• The Wall Street Journal

Bürgerwehren übernehmen Dörfer in Mexiko

    Von NICHOLAS CASEY

Eine Bürgerwehr in Ayutla hat einen Checkpoint auf einer Straße eingerichtet.

Maskierte Männer mit Gewehren über den Schultern schieben auf einer einsamen Landstraße Wache. Sie überprüfen Ausweise und befragen Reisende. Sie tragen keine Uniformen und zeigen keine Abzeichen. Aber sie sind das Gesetz in diesem Dutzend von Dörfern in Mexiko, die sich gegen die Drogenkartelle erhoben haben. Die Gangs hatten die Region terrorisiert, und die Regierung hatte ihnen nichts entgegenzusetzen – also haben die Bewohner die Dinge selbst in die Hand genommen.

Die Dörfer in dem hügeligen Bundesstaat Guerrero im Süden Mexikos gewähren weder der mexikanischen Armee noch der Polizei den Durchgang. Die zusammengewürfelten Milizen verfügen über ein buntes Arsenal von Macheten, alten Jagdgewehren und dem einen oder anderen halbautomatischen Gewehr – damit kontrollieren sie die Gemeinden. Auch Fremde dürfen nicht herein. Und nach zehn Uhr am Abend sind die Durchgänge ohnehin gesperrt. Rund 50 Gefangene haben die selbsternannten Ordnungshüter schon gemacht. Angeblich sind es die Mitglieder von Drogenbanden. Sie sitzen in zusammengezimmerten Gefängniszellen – und ihr Schicksal hängt am Urteil der Dorfbewohner. Denn seit Donnerstag wird ihnen der Prozess gemacht, bei dem Gemeindemitglieder als Richter und Geschworene agieren.

Die Kriminalität in den Dörfern ist stark gesunken, zumindest vorerst. Seitdem die Bürgerwehr das Heft in die Hand genommen hat, ist Schluss mit den Entführungen und den Erpressungen, die den Bauern und Geschäftsleuten gleichermaßen zugesetzt hatten, berichten Anwohner. Der Führer einer Milizgruppe, der sich selbst G-1 nennt, von seinen Kameraden aber als Gonzalo Torres identifiziert wird, formuliert es so: „Wir haben Ordnung wiederhergestellt, wo vorher das Chaos regierte. Wir haben in 15 Tagen geschafft, was die Regierung in mehreren Jahren nicht hinbekommen hat."

In Mexiko sind Bürgerwehren auf dem Vormarsch

Doch die neue Ruhe hat ihren Preis: In Ayutla, dem größten Dorf in der Gegend, das nur zwei Fahrstunden vom Ferienort Acapulco entfernt liegt, berichten Bewohner davon, verhaftet und für mehr als eine Woche festgehalten worden zu sein. Dann stellte sich heraus, dass sie unschuldig waren – und sie wurden entlassen. Ein Anwohner wurde von den maskierten Milizen an einem Kontrollpunkt erschossen, weil er flüchten wollte.

Dass Dörfer Selbstjustiz üben, hat Tradition im ländlichen Mexiko. Und der Drogenkrieg, der das Land schon so lange plagt, haucht dem kontroversen Brauch neues Leben ein. In ganz Mexiko, in Städten außerhalb der Hauptstadt und entlang der belagerten US-Grenze, haben aufgebrachte Anwohner schon mutmaßliche Drogenschmuggler gelyncht und deren angebliche Unterstützer erschossen. Im vergangenen Jahr griffen die Bewohner einer Stadt in einem Nachbarstaat von Ayutla zu den Waffen. Die Männer, die vom Holzfällen leben, setzten sich gegen Schmuggler des Drogenkartells La Familia Michoacana zu Wehr, die versucht hatten, sich der umliegenden Wälder zu bemächtigen.

Doch der Aufstand der Bürger um Ayutla ist anders. Denn statt auf eine Ortschaft begrenzt zu bleiben, haben die Bürgerwehren in den Nachbarstädtchen Nachahmer gefunden. Innerhalb von nur zwei Wochen haben unterschiedliche Gruppen in sechs anderen Städten im Staat Guerrero erklärt, von nun an selbst für Recht und Ordnung sorgen zu wollen. Auch in Iguala, einer Stadt mit 140 000 Einwohnern, bestimmen jetzt sie die Geschicke der Gemeinde. Und im Nachbarstaat Jalisco formieren sich ebenfalls Selbstschutztruppen.

