• The Wall Street Journal

Warum Biotech-Aktien in den USA so heiß sind

    Von JONATHAN D. ROCKOFF und TELIS DEMOS

Börsengänge im amerikanischen Biotechnologiesektor laufen so gut wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Ausschlaggebend dafür ist sowohl die zunehmende Zahl von Biotech-Medikamenten, die genehmigt werden als auch die starke Entwicklung von Unternehmen aus der Branche, die bereits börsennotiert sind.

Unterstützend dürften aber auch Gesetzesänderungen wirken, die es für Firmen einfacher machen, das potenzielle Interesse von Investoren abzuschätzen.

Allein im ersten Halbjahr haben in den USA 16 Biotech-Firmen den Gang an die Börse gewagt und dabei nach einer Erhebung von Renaissance Capital 1,1 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Schon zur Jahresmitte ist das Jahr 2013 damit das beste IPO-Jahr für Biotechs seit 2004.

Für Biotech-Unternehmen „ist der Markt so robust wie seit langem nicht", sagt Evan McCulloch, Portfoliomanager bei Franklin Templeton Investments aus Kalifornien. „Es gibt derzeit so viel Erfolg [in Forschung und Entwicklung], das hat die Renditen massiv in die Höhe getrieben."

McCulloch ist leitender Manager des 731 Millionen Dollar schweren Franklin Biotechnology Discovery Fund, der bei den jüngsten Biotech-Börsengängen auch neue Aktien gezeichnet hat.

Biotechnologie-Firmen entwickeln Medikamenten aus lebenden Zellen, nicht aus chemischen Substanzen. Die Firmen sind inzwischen eine wesentliche Quelle bei der Entwicklung neuer Medizin, besonders seit die großen konventionellen Pharmafirmen ihre eigene Forschung zurückgefahren haben. Mit Hilfe von Börsengängen besorgen sich die Biotech-Firmen frisches Geld für ihre Forschung oder zur Vermarktung zugelassener Medikamente.

Anleger beurteilen Biotechs bisweilen als zu riskant, weil viele von ihnen noch kein zugelassenes Mittel auf dem Markt haben und deshalb noch keine laufenden Einnahmen verbuchen können. Nicht wenige vielversprechende Kandidaten haben es nie bis zur Marktzulassung geschafft.

In letzter Zeit allerdings haben die Forschungserfolge der Branche zu einem Umdenken bei den Investoren geführt. Im vergangenen Jahr erteilte die US-Gesundheitsbehörde FDA 39 neuen Mitteln die Marktzulassung, ein Wert, der seit 1997 nicht wieder erreicht wurde. 2011 bekamen gerade 13 neue Medikamente das Okay der Behörde.

Das zunehmende medizinische Verständnis für die genetischen Aspekte von Krebserkrankungen oder anderen schweren Leiden erlaubt es kleinen Start-ups, eine neue Generation von Medikamenten zu entwickeln, die auf die molekularen Anomalien spezifischer Patienten abzielen – ein Ansatz, der auch als Präzisionsmedizin bezeichnet wird. Auch sind auf diese Weise Mittel entwickelt worden, die auf seltene, tödliche Erbkrankheiten abzielen.

Die Forschungserfolge haben dazu geführt, dass die Aktiennotierungen einzelner Biotech-Firmen massiv in die Höhe gegangen sind. Die Aktie von Gilead Science hat sich im vergangenen Jahr um 101 Prozent verteuert, die von Celgene – jenem Unternehmen, das sich gerade an der deutschen Morphosys beteiligt hat – stieg um 85 Prozent.

Wie gefragt Unternehmen aus der Branche inzwischen sind, lässt sich an Kaufabschlüssen ablesen. Die Eigentümer von Pearl Therapeutics, einem Entwickler von Atemwegsmedikamenten, verkauften ihre Firma vor wenigen Wochen für bis zu 1,15 Milliarden Dollar an den britischen Pharmagiganten Astra-Zeneca .

Onyx Pharmaceuticals dagegen, ein Entwickler von Krebsmedikamenten, darunter Kyprolis zur Behandlung von Knochenmarkskrebs, verkündete am Sonntag, man habe das Übernahmeangebot von Amgen von 120 Dollar je Aktie abgelehnt und suche jetzt nach Käufern. Am Montag ging die Onyx-Aktie bei 131,33 Dollar aus dem Handel und ist damit 51 Prozent teurer als zum Wochenschluss am Freitag.

Morphosys

Fasziniert die Anleger: Eine Mitarbeiterin des deutschen Unternehmens Morphosys, an dem die Amerikaner von Celgene beteiligt sind, forscht an Zellkulturen.

Einige Anleger, deren Biotech-Beteiligungen inzwischen deutlich im Wert gestiegen sind, sehen sich inzwischen nach neuen kleinen Unternehmen aus der Branche um, damit sie beim nächsten Wachstumsschub dabei sind.

Die Begeisterung für Biotech-Börsengänge „befindet sich auf einem Allzeithoch der zurückliegenden Dekade", beschreibt Kevin Starr, Partner bei dem auf Gesundheit spezialisierten Wagniskapitalfonds Third Rock Ventures aus Boston die herrschende Stimmung.

Third Rock Ventures steht hinter Bluebird Bio, einem Unternehmen das im Juni an die Börse ging, sowie Agios Pharmaceuticals, das bei der Börsenaufsicht Pläne für ein 86 Millionen Dollar schweres IPO angezeigt hat. Er wollte sich zu beiden Firmen allerdings nicht äußern.

Die starke Entwicklung von Biotechs hat auch mit dem insgesamt starken amerikanischen Markt für Börsengänge zu tun, wenngleich die Fed mit ihren Äußerungen zur Geldpolitik auch hier in der vergangenen Woche einige Problemchen verursachte.

