• The Wall Street Journal

Morgan Stanley bekommt Strafe wegen Facebook-Börsengang

    Von AARON LUCCHETTI und JEAN EAGLESHAM

Der umstrittene Facebook -Börsengang vom Mai hat für das Wertpapierhaus Morgan Stanley vorerst ein glimpfliches Ende gefunden. Das Unternehmen zahlt 5 Millionen US-Dollar Strafe an den US-Bundesstaat Massachusetts wegen "unangemessener Einflussnahme" auf beteiligte Analysten.

Einer der höchstrangigen Investmentbanker von Morgan Stanley soll kurz vor dem Börsengang indirekt Aktienanalysten neue Informationen zukommen gelassen haben. Das Pikante dabei: Offensichtlich wurden Großinvestoren vor zahlreichen Kleinanlegern regelwidrig bevorzugt.

Michael Grimes, der Technologieguru von Morgan Stanley, habe offenbar gegen geltende Regeln zwischen Wall-Street-Unternehmen und der Finanzmarktaufsicht verstoßen, indem er für einen Interessenkonflikt gesorgt habe, sagte ein Regulierer aus Massachusetts. Offiziell nennen die Aufseher in ihrer Strafanordnung gegen Morgan Stanley zwar keine Namen, bei dem in dem Dokument genannten "Top-Investmentbanker" dürfte es sich aber um Grimes handeln, sind sich mit der Angelegenheit vertraute Personen sicher.

REUTERS

Friede, Freude, Eierkuchen: Als Mark Zuckerberg die Eröffnungsglocke der Nasdaq beim Börsengang von Facebook im Mai klingeln ließ, ahnte noch niemand, was dem Tech-Riesen später vorgeworfen werden würde.

Grimes soll demnach eine Vorlage verfasst haben, anhand derer ein Finanzfachmann bei Facebook die Umsatzerwartungen noch vor dem Börsengang nach unten angepasst habe. William F. Galvin, ein hoher Vertreter des Bundesstaats Massachusetts, sagte: "Ein solches Verhalten untergräbt das Investorenvertrauen."

Die Strafe aus Massachusetts ist die erste offizielle Ermahnung für den Konsortialführer Morgan Stanley bei dem enttäuschend verlaufenen Börsendebüt von Facebook. Morgan Stanley schweigt sich zu den Vorwürfen aus. Eine Firmensprecherin gab lediglich zu Protokoll: "Wir sind froh, die Angelegenheit hinter uns gebracht zu haben." Das Wertpapierhaus stehe voll und ganz zum Geist und den Formulierungen aller anzuwendenten Regulierungen und Gesetze.

Grimes selbst dürfte weitgehend ungeschoren davonkommen. Er und andere betroffene Angestellte dürften keine Sanktionen von der Bank zu spüren bekommen, sagte eine mit dem Fall vertraute Person. Grimes war für einen Kommentar zu dem Vorgang nicht zu erreichen.

Die nun gefundene Einigung wirft das Licht auf einen der kontroversesten Teile des Facebook-Börsengangs: Die Bevorzugung von Großinvestoren gegenüber Kleinanlegern. Die niedrigeren Umsatzschätzungen wurden nämlich nur großen Kunden der Banken mitgeteilt, Kleinanleger erfuhren davon zunächst nichts. Im Nachgang war die Empörung über diese Ungleichbehandlung groß.

Kleinanleger wollten Gewinne machen

Ganze Scharen von Kleinanlegern wollten mit Facebook-Aktien satte Kursgewinne erzielen und waren vom 16-Milliarden-Dollar-Börsengang des Sozialen Netzwerks wie elektrisiert. Der gesamte Börsengang erwies sich dann aber als ziemliches Debakel und resultierte in einer ganzen Reihe von Prozessen, nachdem die Facebook-Aktie vom Angebotspreis von 38 Dollar auf unter 20 Dollar abgestürzt war. Erst in den vergangenen Wochen erholte sich das Papier wieder von seinen Tiefstkursen. Zuletzt kostete es wieder rund 26 Dollar. Eine Facebook-Sprecherin wollte sich zu den Vorgängen nicht äußern.

Der "Top-Investmentbanker" von Morgan Stanley habe die Telefonanrufe Facebooks an die Analysten regelrecht "orchestriert" und damit Großanlegern gegenüber den Kleinen einen klaren Vorteil verschafft, erklärte nun offiziell der Bundesstaat Massachusetts. Damit habe Morgan Stanley Vorgaben verletzt, die für Banker während der Phase eines Börsengangs gelten.

Die Strafe gegen Morgan Stanley dürfte nicht das Ende der regulatorischen Untersuchungen beim Facebook-IPO markieren. Die mächtige US-Börsenaufsicht (SEC) und die Aufsicht über die Finanzbranche ermittelten beide weiter, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Auch Galvin überprüft noch mehrere Aspekte des umstrittenen Börsengangs. Der Vertreter von Massachusetts sandte neben Morgan Stanley auch Vorladungen an die beiden anderen Konsortialführer Goldman Sachs und J.P. Morgan Chase .

Was dürfen Investmentbanker bei Börsengängen?

Die einvernehmliche Einigung zwischen Massachusetts und Morgan Stanley lenkt das Augenmerk auf die geltenden Regeln zum Umgang zwischen Investmentbankern und Aktienanalysten. Im Jahr 2003 hatten sich Aufseher und Wall-Street-Banken darauf geeinigt, die Kommunikation zwischen Bankern und Analysten einzuschränken. Dadurch sollten die Analysten vor Druckausübung geschützt werden. Interessenkonflikte können beispielsweise dann entstehen, wenn versucht wird, Kunden im Investmentbanking-Geschäft zu halten oder neue dazuzugewinnen.

Laut Galvin umschiffte Morgan Stanley diese Regeln während des Börsengangs von Facebook. Einen Hinweis darauf biete die Investorenveranstaltung von Facebook am 7. Mai, bei der für den Börsengang um Großanleger gebuhlt worden sei. Facebook-Vertreter hätten damals den Bankern von Morgan Stanley gesagt, die Umsätze dürften wahrscheinlich unterhalb der Analystenschätzungen ausfallen, erklärte Galvin. Der Top-Investmentbanker habe dem Finanzchef von Facebook, David Ebersman, darauf geraten: "Eine Aktualisierung der Schätzungen wäre eine gute Idee."

Zwei Tage später habe Facebook dann neue Papiere zum Börsengang vorgelegt, in denen über potenzielle Risiken wegen negativer Trends bei der Werbung auf mobilen Geräten informiert wurde. Wenige Minuten später soll der Finanzmanager von Facebook, Kreisen zufolge Cipora Herman, in seinem Hotel in Philadelphia zum Telefonhörer gegriffen haben und nach einem von Grimes handgeschriebenen Drehbuch ausgewählte Investoren angerufen haben. Herman, der inzwischen nicht mehr für Facebook arbeitet, war für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen nicht zu erreichen.

In den von Grimes verfassten Vorgaben sollten die Quartalsumsätze von einer Schätzung zwischen 1,1 Milliarden bis 1,2 Milliarden Dollar an das untere Ende angepasst werden. Diese Information befand sich nicht in den offiziellen Änderungen. Laut Galvin hätte Facebook seinen Börsengang noch stoppen können oder die vollständigen Änderungen im Börsenprospekt allen Anlegern zugänglich machen können.

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