Dorfpolizisten regeln nur noch Verkehr

Selbst einige Regierungsvertreter machen - zumindest vorerst - gemeinsame Sache mit den selbst ernannten Ordnungshütern. Der Gouverneur von Guerrero, Ángel Aguirre, hat sich mit den Milizen getroffen und erklärt, die Gesetze des Bundesstaates räumten den Dorfbewohnern das Recht ein, sich selbst zu regieren. Er begrüße die neuen Gruppen, bekräftigt Severo Castro, der Bürgermeister von Ayutla. Zum ersten Mal seit Jahren würden in dem Ort fast keine Verbrechen mehr begangen, sagt er und deutet auf einen Kontrollposten ein paar Häuserblocks weiter unten. "Jetzt gibt es zwei Polizeibehörden", stellt Castro fest. "Die einen tragen Uniform und die anderen Masken - und die sind weitaus tapferer."

Diese Ansicht scheinen selbst die Dorfpolizisten zu teilen. Technisch gesehen machen sie zwar immer noch ihren Dienst. Aber ihre Aufgaben scheinen sich mittlerweile darauf zu beschränken, den Verkehr rund um den Hauptplatz des Städtchens zu regeln. Die eigentliche Polizeiarbeit und den Streifendienst versehen in der Zwischenzeit die Angehörigen der Miliz.

Die Polizisten vor Ort hätten viel zu viel Angst vor dem organisierten Verbrechen, um Verhaftungen vorzunehmen, sagt Polizeikommandant Juan Venancio. "Wir könnten einen Gangster wegen Erpressung einbuchten. Aber wenn wir es ihm nicht nachweisen können, müssen wir ihn wieder laufen lassen", berichtet der Beamte mittleren Alters, dessen breites Gesicht ein Schnurrbart verziert. "Aber was ist dann mit unseren Familien? Glauben Sie, dass wir keine Angst davor haben, dass sie sich an uns rächen, wenn sie wieder draußen sind? Natürlich haben wir Angst."

Nach Jahren der Unsicherheit kehrt das Leben im Dorf nun langsam zur Normalität zurück. Junge Cowboys und Mädchen in Landestracht finden sich zu Rodeos auf dem Festplatz des Örtchens ein. Hochzeiten werden gefeiert, bis spät in die Nacht wird getanzt und gesungen. Die gleichen Dörfler, die einst von den Drogenschmugglern erpresst und unter Druck gesetzt wurden, bringen jetzt den Milizionären Melonen und Maisküchlein vorbei, wenn sie an den Kontrollpunkten Wache schieben.

Alles, was von außen und möglicherweise von der Regierung kommt, wird hier äußerst misstrauisch beäugt. Als ein Reporter des Wall Street Journal in der vergangenen Woche dem nahe gelegenen Weiler Azozuca einen Besuch abstattete, machte in Windeseile das Gerücht die Runde, er habe in seinem Auto Menschenrechtsbeobachter der Regierung hertransportiert. Eine wütende, mit Stöcken bewaffnete Menschenmenge blockierte die einzige Zufahrtsstraße in das Städtchen. Rund 150 aufgebrachte Dorfbewohner verwehrten dem Reporter den Zutritt. "Raus hier! Keinen Schritt weiter!", schrie eine Frau, die einen Holzknüppel schwang.

Die Polizei kommt nicht hinterher

Abgelegene Ortschaften in der Region Guerrero, die zu den unabhängigsten in Mexiko zählt, hatten sich lange beklagt, dass bei ihnen nicht genug Polizisten nach dem Rechten schauten. Im Jahr 1995 hatte der Bundesstaat deshalb ein Gesetz verabschiedet, dem zufolge in den Städtchen eine "Gemeindepolizei" ins Leben gerufen werden kann. Die Hilfspolizisten arbeiteten ganz ähnlich wie Nachbarschaftswachen. Sie konnten Verdächtige festsetzen und sie den Behörden überstellen. Über die Beschuldigten ein Urteil zu fällen, war ihnen allerdings nicht gestattet.

Video auf WSJ.com

For years, villages in rural Mexico have been terrorized by drug gangs and organized crime groups. Now, armed militias are taking control--running patrols, raiding the homes of suspected mafia and detaining prisoners. WSJ's Nick Casey reports.

Im 2006 begann der mexikanische Drogenkrieg, seine zersetzende Wirkung auf die ohnehin angeschlagenen staatlichen Institutionen zu entfalten. Während Gegenden wie die um Mexiko-Stadt fest in Regierungshand blieben, entzogen sich ländliche Regionen immer mehr dem Zugriff des Staates. Seit 2006 sind rund 65 000 Mexikaner getötet worden. Doch nur ein Bruchteil der Morde wurde aufgeklärt, wenn überhaupt ermittelt wurde, wie Regierungs- und Justizexperten berichten.

