• The Wall Street Journal

Jahresendrally in Gefahr

    Von MANUEL PRIEGO-THIMMEL
[image] dapd

Nach der Erholung der vergangenen Tage keimt bei den Anlegern die Hoffnung auf eine Jahresendrally an den Börsen wieder auf. Sollte es bald zu einer Freigabe neuer Hilfsgelder für Griechenland kommen, so die Hoffnung, wäre die Erleichterung derart groß, dass die Aktienmärkte weiter stiegen. Doch so einfach ist die Rechnung nicht.

An anderer Stelle nämlich wachsen die Unsicherheiten. Aus den Parlamentswahlen in Katalonien am Sonntag zum Beispiel werden vermutlich die separatistischen Kräfte gestärkt hervorgehen. In den USA unterschätzen Anleger inzwischen die Risiken, die mit dem Haushaltsstreit und der Fiskalklippe verbunden sind.

Zu Wochenbeginn wird zunächst das Treffen der Finanzminister zu Griechenland die Aufmerksamkeit der Märkte auf sich ziehen. Um die Stimmung in der Troika steht es nicht zum Besten. Bislang beharrt der Internationale Währungsfonds darauf, dass der griechische Schuldenstand bis 2020 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung gesenkt wird.

Das wird ohne einen Schuldenschnitt der öffentlichen Gläubiger kaum zu erreichen sein. Dagegen sperrt sich Berlin - nicht nur aus haushaltsrechtlichen Gründen. Die Verhandlungsposition gegenüber anderen Ländern der Peripherie würde geschwächt, die eine ähnliche Behandlung einfordern könnten.

Geld nach Griechenland dürfte bald fließen

Dennoch sind die Börsianer fest davon überzeugt, dass die nächste Hilfstranche an Griechenland über 31,5 Milliarden Euro ausgezahlt wird. Und aus gutem Grund: Im Sommer scheint die Bundesregierung die Entscheidung getroffen zu haben, Griechenland nicht fallen zu lassen. Nun eine Kehrtwende hinzulegen, käme an den Finanzmärkten sehr schlecht an.

Diese sind auf eine Pleite Griechenlands zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorbereitet. Es drohten neue Ansteckungen in die Eurozone. Es dürfte also schon bald Geld nach Athen fließen. Selbst wenn das bedeuten sollte, dass sich der IWF aus dem Rettungsprogramm zurückzieht.

Börsen-Optimisten, die auf die Regionalwahlen in Katalonien setzen, werden indes wohl enttäuscht werden. Diese Anleger hoffen darauf, dass nach der Wahl der Weg für einen Hilfsantrag der spanischen Regierung in Brüssel freigeräumt ist. Dann könnte die EZB endlich das von Finanzmärkten sehnlichst herbeigewünschte OMT-Anleihekaufprogramm starten. Dieses würde die Anleihemärkte in der Peripherie stützen und wäre klar positiv für Aktien und Euro. Madrid wird aber auch nach dem Wochenende den Gang unter den Rettungsschirm der EU nur im äußersten Notfall antreten.

Spanien-Bailout dürfte weiter auf sich warten lassen

Glaubt man den Umfragen, werden im nächsten katalanischen Regionalparlament diejenigen Kräfte die klare Mehrheit stellen, die sich für ein Referendum über die Unabhängigkeit der Region aussprechen. Madrid lehnt ein solches Ansinnen zwar ab, weil es mit der spanischen Verfassung unvereinbar sei. Dennoch dürfte die Regierung Rajoy sehr darauf bedacht sein, die angespannte Stimmung zwischen Barcelona und der Zentralregierung nicht weiter anzuheizen. Und mit einem Bailout verbundene zusätzliche Auflagen an Spanien, die auch Katalonien träfen, sind dazu nicht angetan.

Auch wenn zuletzt in den Hintergrund geraten, so gehen nach wie vor erhebliche Risiken für die Märkte von der zum Jahresende drohenden Fiskalklippe in den USA aus. Für eine Umschiffung wird mehr nötig sein als versöhnliche Töne zwischen Präsident Barack Obama und dem Sprecher der Republikaner im Repräsentantenhaus John Boehner. Insbesondere stellt sich die Frage, inwieweit Boehner die vielfältigen Meinungen innerhalb der republikanischen Partei vertritt.

Fiskalklippe noch nicht umschifft

Ein großes Fragezeichen muss hinter den radikalen Tea-Party-Flügel gesetzt werden, der jegliche Steuererhöhungen ablehnt. Im vergangenen Jahr hatte er die Einigung zur Anhebung der Schuldenobergrenze bis zur letzten Sekunde verhindert.

Die Folge war der Entzug des "AAA"-Rating für die USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's. Vermutlich wird es auch dieses Mal zu einer Einigung im Kongress kommen. So einfach, wie sich das die Marktakteure derzeit vorstellen, wird ein Kompromiss aber kaum zu erzielen sein.

Das bedeutet nun nicht, dass die Börsen vor einem Crash stehen. Dieser ist unwahrscheinlich, solange die Zentralbanken die Märkte mit unbegrenzten Liquiditätszusagen unterfüttern. Nach der jüngsten Erholung könnte es aber bald wieder volatiler an den Börsen zugehen.

Kontakt zum Autor: manuel.priego-thimmel@dowjones.com

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