Einige Biotech-Erstnotizen liefen trotzdem gut. Esperion Therapeutics, spezialisiert auf Herzmedikamente, konnte 70 Millionen Dollar einsammeln, die Prosensa Holding mit Fokus auf seltene Krankheiten erlöste 78 Millionen. Beiden gelang es, das Emissionsvolumen gegenüber anfänglichen Plänen auszuweiten. Auch bei der Kursentwicklung lief es gut: Die Prosensa-Aktie legte am ersten Handelstag 48 Prozent zu, die von Esperion um 4 Prozent.

Aktienmarkt kann kippen

Aratana Therapeutics dagegen, ein Spezialist für Medikamente für Katzen und Hunde, die auf humanen Antikörpern basieren, musste den Emissionspreis massiv kürzen – auf 6 von anfänglich 11 bis 13 Dollar je Aktie – und die Erstnotiz um eine Woche verschieben. Anschließend allerdings legte die Aktie um 38 Prozent zu.

Wie andere Börsengänge könnten sich auch Biotech-IPOs als anfällig dafür erweisen, dass der gegenwärtig freundlich gestimmte Aktienmarkt kippt. Die auf viel Startgeld angewiesene Branche gilt als zinssensibel. Will sagen, wenn das Zinsniveau bei einer Wende in der Fed-Geldpolitik stiege, dann bekommen das Star-ups ohne stetige Einnahmen stärker zu spüren.

Der letzte Biotech-Boom in den Jahren 1999 und 2000 verlief parallel zur Dot.com-Euphorie, verlief anschließend aber im Sande, nachdem die Internet-Preisblase geplatzt war.

Anleger sagen allerdings, gegenwärtig sei die Situation eine andere. Treiber sei jetzt die fundamentale Entwicklung der Biotech-Branche. Wenn die Börsengänge im bisherigen Maße weitergehen, dann werde 2013 das beste Jahr wenigstens seit dem Jahr 2000 sein – sowohl im Hinblick auf die Zahl der Börsengänge insgesamt als auch im Hinblick auf die dabei erzielten Erlöse, heißt es von Renaissance Capital.

Gesetzesänderung ist hilfreich

Als hilfreich erweist sich eine Gesetzesänderung im Zusammenhang mit Börsengängen aus dem vergangenen Jahr. Der Jumpstart Our Business Startups Act – kurz: JOBS- Gesetz – vom April 2012 ermöglicht es Börsenkandidaten, ihre vorläufigen IPO-Unterlagen vertraulich bei der US-Börsenaufsicht SEC einzureichen.

Auch können sie sich vorab inoffiziell mit potenziellen Investoren treffen, um „das Wasser zu testen", bevor sie den formalen und öffentlichen IPO-Prozess in Gang setzen. Sollten sie im Vorfeld nicht auf die Resonanz stoßen, die sie sich erhofft haben, so ist es kein Problem, sich vom Markt zurückzuziehen.

Ein gutes Beispiel ist Epizyme . 2007 gegründet begann das Unternehmen aus Cambridge in Massachussetts im März Gespräche mit potenziellen Investoren, nachdem die vertraulichen Dokumente bei den Aufsehern eingereicht waren. Eine positive Antwort „hat uns ermutigt weiterzumachen", sagte später Unternehmenschef Robert Gould. Die Treffen haben uns in der Einschätzung bestätigt, dass dies der „richtige Zeitpunkt" war. Epizyme hat sich auf personalisierte Krebsmittel spezialisiert.

Rasante Kurssprünge

Am ersten Handelstag kam es wie es kommen sollte: Die Aktie von Epizyme sprang um 53 Prozent in die Höhe und hat seither weitere 30 Prozent zugelegt.

Es gibt Anleger, die fürchten, dass der große Schwung am Ende auch schwächere Firmen verleitet, an den Markt zu gehen. Das könnte am Ende dazu führen, dass einige der neuen Marktenthusiasten dem Geschehen wieder den Rücken kehren.

„Wenn zu viele Unternehmen, vor allem solche mit wenig Potenzial ihre Aktien an die Börse bringen, dann könnte das am Ende dazu führen, dass das Kapital für solche Vorhaben schwindet, sagte John Diekman, Gründer und Managing Partner von 5AM Ventures, einem Unternehmen, dass sich auf die Finanzierung von Pharmafirmen in der Startphase spezialisiert hat.

Auch die Frage des Zinsniveaus macht einigen Beobachtern Sorge. Die Erforschung eines potenziellen Medikaments kann hunderte Millionen kosten, weshalb Biotech-Firmen sensibel für die Entwicklung von Kapitalkosten sind.

„Wenn die Zinssätze steigen, wird es für Investoren schwieriger, diese Art von Programmen zu finanzieren", sagte William Slattery, Partner bei Deerfield Management, einem auf Gesundheitsinvestments spezialisierten Vermögensverwalter aus New York. Slattery hat seit den 1990er Jahren in Biotech-Firmen investiert; aus seiner Sicht war der Markt zuletzt im Jahr 2000 derart stark wie momentan. Seinerzeit allerdings kollabierte ein zweijähriger Bomm derartiger Börsengänge, als die Aktienkurse von einigen Start-up-Unternehmen rapide an Wert verloren.

Deerfield verwaltet ein Vermögen von rund 3,5 Milliarden US-Dollar und hat bei den jüngsten Börsengängen aus der Branche unter anderen Aktien von Bluebird Bio und Epizyme gekauft. Generell, so sagt Slattery, könne der Markt mehr Vertrauen in die Branche haben als rund um das Jahr 2000. Schließlich habe das Grundlagenwissen sich seither massiv verbessert.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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