• The Wall Street Journal

Reiche Scheichs retten Air Berlin über den Winter

    Von MARKUS KLAUSEN
dapd

Mit dem Verkauf des Vielfliegerprogramms kommen 184,4 Millionen Euro frisches Geld in die Kasse von Air Berlin.

Abu Dhabi greift der finanziell angeschlagenen Fluggesellschaft Air Berlin erneut massiv unter die Arme. Die Fluggesellschaft Etihad, die den Scheichs des Emirats am Golf gehört, zahlt für das Vielfliegerprogramm von Air Berlin einen unerwartet hohen Preis und polstert das stark zusammengeschmolzene Eigenkapital von Deutschlands zweitgrößter Airline damit deutlich auf. Air Berlin dürfte sich dadurch zumindest über den Winter retten können.

Gut 180 Millionen Euro bringt der vor kurzem vereinbarte Kauf in die Kasse und lässt die Börse jubeln. Um knapp 8 Prozent steigt nach Bekanntwerden dieses Preises der Aktienkurs von Air Berlin, mit 1,627 Euro bleibt er aber auf niedrigem Niveau. Vor knapp zwei Jahren notierte das Papier noch bei über 4 Euro. Beim Börsengang im Mai 2006 waren die Aktien zu je 12 Euro verkauft worden.

Schon vor Wochen hatte der Lufthansa -Konkurrent den Verkauf des Vielfliegerprogramms an Etihad angekündigt, einen Verkaufspreis allerdings nicht genannt. Analysten hatten daraufhin vermutet, dass Etihad als Großaktionär einen „ordentlichen" Preis zahlen würde. 50 bis 100 Millionen Euro waren erwartet worden. Etihad ist mit knapp unter 30 Prozent an Air Berlin beteiligt.

Die DZ Bank spricht von einem beachtlichen Verkaufspreis. Er liege am oberen Ende der Markterwartungen.

Mit dem Erlös „kann Air Berlin das Eigenkapital etwa verdoppeln", schätzt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. „Die Sorgen um die Eigenkapitalentwicklung sollten damit erst einmal vom Tisch sein", urteilt der Analyst. Etihad zahle eine Art Freundschaftspreis und sichere so zunächst einmal das Überleben ihrer deutschen Beteiligung.

Die Geschichte von Air Berlin

Für Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn hat sich die Situation etwas entspannt, nachdem sich die Lage in den vergangenen Monaten immer mehr zugespitzt hatte. Etihad hatte Air Berlin beim Einstieg zusätzlich rund 255 Millionen US-Dollar Kredit gewährt.

Ende Juli hatte Airline davon bereits 200 Millionen verbraucht. Daraufhin fürchteten Beobachter, das Unternehmen werde mit dem Restbetrag eventuell nicht über den Winter kommen, zumal es in der kalten Jahreszeit weniger Passagiere gibt und die schwierige Lage am kleinen Airport Berlin Tegel das Unternehmen besonders treffen könnte.

Der Verkaufserlös aus dem Vielfliegerprogramm schafft nun kurzfristig Entlastung, wird mittelfristig aber nicht ausreichen. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn tritt deshalb zusätzlich auf die Kostenbremse. Noch steckt die Fluglinie in den roten Zahlen fest, im nächsten Jahr soll wieder mit Gewinn geflogen werden.

Angekündigt wurde dazu ein neues Sparprogramm, dessen Details Konzernchef Mehdorn jedoch bislang nicht genannt hat. Doch wird auch das Personal für die verfehlte Expansionspolitik der vergangenen Jahre bluten müssen. In den Medien wurde spekuliert, dass jeder zehnte Arbeitsplatz stehe auf der Kippe.

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Der hohe Kaufpreis für das Vielfliegerprogramm, den Großaktionär Etihad zählt, lässt die Aktie abheben.

Air Berlin wollte das bisher nicht kommentieren. Mehdorn selbst hat allerdings betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen. Am Freitag will der Verwaltungsrat des Unternehmens über das Sparprogramm beraten.

Für Etihad, die Fluglinie der Scheichs vom Golf, dürfte es bei dem Kauf des Meilenprogramms weniger um das Programm als solches gehen, sondern vor allem darum, der angeschlagenen Tochter eine Überlebenschance zu geben. „Etihad bekommt durch diese Daten zwar ein klares Profil von Air Berlin und ihren Kunden", urteilte Analyst Pieper bereits. Und möglicherweise unterbreite Etihad den Reisenden künftig eigene Angebote. Tatsächlich sei aber die Unterstützung der maroden Tochter der ausschlaggebende Grund.

Etihad hat vornehmlich strategisches Interesse an Air Berlin, die ein umfangreiches Streckennetz in Deutschland und Europa bedient und ihrer Großaktionärin viele Reisende für ihre Langstreckendistanzen zuführt. „Air Berlin hat für Etihad deswegen immer einen strategischen Preis", sagte deshalb erst kürzlich Analyst Klaus Kränzle von Westend Brokers Research.

Air Berlin leidet immer noch unter den zu hoch gesteckten Wachstumsplänen des ehemaligen Vorstandschefs Joachim Hunold. Unter seiner Führung belastete sich Air Berlin mit dem Kauf von Fluggesellschaften und vielen neuen Flugzeugen. Der harte Wettbewerb um Marktanteile und die hohen Kerosinpreise zehren seit Jahren an der Substanz des Unternehmens.

—Mitarbeit: Kirsten Biënk, Herbert Rude und Michael Denzin.

Kontakt zum Autor: markus.klausen@dowjones.com

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