• The Wall Street Journal

Italien: Alle wollen Monti

    Von STACY MEICHTRY

ROM – Das ganze politische Italien wartet sehnsüchtig auf das Ja-Wort eines Mannes: Seit Mario Monti Anfang des Monats seinen Rücktritt angekündigt hat, überbieten sich die Parteien aller Lager in ihrem Werben um den Ministerpräsidenten. Einige Politiker wollen lediglich, dass Monti sie im anstehenden Wahlkampf unterstützt. Andere hätten ihn gerne als Kandidaten für einen Ministerprosten oder gar als Regierungschef, wenn im Februar gewählt wird.

Reuters

Begehrter Ministerpräsident: Fast alle italienischen Parteien hätten gerne Mario Monti als Zugpferd.

Doch all diese Verehrer haben ein Problem: Monti schweigt. In den vergangenen Tagen hat er sich zwar hinter verschlossenen Türen mit Parteivorsitzenden, anderen Entscheidern und dem Staatspräsidenten getroffen. Doch kein Wort dringt nach außen. Ein ganzes Land rätselt daher, was der Ministerpräsident als nächstes tun wird, wie das Wahlergebnis beeinflusst wird und was das für die Zukunft Italiens in Europa bedeutet.

„Es hängen sehr wichtige politische Entwicklungen von Montis nächsten Schritten ab", sagt Franco Frattini, der unter Montis Vorgänger Silvio Berlusconi lange als Außenminister diente. Frattini würde gerne sehen, dass Monti sich an die Spitze der Mitte-Rechts-Koalition setzt.

Das Werben um Monti zeigt, wie instabil das wirtschaftliche und politische System Italiens immer noch sind. Die Regierung der Technokraten sollte den wirtschaftlichen Neustart des Landes einleiten, aber auch den Parteien Luft zur Neuaufstellung geben. Stattdessen leidet Italien nach einem Jahr der Steuererhöhungen und Rentenkürzungen weiter. Die Austeritätspolitik hat in die Rezession geführt. Und die politischen Gräben sind so tief wie eh und je. Es sieht nicht so aus, als ob ein Lager bei den anstehenden Parlamentswahlen auf eine stabile Mehrheit kommen könnte.

Das Ergebnis: Die Italiener haben das Sparen satt, so auch die jüngst erhöhte Grundsteuer. Laut einer aktuellen Umfrage ist Montis Zustimmung seit seiner Amtsübernahme von 71 auf 33 Prozent gefallen. Damit ist er aber trotzdem noch deutlich beliebter als die meisten anderen Politiker. Viele Italiener hoffen darauf, dass eine von ihm geführte Koalitionsregierung die politische Stabilität bringt, die im Land traditionell Mangelware ist.

Viele Optionen für Monti

Bisher liegt die Demokratische Partei, im politischen Spektrum etwas links der Mitte, in der Wählergunst mit etwa 35 Prozent vorne. Das konservative Berlusconi-Bündnis Volk der Freiheit kommt in den Umfragen nur auf etwa 15 Prozent. Berlusconi hat angekündigt, noch einmal zu kandidieren, wenn Monti das nicht tut.

Jeder dritte Italiener ist aber noch unentschlossen oder will gar nicht abstimmen. Die Protestpartei des ehemaligen Komikers Beppe Grillo erhält aktuell 19 Prozent der Stimmen. Wenn Monti wieder antritt, könnte das vor allem die Mitte-Rechts-Parteien stärken, sagen die Umfragen. Dazu zählen etwa die der katholischen Kirche nahestehenden Christdemokraten oder die Partei des Ferrari-Chefs Luca Cordero di Montezemolo.

Monti hat dabei eine ganze Reihe von Optionen, sagt der Ex-Außenminister Frattini. Er könne für ein Bündnis aus Christdemokraten und Unternehmern antreten. Oder er unterstütze alle Parteien, die sich verpflichten, die „Monti-Agenda" aus Wirtschaftsreformen fortzusetzen. Laut einer Umfrage von SWG würde die Zustimmung zu den Parteien der Mitte von 9 auf 15 Prozent steigen, wenn Monti für sie antreten würde. Eine weitere Befragung von EMG ergab, das 37 Prozent der Italiener sich Monti als Ministerpräsidenten wünschen. Der Kandidat der Demokratischen Partei, Pier Luigi Bersani, kommt demnach nur auf 32,4 Prozent.

„Es gibt eine Sache, die Monti begreifen muss. Er ist ein Arzt, der einen Tumor entfernt hat. Dem Patienten geht es besser, aber er darf nicht in sein altes Lasterleben zurückfallen", sagt Pier Ferdinando Casini, Vorsitzender der katholischen Christdemokraten. Casini, der an den Beratungen mit Monti teilgenommen hat, hofft auf eine schnelle Entscheidung des Ministerpräsidenten.

Aber auch die Demokratische Partei erhebt Ansprüche auf Mario Monti. Bersani hätte ihn gern als Minister in seinem Kabinett, sagt eine mit dem Vorgang vertraute Person. Monti sei daran aber nicht interessiert. Eine Sprecherin des Ministerpräsidenten wollte die Zukunftspläne Montis nicht kommentieren.

„Und er ist zu schlau, um zu antworten."

Als Kopf einer technokratischen Regierung muss Monti allerdings auch über dem Gezänk stehen und kann keine politischen Züge tätigen, bevor er offiziell zurückgetreten ist. Monti will zunächst den Haushalt für 2013 durch das Parlament bringen. Die Abstimmung könnte noch in dieser Woche stattfinden.

Weil von Monti keine Signale kommen, hat in italienischen Medien das wilde Spekulieren begonnen. In politischen Reden, aber auch beim sonntäglichen Kirchgang und in der Bäckerei wird jeder Schritt von Monti als Signal ausgelegt. Am Montag sprach er im Radio zu italienischen Studenten. Das Land brauche mehr Leute, die „vorbereitet, ernsthaft und kompetent sind", sagte Monti. Die größte italienische Zeitung legte daraufhin gleich eine Liste vor mit möglichen Kandidaten, „die die Anforderungen für Montis Personalsuche erfüllen", schrieb der Corriere della Sera in Mailand.

In seinen Gesprächen habe Monti einige seiner Erfahrungen in der Politik geschildert, berichtet Pier Fernando Casini. Auf eine mögliche Kandidatur sei aber nicht gesprochen worden: „Ich bin zu schlau, um zu fragen. Und er ist zu schlau, um zu antworten."

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