"Die Verurteilungsrate in Mexiko liegt bei zwei Prozent. Und das ist den Mexikanern nicht verborgen geblieben", sagt Sergio Pastrana, ein Soziologie-Professor an der Hochschule von Guerrero, der sich mit ländlichen Gegenden beschäftigt hat. "Das hat zu Unruhe in der Bevölkerung geführt. Und einige haben sich dazu entschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen."

Natürlich sei auch Ayutla nie eine Insel der Glückseligen gewesen. Auch dort habe es ab und an Verbrechen gegeben, erzählen die Dorfbewohner. Banditen hätten etwa manchmal Reiter überfallen, die auf der Landstraße unterwegs gewesen seien. Aber das Gespenst des organisierten Verbrechens sei etwas Neues gewesen.

Vor ein paar Jahren hätte sich eine Bande des Ortes bemächtigt, die die Dorfbewohner "Los Pelones", also "Die Kahlköpfigen", nennen. Sie hätten im Dorf mit dem Drogenhandel und anderen Verbrechen begonnen, erzählen die Ortsansässigen.

Vor zwei Jahren sei seine 19-jährige Tochter entführt worden, berichtet Bürgermeister Castro. Er habe eine "hohe Summe" zahlen müssen, um sie frei zu kaufen. Im vergangenen Juli sei die Leiche des örtlichen Polizeichefs, Óscar Suástegui, auf einer Müllhalde außerhalb der Stadt gefunden worden. Auf ihn war 13 Mal geschossen worden. Die Tat trage die Handschrift einer Bande von Kriminellen, meinten die Behörden. Weder in dem einen noch in dem anderen Fall wurden Verhaftungen vorgenommen.

Entführungswelle

Seit dem vergangenen Jahr hätten sich Los Pelones auf Erpressungen verlegt. Wer einen Stand auf dem Markt neben dem zentralen Platz in Ayutla hatte, musste der Gruppe Schutzgeld zahlen. Pro Monat und Stand waren nach Angaben mehrerer Händler gewöhnlich 500 Pesos oder umgerechnet 40 Dollar fällig - ein hoher Betrag für die Kleinunternehmer der verarmten Stadt.

Mit Beginn der Erntezeit zogen die Banditen im vergangenen Herbst aufs Land hinaus. Von den Bauern verlangten sie für jedes Stück Vieh in ihrem Besitz die Zahlung von 200 Pesos oder rund 16 Dollar im Monat. Die Gang führte eine Liste, in die sie diejenigen eintrug, die zahlten, und diejenigen, die sich weigerten, berichten mehrere Bauern.

Im November nahm eine Entführungswelle in der Gegend ihren Lauf. Im Dorf Plan de Gatica schnappten sich bewaffnete Männer den Ortsvorstand. In einem Nachbarort entführten sie den Pfarrer, der sich geweigert hatte, für seine Kirche Erpressungsgelder zu zahlen. Ein zweiter Ortsvorstand fiel den Entführern im Dezember im Dorf Ahuacachahue in die Hände. Nach der Zahlung von Lösegeld seien die drei Männer wieder auf freien Fuß gesetzt worden, sagen Dorfbewohner.

Als am 5. Januar Eusebio García, der Ortsvorstand von Rancho Nuevo, gekidnappt wurde, besorgten sich mehrere Dutzend Dorfbewohner Waffen und bildeten einen Suchtrupp. Am nächsten Morgen stießen sie auf García. Er wurde von seinen Entführern in einem Haus in der Nachbarschaft festgehalten. Man habe die Bande verhaftet und ins Gefängnis gebracht, berichten die Milizionäre.

"Das war der Wendepunkt, der Moment, an dem hier alles explodiert ist", erinnert sich Bruno Placido, einer der Anführer der Bürgerwehren. "Wir haben gezeigt, welche Macht Bewaffnete Bürger über das organisierte Verbrechen gewinnen können."

Als sich die Kunde über Garcías Befreiung in der Region verbreitete, griffen auch die Bewohner in den Dörfern rund um Ayutla zu den Waffen. Sie wollten Ayutla erstürmen, denn sie vermuteten, dass sich die restlichen Mitglieder der Los Pelones immer noch in dem Städtchen aufhielten. Sie verhafteten Verdächtige, die sie für Späher in den Diensten der Mafia, für Drogenschmuggler, Entführer und Auftragskiller hielten. Sie brachten ihre Gefangenen in provisorisch errichtete Zellen. Andere Dorfbewohner errichteten in der Zwischenzeit Kontrollposten an verschiedenen Punkten der Ortschaft.

