• The Wall Street Journal

Draghi muss italienische Altlast fürchten

    Von HANS BENTZIEN
Reuters

Schatten der Vergangenheit: Die Zentrale von Monte dei Paschi in Siena.

Wenn EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag nach der Ratssitzung vor die Presse tritt, dann wird er vermutlich mit einem Teil seiner beruflichen Vergangenheit konfrontiert werden: Die Wurzeln des Skandals um die italienische Bank Monte dei Paschi di Siena liegen in der Zeit, als Draghi Chef der Banca d'Italia war und damit Chef der Bankenaufsicht. Hat der Wirbel um die älteste Bank der Welt das Potenzial, Draghis neue Rolle als europäischer Bankaufseher zu gefährden?

Um es gleich vorweg zu sagen: Was sich während „goldenen Jahre" vor der Pleite von Lehman Brothers auf dem Bankenmarkt zutrug, wäre heute vor allem eine Angelegenheit für die so genannte makroprudenzielle Aufsicht. Sie soll Risiken für die Finanzstabilität identifizieren und bewerten, darunter die Entwicklung von Vermögenswertpreisen. Draghi ist daran im Rahmen des Europäischen Rats für Finanzstabilität (ESRB) ebenfalls beteiligt.

Associated Press

EZB-Präsident Mario Draghi, hier auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar.

Der Skandal um die italienische Bank Monte dei Paschi beginnt im Jahr 2006. Sein Kern ist der Kauf des italienischen Bankhauses Antonveneta im Jahr 2007. Antonveneta war damals Teil der vor der Zerschlagung stehenden ABN Amro und als solcher an die spanische Santander gekommen. Die Spanier reichten die Bank gleich an Monte dei Paschi weiter – mit einem außerordentlich hohen Gewinn. Aber darüber regte sich damals niemand auf.

Zwei Jahre später mussten nahezu alle Beteiligten von den Steuerzahlern ihrer Heimatländer gerettet werden und Mario Draghi wurde Chef des internationalen Finanzstabilitätsrats (FSB), der bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel angesiedelt ist. Heute sind einige der in den Skandal verwickelten Institute verstaatlicht – und Mario Draghi soll als Präsident der Europäischen Zentralbank verhindern, dass so etwas noch einmal passiert.

Etwa drei Milliarden Gewinn für Santander

Von Anfang an: 2006 kaufte ABN Amro die italienische Antonveneta für 7,5 Milliarden Euro. Dem war ebenfalls ein Skandal vorausgegangen, in dessen Ergebnis Antonio Fazio als Notenbankchef zurücktreten musste und der Stuhl für Mario Draghi frei wurde. Aber das nur am Rande.

Als ABN Amro 2007 auf Initiative des Hedgefonds TCI unter Royal Bank of Scotland, Fortis und Santander aufgeteilt wurde, ging Antonveneta an Santander. Die im April 2007 bekannt gegebene Transaktion bewertete die italienische Bank mit 6,6 Milliarden Euro. Binnen eines Jahres war der Preis also um knapp 1 Milliarde Euro gesunken. Drei Monate später forderte die US-Hypothekenkrise mit der deutschen IKB ihr erstes Opfer.

Im November – die gesamte Transaktion war noch gar nicht abgeschlossen – reichten die Spanier das Bankhaus an Monte dei Paschi weiter: Für 9 Milliarden Euro. Santander strich einen Gewinn von knapp 2,5 Milliarden Euro ein und konnte auf eine Kapitalerhöhung für ihren Teil der ABN-Zerschlagung verzichten.

Außerdem verkauften die Spanier das in der Antonveneta-Tochter Interbanca angesiedelte Firmenkundengeschäft noch extra an GE Financial und erhielt dafür GE-Filialen für rund 500 Millionen Euro. Der Gewinn lag also eher bei 3 Milliarden Euro.

Was heute die Gemüter erregt, sind zwei Fragen: Hat auf italienischer Seite jemand Schmiergelder dafür erhalten, dass Monte dei Paschi einen so hohen Preis an Santander zu zahlen bereit war? In diese Richtung deuten Presseberichte, denen zufolge von italienischer Seite 2 Milliarden Euro nach London überwiesen wurden. Bewiesen ist aber nichts.

