• The Wall Street Journal

Von Abes Erfolg hängt auch die Weltwirtschaft ab

    Von THOMAS CATAN

Seit fast zwei Jahrzehnten ist Japan für die Weltwirtschaft weitgehend irrelevant gewesen. Das Land steckte in einer abdriftenden Umlaufbahn fest. Schlimm anzusehen, aber mit wenig Auswirkungen auf den Rest der Welt. Doch diese Periode geht jetzt vorüber – ob zum Guten oder zum Schlechten, wird sich erst noch erweisen.

Die Regierung unter Ministerpräsident Shinzo Abe hat sich auf ein riskantes Spiel eingelassen, um aus dem Teufelskreis von geringem Wachstum und fallenden Preisen auszubrechen. Bewirken soll dies eine Kombination von massiven Staatsausgaben, extrem lockerer Geldpolitik und dem mutigen Umbau der rigiden Wirtschaftsstrukturen.

[image] Associated Press

Anleger warten darauf, dass die Regierung von Shinzo Abe im Herbst ihre Pläne für dringend nötige Strukturreformen in der japanischen Wirtschaft vorlegt.

Wenn diese so genannten Abenomics erfolgreich sein werden, könnte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt als große Wachstumsmaschine wieder auferstehen, während Europa stagniert und China schwächelt. Doch wenn sie fehlschlägt, wird der gigantische Schuldenberg Japans zusammenbrechen und Schockwellen durch die Weltwirtschaft schicken.

Abenomics: „Potenzial eines Megaschocks"

„Es hat auf jeden Fall das Potenzial eines Megaschocks", sagt Michael Manetta, Volkswirt bei Roubini Global Economics. „An den Kapitalmärkten wäre die Reaktion wohl vergleichbar mit der auf [den Zusammenbruch von] Lehman" Brothers.

Der Internationale Währungsfonds hat den Versuch Japans, das Wachstum anzukurbeln, weithin begrüßt. Eine Wiederbelebung der japanischen Konjunktur wäre „ganz klar ein Gewinn für die Weltwirtschaft", sagt Jerry Schiff, der die IWF-Niederlassung in Japan leitet. „Es wäre sehr positiv, zumal es derzeit nicht viele andere Wachstumstreiber in der Welt gibt."

Gleichzeitig wachsen die Sorgen darüber, was im Falle eines Scheiterns von Abenomics passieren wird. In diesem Monat führte der IWF dies erstmals als eines der größten Risiken für die Weltwirtschaft auf.

Japans riesiger Schuldenberg könnte Hyperinflation auslösen

Das Schreckens-Szenario sieht so aus: Der Schuldenberg Japans ist ungefähr zweieinhalb Mal so groß wie die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung des Landes – so hoch wie bei keiner anderen großen Volkswirtschaft. Anleger haben es der japanischen Regierung dennoch weiter erlaubt, sich für Zinsen deutlich unter 1 Prozent Geld zu leihen, was ihren Schuldendienst erleichtert.

Aber wenn sich das Wachstum nicht stabilisieren sollte, könnten die Investoren Zweifel bekommen, ob sie ihr Geld jemals wieder sehen. „Das Risiko besteht darin, dass die Anleger sich Sorgen um die Nachhaltigkeit der Schulden machen und deshalb höhere Zinsen fordern", schrieb IWF-Chef-Volkswirt Olivier Blanchard Anfang des Monats. „Dann würde es Japan schwer fallen, mit dem Schuldenberg zurechtzukommen."

Um einen Zahlungsausfall zu vermeiden, könnte die Regierung die Zentralbank zwingen, weiter Staatsanleihen zu kaufen, was wiederum eine Hyperinflation auslösen könnte. Dann würde ein Absturz des japanischen Lebensstandards, eine Bankenkrise und massive Zinserhöhungen die Region erschüttern und die ohnehin fragile Weltwirtschaft weiter schwächen.

„Ein starker Anstieg der Renditen [für japanische Staatsanleihen] könnte weltweit massive Auswirkungen zeitigen", sagte Schiff vom IWF. „Und die sind nicht trivial."