"Die Schüler waren ein leichtes Ziel für die Kriminellen"

Jetzt hatte die Bürgerwehr das Sagen. Die Angehörigen der Selbstschutztruppen führten eine Sperrstunde ein und gaben bekannt, Vertreter des Staates und der Bundesbehörden würden an den Kontrollposten abgewiesen. Den Dorfbewohnern wurde angepriesen, zu den Milizionären nach Hause zu kommen und dort anonym Verdächtigungen gegen andere vorzubringen. Die meisten Schulen wurden geschlossen. Die neuen Machthaber trieb nämlich die Angst um, die Los Pelones könnten versuchen, Kinder als Geiseln zu nehmen, um so Gefangene in der Gewalt der Milizionäre frei zu pressen.

"So etwas hatte ich noch nie erlebt", schildert die Bildungsministerin des Bundesstaats, Silvia Romero, ihre Eindrücke. Sie war nach den ersten Unruhen nach Ayutla gereist, um die Wiederaufnahme des Unterrichts auszuhandeln. Einige Lehrer wollten die Schule aber weiterhin geschlossen lassen, bis alle führenden Bandenmitglieder hinter Schloss und Riegel sein würden. "Die Schüler waren ein leichtes Ziel für die Kriminellen", sagt der Lehrer Ignacio Vargas.

Seitdem haben viele Schulen ihre Pforten wieder geöffnet. Nach zähen Verhandlungen richtete die mexikanische Armee am Eingang zu der Region eine Kontrollstelle ein. Doch abgesehen davon obliegt die Kontrolle weiterhin den maskierten Milizionären. Und den Beamten des Staates oder des Bundes bleibt der Zutritt zu den Dörfern rund um Ayutla untersagt.

Die Männer in den Masken seien ganz normale Bauern und Geschäftsleute - keine Kriminellen, die sich der Konkurrenz der Los Pelones entledigen wollten, beteuern die Dorfbewohner. Der Bürgermeister von Ayutla stimmt zu. Trotzdem bestehe die Gefahr, "dass Spione des organisierten Verbrechens uns infiltrieren", räumt Gonzalo Torres, der oberste Milizionär des Städtchens, ein. Er habe seine Männer aufgefordert, jeden zu melden, der sich der Bürgerwehr anschließen wolle und der vielleicht Verbindungen zu Mafia-Gruppen habe.

Doch längst haben die selbsternannten Dorfschützer nicht mehr nur das organisierte Verbrechen im Visier. Neben den Drogenschmugglern jagen sie auch anderen mutmaßlichen Übeltätern nach. Und zeigen so, mit welchen Tücken die Selbstjustiz behaftet ist.

Vor ein paar Tagen fuhren zwei Pick-Ups vor. Auf den Ladeflächen der Laster saßen maskierte Männer. Sie waren gekommen, um den Barbesitzer Juan de Dios Acevedo zu holen. Sie behaupteten, der 42-Jährige sei in die Vergewaltigung einer Dorfbewohnerin verwickelt.

Gefangene schlafen auf Pappkartons

Einer der Milizionäre stülpte ein Hemd über seinen Kopf und ein anderer fesselte seine Hände mit einem Seil. Seine Mutter und seine Schwester weinten und trösteten ihn. Während die Milizionäre ihn auf den Laster schafften, hatte seine Mutter Dokumente geholt, die vom zuständigen Staatsanwalt vor Ort unterzeichnet waren. Aus den Papieren ging hervor, dass Acevedo schon einmal wegen des Verdachts auf Vergewaltigung verhaftet, allerdings von den Staatsanwälten von dem Vorwurf frei gesprochen worden war. "Diese Anschuldigung ist falsch und jetzt bin ich schon zum zweiten Mal verhaftet worden", protestierte Acevedo. Die Milizionäre zeigten sich ungerührt und führten ihn zur Befragung ab. Im Verlauf des Tages wurde er frei gelassen, ohne weiteren Schaden davongetragen zu haben.

