliten-Anbietern sowie von Videodiensten wie Hulu und Netflix fernzusteuern.

Die Bedienung im Tablet-Stil erlaubt außerdem gemeinsame Spiele, bei denen ein Spieler über andere Informationen verfügt als seine Mitspieler. Eines der ersten Spiele, die Nintendo mit dieser Funktion ausgestattet hat, heißt „Nintendo Land: Mario Chase" – eine Computer-Version von Versteckspielen.

Zweiter Bildschirm ermöglicht neue Spiele

Im Spiel kontrolliert einer der Spieler die berühmte Computerspielfigur Mario und versteckt sich mit einem Vorsprung von zehn Sekunden in einem Labyrinth. Mit dem Gamepad-Controller kann der Spieler sehen, wo im Labyrinth sich die anderen Spieler gerade befinden. Bis zu vier Spieler können versuchen, Mario zu fangen. Die Verfolger sind dabei allerdings auf den Fernsehbildschirm angewiesen – und können damit nur sehen, was sich direkt vor ihnen abspielt. „Das ist ein völlig neues Prinzip, das eine neue Art zu Spielen erfordert", sagt Iwata.

Laut Iwata ist erste Charge der Wii U beim Videospieleinzelhändler Gamestop in den USA innerhalb von zwei Tagen mit 250.000 Vorbestellungen ausverkauft gewesen. Es ist offen, ob Nintendo die starke Nachfrage bedienen kann, die mit dem Weihnachtsgeschäft anziehen wird.

Nach ihrem Debüt in den USA wird die Wii U in Europa am 30. November und am 8. Dezember in Japan verfügbar sein. Nintendo gibt an, 5,5 Millionen Geräte bis Ende März verkaufen zu wollen und hofft, in derselben Zeit 24 Millionen Spiele für die neue Konsole loszuwerden. Das Einstiegsmodell soll in den USA 299 Dollar kosten. Eine Version mit mehr Speicher und der Minispiele-Sammlung „Nintendo Land" – darunter auch das im Artikel beschriebene Versteckspiel „Mario Chase" - wird für 349 Dollar verkauft.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 24. April

    Kleingedruckte Rezepte auf Sri Lanka, ein kleiner Eisbär in St. Petersburg, eine brenzlige Lage im Osten der Ukraine und ein tief gefallener Bernie Ecclestone in München. Das und noch mehr steckt diesmal in unseren Bildern des Tages.

  • [image]

    Wo Europas Schuldenberge am höchsten sind

    Trotz Fiskalpakt: Die Haushaltsdefizite und die Staatsschulden in der Europäischen Union bleiben hoch. Vor allem die Spanne zwischen den finanziellen Musterschülern und den Haushaltssündern ist beträchtlich.

  • [image]

    Die Auto-Neuheiten aus China

    Der chinesische Automarkt gilt als schwierig - aber auch als lukrativ. Im Jahr des Pferdes versuchen die Autobauer mit limitierten Editionen und protzigen Modellen, die Käufer zu umgarnen. Wir zeigen Ihnen die Neuheiten der Automesse in Peking.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.

Erwähnte Unternehmen