Minenfeld für die EZB

Die andere Frage, die sich stellt, betrifft Mario Draghi. Die Banca d'Italia nahm 2007 keinen Anstoß am hohen Kaufpreis, sie forderte Monte dei Paschi aber zu einer Kapitalerhöhung auf. Hat sie anschließend hinreichend geprüft, ob und in welcher Weise diese Kapitalerhöhung vorgenommen wurde? In Presseberichten ist von Derivategeschäften die Rede, die die Bank vor den Aufsichtsbehörden geheim gehalten habe. Es ist aber nicht klar, ob das mit den Eigenkapitalanforderungen in Zusammenhang steht.

Diese Männer fluten die Welt mit Geld

Sollte die Zentralbank nicht richtig geprüft haben, würde das sicher einen Schatten auf Draghis künftige Rolle als europäischer Bankenaufseher werfen, obwohl er selbst wohl operativ nicht verantwortlich gewesen sein dürfte.

Die Vorgänge rund um Antonveneta und Monte dei Paschi zeigen aber auch, in welches Minenfeld sich die EZB begibt, indem sie neue Aufgaben übernimmt. In der Rückschau ist beispielsweise klar, dass für Übernahmen zu hohe Preise gezahlt wurden. Es lag eine „Preisblase" vor, die die EZB heute im Rahmen ihrer makropudenziellen Aufsicht bekämpfen, zunächst aber mal erkennen müsste.

Aber „in Echtzeit" ist das nicht so einfach. Niemand nahm 2007 Anstoß daran, dass Monte dei Paschi eine Prämie von über 2 Milliarden Euro für Antonveneta zahlte. Analysten erklärten, der Preis stimme in etwa mit dem überein, der in Italien derzeit bei Übernahmen gezahlt werden müsse. Folgt man dieser Logik, bestand das Problem darin, dass die ABN-Zerschlagung eine Art Notverkauf mit zu niedrigen Preisen war, angestoßen von einem einschlägig bekannten Hedgefonds, der Kasse machen wollte.

Aus Sicht der beteiligten Akteure war die Zerschlagung von ABN Amroeine Katastrophe. Die Royal Bank of Scotland musste mit Steuergeldern gerettet werden und ist heute noch in Staatshand. Fortis war nicht mehr in der Lage, den Kaufpreis aufzubringen und musste ebenfalls verstaatlicht werden. Der niederländische Teil der Bank wurde wiederum mit den Überresten von ABN Amro zusammengelegt.

Kurz vor dem Abgrund

Santander steht vergleichsweise gut da, wohl auch deshalb, weil die Bank einen maßgeblichen Teil ihres ABN-Erbteils gleich an die Italiener weiterreichte. Monte dei Paschi ist, abgesehen vom Durchfallen beim jüngsten Stresstest, erst jetzt in die Schlagzeilen gekommen.

Ende 2007, als die Zerlegung von ABN abgeschlossen war, stand die Finanzwelt schon kurz vor dem Abgrund: Im Januar 2008 meldete die deutsche Hypo Real Estate eine außerordentliche Abschreibung auf verbriefte US-Schuldverschreibungen und löste damit den größten jemals verzeichneten Kursrutsch einer Dax-Aktie aus. Die Nervosität war groß. Kein Bankaufseher dieser Welt hätte die Krise jetzt noch stoppen können.

Im März 2008 tauchten erste Gerüchte über Zahlungsschwierigkeiten bei Bear Stearns auf, im Juni musste das Institut per Zwangsfusion mit J.P. Morgan Chase gerettet werden. Im Oktober folge die Lehman-Pleite, die heute als entscheidende Wegmarke der Finanzkrise gilt.

Aber die Ursachen der Krise, die massenhafte Vergabe von Subprime-Hypothekenkrediten mit anschließender Verbriefung und weltweiter Verteilung, war schon viel früher gelegt worden. Tatsächlich hat die EZB mal in einem Monatsbericht vor einer Risikoneubewertung im US-Hypothekenmarkt gewarnt. Aber als makroprudenzielle Aufseher sollten Mario Draghi und die EZB künftig schon die Entstehung solcher Preisblasen verhindern.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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