• The Wall Street Journal

Harry's Bar in Venedig läutet die letzte Runde ein

    Von GIOVANNI LEGORANO und DEBORAH BALL
Lee Coursey/CC2.0

Seit mehr als 80 Jahren eine Institution in Venedig und doch von der Krise bedroht: Harry's Bar, in der der berühmte Cocktail Bellini serviert wird.

Italiens Wirtschaftskrise macht selbst vor berühmten Einrichtungen nicht halt. Harry's Bar, das altehrwürdige Lokal in Venedig, in dem sich einst Lebemänner wie Ernest Hemingway und Aristoteles Onassis die Klinke in die Hand gaben, steht kurz vor dem Aus.

Die Bar droht im Strudel von Schulden abzusaufen, kämpft mit ausbleibenden Kunden aus Amerika und zu hohen Personalkosten. Jetzt hat sich die Bar, die in der Nähe des Markusplatzes liegt und in der der bekannte Cocktail Bellini aus Prosecco und Pfirsichmark erfunden wurde, an einen Fonds gewandt, um Geld für die Sanierung zu bekommen.

„Die Bank hat uns gesagt, dass wir am Limit angekommen sind", sagte Arrigo Cipriani, der 80-jährige Eigentümer der Bar und Sohn des Gründers, dem auch das New Yorker Restaurant Cipriani gehört. Er sagt, die Bar bleibe – noch – geöffnet; um die geschäftliche Wende kümmere sich aber der auf notleidende Kredite spezialisierte Fonds Blue Skye Investment aus Luxemburg.

Die Probleme von Harry's Bar sind nur eine schmerzhafte Fußnote in einer Krise, die bereits viele italienische Unternehmer mächtig in die Enge getrieben hat. Sie alle kämpfen mit hohen Finanzbelastungen bei gleichzeitig schwindenden Einnahmen. Die Mischung aus beidem macht eine Lösung für den rigiden Arbeitsmarkt umso dringlicher.

Zwar hat die Regierung Monti die Arbeitsgesetze etwas gelockert, nach Meinung italienischer Firmen müssen sie aber dringend weiter reformiert werden, damit sie sich auf eine längere Rezessionsphase einstellen können. Noch nämlich gibt es keinerlei Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung.

Ciprianis Vater Giuseppe gründete Harry's Bar 1931. Das Lokal wurde bald zum bevorzugten Treffpunkt von Aristokraten sowie von prominenten Künstlern und Schriftstellern, darunter Arturo Toscanini, Truman Capote und Hemingway, der einen Lieblingsplatz in der Bar hatte. Hemingway verewigte die Bar auch in seinem Roman „Über den Fluss und in die Wälder".

1948 erfand Giuseppe Cipriani den Bellini, der zu einem der populärsten Cocktails Italiens wurde. Harry's Bar erlebte einen Boom, nachdem immer mehr Ausländer nach Venedig kamen. Sie lockte die elegante Innenausstattung der Bar und ihre klassische italienische Küche.

Besonders populär wurde sie unter Amerikanern, für die es zu einem Muss bei einem Besuch Venedigs wurde. Der Ruf der Bar wurde noch dadurch gestärkt, dass die Ciprianis Restaurants in New York und Los Angeles eröffneten.

Doch in den vergangenen Jahren ist der Ruhm geschwunden. Der Abschwung Italiens hat besonders die einst kultige Bar getroffen. Die Amerikaner von heute, die noch immer die meisten Auslandstouristen in Venedig stellen, geben weniger aus als frühere Generationen: Abgeschreckt von der recht teuren Speisekarte leisten sie sich oftmals nur noch einen Bellini zu 16,50 Euro und schießen ein paar Fotos.

Aber auch Venedig insgesamt zieht weniger Amerikaner an. Zwischen 2006 und 2009 ging die Zahl amerikanischer Touristen nach städtischen Angaben um 30 Prozent zurück. Seitdem hat sich der Zustrom zwar wieder etwas erholt, aber 2011 kamen immer noch 15 Prozent weniger als zu den besten Zeiten.

2008 schrieb Harry's Bar erstmals rote Zahlen, Inhaber Cipriani verschuldete sich in der Hoffnung auf eine baldige Erholung. Doch die blieb aus, und der Patron sah sich gezwungen, die Personalkosten zu senken, die immerhin 55 Prozent seiner Gesamtausgaben ausmachen. In seinen Restaurants, die Cipriani außerhalb Italiens betreibt, macht der Personalaufwand 38 Prozent der Gesamtkosten aus.

Doch als der Wirt mit seinen 80 Angestellten verhandeln wollte, reagierten die im Frühjahr mit einem Streik, so dass er selbst für die Bedienung der Gäste einspringen musste.

In diesem Jahr stiegen die Außenstände der Bar auf 6 Millionen Euro – zu viel für ein Lokal, das im Jahr rund 8 Millionen Umsatz macht. Daraufhin wandte sich Cipriani an Blue Skye Investment. Im Frühjahr kaufte sich der Fonds mit 16 Prozent in der Gaststättenholding ein, der auch Harry's Bar in Venedig gehört, und sorgte für die dringend benötigte Liquidität.

Mittlerweile ist Cipriani nicht mehr Herr in seinem Haus. Vor wenigen Wochen setzte sein Kreditgeber durch, dass mit Gianluca D'Avanzo und Salvatore Cerchione zwei Blue-Skye-Vertreter die Sanierung der Bar übernahmen.

Cipriani nimmt es locker: „Wenn man 80 Jahre alt geworden ist, dann hat man einen gewissen inneren Frieden erreicht. Ich habe in der Vergangenheit schon viel Schlimmeres erlebt."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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