In El Mezón wurde ein behelfsmäßiges Untersuchungsgefängnis eingerichtet, das von Dorfbewohnern geleitet wird. Dort sitzen zwei Dutzend Männer und Frauen ein, denen man vorwirft, Mitglieder der Los Pelones zu sein. Offizielle Mittel zum Betrieb des Gefängnisses gebe es nicht, erzählen Anwohner. Die Gefangenen schlafen auf Pappkartons auf dem Fußboden. Ihr Essen besteht aus Reis und Tortillas, Spenden der Dörfler. In der Nachmittagshitze drängen sich sieben Männer in einem kleinen, dunklen Raum hinter den Gitterstäben. Es ist stickig, dreckig und riecht nach Urin. Körperliche Misshandlungen sind auf den ersten Blick nicht auszumachen.

Der maskierte Kommandant des Gefängnisses will seinen Namen nicht nennen und lässt es auch nicht zu, dass die Gefangenen befragt werden. Die Zelleninsassen würden gut behandelt, sagt er. Bei einem öffentlichen Prozess im Dorf werde ihnen die Möglichkeit eingeräumt, sich selbst zu verteidigen. Ein Rechtsbeistand werde ihnen allerdings nicht zugestanden. Das Urteil der Dörfler werde per Abstimmung gefällt.

Als mögliche Bestrafung käme etwa die Arbeit im Straßen- oder Brückenbau in einer Sträflingskolonne in Betracht, sagt der Kommandant. Doch es wäre die Sache der Dorfbewohner und nicht der Milizionäre, das Strafmaß zu bestimmen. Hinrichtungen, die gemäß den mexikanischen Gesetzen auch bei Mord nicht erlaubt sind, würden nicht erwogen. "Das Dorf wird ihr Richter sein", schließt er. "Wenn das Dorf dich rettet, bist du frei. Wenn nicht, bist du verdammt."

"Jetzt habe ich Angst, dass sie wiederkommen und mir den Finger abschneiden oder mir das Auge ausstechen"

Nächtliche Razzien bei mutmaßlichen Drogenschmugglern haben den Milizionären ein Arsenal an Hochleistungswaffen eingebracht, darunter auch AR-15-Gewehre. Wie den Hilfspolizisten beigebracht werden soll, sie zu gebrauchen, ist nicht klar.

Am 6. Januar - in der Nacht, in der die Kontrollposten errichtet wurden - wurde ein Mann namens Cutberto Luna von den Milizionären erschossen, berichten staatliche Behörden. Nach Angaben von Torres, dem Chef der Bürgerwehr von Ayutla, habe sich der Mann geweigert, am Checkpoint stehen zu bleiben und hätte das Feuer auf die Wachhabenden eröffnet. Die hätten zurückgeschossen. Er behauptet zudem, Luna sei "ein bekannter Anführer des organisierten Verbrechens" gewesen. Angehörige von Luna konnte für eine Stellungnahme nicht ausfindig gemacht werden. Gemäß den Akten der Staatsanwaltschaft des Bundesstaates zu dem Fall war Luna ein ortsansässiger Taxifahrer. Verbindungen zum organisierten Verbrechen werden in der Aktie nicht erwähnt. Verhaftet wurde bisher niemand.

Im Dorf Potreros trafen sich vor einigen Tagen Milizionäre zu einer Lagebesprechung. Ein Viehzüchter in einem Nachbarort soll im Auftrag der kriminellen Banden Erpressungsgelder eingesammelt haben. Mehrere Milizionäre wollten eine Razzia vornehmen, um das Geld zurückzuholen und sich dafür dann Munition zu kaufen. Außerdem wurde besprochen, dass es doch von Vorteil sei, Kriminelle, die die Bürgerwehr für schuldig hält, auf der Stelle zu erschießen, anstatt sie dem Dorfgericht zu überantworten.

Ein Markthändler aus Ayutla ist froh, dass ihm beides erspart geblieben ist. Vierzehn Tage lang war er im Gefängnis in El Mezón eingesperrt, am 21. Januar habe man ihn entlassen, erzählt er. Ihm sei vorgeworfen worden, einem Mafiosi geholfen zu haben. Dabei habe er damals nur sein Schutzgeld von 500 Pesos entrichtet. Verletzt worden sei er nicht während der Haft. Allerdings sei ihm von dem Wasser aus dem Teich schlecht geworden, das man ihm zum Trinken gegeben habe.

"Es war klar, dass ich nicht zu den Bösen gehörte", sagt er. "Doch trotzdem bin ich ins Gefängnis gewandert. Der psychische Schaden, den dies auslöst, ist groß. Jetzt habe ich Angst, dass sie wiederkommen und mir den Finger abschneiden oder mir das Auge ausstechen."

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