Japaner halten die meisten Anleihen selbst – Sättigung dürfte in einigen Jahren eintreten

Dabei warnen Volkswirte schon seit Jahren vor der zu hohen Verschuldung Japans. Bis jetzt haben die Anleger das aber weitgehend ignoriert. Das liegt vor allem daran, dass rund 95 Prozent der Anleihen von den als notorisch sparsam geltenden Japanern selbst über Banken, Versicherungen und Fonds gehalten werden.

Aber ab einem bestimmten, nicht allzu fernen Punkt dürfte der einheimische Markt schlicht gesättigt sein und neue Anleihen müssten von wesentlich wankelmütigeren ausländischen Anlegern gekauft werden. Schon in drei oder vier Jahren dürfte der Vermögensstock der Japaner anfangen zu sinken, weil die Babyboomer in Rente gehen.

„Wenn sie die Probleme bis dahin nicht gelöst haben, wird es sehr schwierig, weil dann die natürliche Nachfrage [nach Staatsanleihen] über die Ersparnisse langsam aufhört", glaubt Manetta.

Im vergangenen Jahr haben zwei einflussreiche japanische Volkswirte, Takatoshi Ito und Takeo Hoshi, ausgerechnet, dass dieser Sättigungspunkt in sieben bis zehn Jahren erreicht wird, sofern nichts dagegen getan wird. Anleger würden auf diesen Moment wohl im Voraus reagieren, so dass eine mögliche Krise schon früher beginnen würde.

Abe schlägt bereits vor, die Mehrwertsteuer in zwei Schritten auf 10 Prozent zu erhöhen. Die zusätzlichen Einnahmen sollen helfen, diesen Moment nach hinten zu verschieben. Es würde aber nicht ausreichen, um die Schulden zu stabilisieren. Um dies zu erreichen, müsste Abenomics erfolgreich und langfristig die Wachstumsraten des Landes nach oben bringen.

Abe sollte seinen dritten Abenomics-Pfeil bald abschießen

Abes Regierung hat bereits den ersten der „drei Pfeile" von Abenomics abgeschossen: Sie hat einen neuen Zentralbankchef eingesetzt, der die Wirtschaft mit Geld flutet. Der zweite Pfeil, die Haushaltspolitik, wurde bisher nur halb abgeschossen. Die Regierung hat ein großes Konjunkturprogramm auf den Weg gebracht, aber noch keinen Pläne vorgelegt, wie sie mittelfristig die Steuern erhöhen und die Ausgaben senken will.

Um den zaghaften Aufschwung am Laufen zu halten, muss Abe aber vor allem den dritten Pfeil abfeuern und die japanischen Wirtschaft von Grund auf reformieren. Bisher hat er nur ein paar schüchterne Maßnahmen angekündigt, die für sich genommen nur wenig zu neuem Wachstum beitragen würden.

Der IWF fordert deutlich größere Veränderungen, um etwa mehr Frauen in Arbeit zu bringen, die Entlassung von älteren Arbeitnehmern zu erleichtern und den Agrar- sowie den Dienstleistungssektor zu deregulieren. Er hofft, dass derartige Reformen das Wachstum über Neueinstellungen, höhere Löhne und Konsumausgaben antreiben werden.

Die nächsten Monate sind dafür entscheidend. Die Anleger warten darauf, dass die Regierung von Abe nach ihrem großen Wahlsieg im Senat spätestens im Herbst ihre Pläne für den großen Strukturwandel der Wirtschaft vorlegt. Wenn Abe hier zurückweicht, wird Abenomics wohl ins Stottern kommen und letztlich nur den Schuldenberg massiv erhöht haben.

Abenomics bietet die beste – aber wahrscheinlich auch die letzte – Chance für Japan, ein Schuldendebakel zu verhindern, das auch die globale Konjunkturerholung zurückwerfen dürfte. Es sind also nicht nur die Japaner, die dabei etwas zu verlieren haben.

—Mitarbeit: Eleanor Warnock

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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