• The Wall Street Journal

Junge Griechen entdecken die Seefahrt neu

    Von PHILIP PANGALOS
Associated Press

Lastwagen vor einer Fähren im Hafen von Piräus, nahe der griechischen Hauptstadt Athen.

ATHEN – Als sich Stefanos Varotsis vor einigen Jahren entschied zur Handelsflotte zu gehen und ein Leben auf See zu führen, so wie Generationen von Männern von seiner griechischen Heimatinsel Chios zuvor, hielten ihn seine Freunde für verrückt. Wer will, so argumentierten sie, schon einen Job, bei dem man sein ganzes Arbeitsleben für Monate von der Heimat entfernt ist, mit all den Entbehrungen und Gefahren, die die Seefahrt ohnehin schon bereithält?

Doch inzwischen sind die Arbeitslosenzahlen im Dauerkrisenland Griechenland auf Rekordniveau angekommen. Stefanos Varotsis ist inzwischen Schiffsingenieur im Rang eines Kadetten, und inzwischen genießt der 21-Jährige mehr Respekt. „Einige meiner Schulkameraden, die sich anfangs über mich mokiert hatten", so sagt er, „loben heute, welch gute Entscheidung ich getroffen habe."

Eine wachsende Zahl junger Griechen fährt inzwischen zur See und belebt damit eine Familientradition, die ihre Väter vor mehr als einer Generation aufgegeben hatte – zugunsten von Ausländern. Vor Jahren noch, als die griechische Wirtschaft zu den am schnellsten wachsenden in Europa zählte, gab es leichtere und angenehmere Berufe, für die man das Land nicht verlassen musste.

Tausende zieht es zur See

Inzwischen bewerben sich Tausende bei den Seefahrtsakademien um eine Ausbildung zu Schiffsoffizieren oder um ein Seefahrtsbuch der griechischen Handelsflotte, mit dem sie als Matrosen zur See fahren können. Hier zeigt sich, wie der kollabierende griechische Arbeitsmarkt jene Jobs wieder attraktiv macht, die einst in der Rangfolge ganz unten standen.

Griechenland geht jetzt in das sechste Jahr einer brutalen Rezession, die die Wirtschaftsleistung schon um mehr als ein Fünftel hat schrumpfen lassen. Die Arbeitslosenquote liegt nach den Oktoberzahlen bei 26,8 Prozent und gehört zu den höchsten in ganz Europa. Fast 60 Prozent der unter 25-jährigen Griechen sind ohne reguläre Beschäftigung.

Associated Press

Wenn der Schiffsverkahr ruht, wie am vergangenen Donnerstag bei einem 48-stündigen Streik der Hafenarbeiter in Piräus, dann kommen auch die Abngler im Hafenbecken zu ihrem Recht.

Wer noch Arbeit findet, hat mit massiv sinkenden Löhnen zu kämpfen. Die Arbeitsmarktreformen, die von den internationalen Gläubigern des Landes durchgesetzt worden sind, haben den Mindestlohn für junge Leute auf 510 Euro im Monat gedrückt. Ein Seemann kann das Vierfache verdienen und ein frischgebackener Offiziersanwärter sogar das Sechsfache. Ein Kapitän oder der leitende Schiffsingenieur können bis zu 12.000 Euro monatlich nach Hause bringen.

„Die Zahl der jungen Griechen, die einen Beruf auf See suchen, weil es an Land keine Stellen mehr gibt, ist enorm gestiegen, auch weil ansonsten nahezu nirgends ähnlich gut zu verdienen ist", sagte Harry Vafias, Chef der Vafias Group, einer der größten griechischen Reedereien. Junge Griechen seien verwöhnt und verdorben gewesen von ein „leichten Leben" an Land: „Damit ist es nun vorbei. In der Krise hat sich vieles verändert. Viele junge Leute heute würden sich heute schon freuen, wenn sie 300 Euro im Monat in einem Teilzeitjob bekämen."

Vor Jahren bekamen alle Bewerber einen Platz

Die Zahl der vom Ministerium ausgegebenen Seefahrtbücher, die alle diejenigen brauchen, die unter griechischer Flagge auf einem Handelsfrachter anheuern wollen, ist massiv gestiegen – von 2007, bevor die Krise begann, bis zum vergangenen Jahr hat sie sich mehr als verdoppelt: auf 3.640. Die Zahl der Bewerber für die Plätze an den zehn zivilen Seefahrtsakademien hat sich gar mehr als vervierfacht: auf 4751 im vergangenen Jahr. Nur einer von vier Bewerbern wird derzeit noch angenommen – während für die Eingangsklassen 2007/08 fast alle Anträge positiv beschieden worden waren.

Im vergangenen Jahr wurden sogar etwas weniger Bewerber angenommen als im Jahr zuvor. Damit reagierte die Regierung auf die krisenbedingte weltweite Schwäche der Handelsschifffahrt. Griechenlands Schifffahrtsbranche wird für die Wirtschaft des Landes trotzdem zunehmend bedeutend, weil andere Sektoren so massiv schrumpfen. Mehr als 200.000 Menschen finden hier Arbeit, der Anteil am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 16 Prozent.

Die Regierung sieht die Handelsschifffahrt als einen Hebel für weiteres Wachstum. Der für die Handelsmarine zuständige Minister Kostis Moussouroulis spricht davon, dass eine „qualitative Verbesserung" der Ausbildung in nautischen Ausbildung ganz oben auf seiner Prioritätenliste steht, daneben eine Modernisierung des griechischen Schiffsregisters, damit mehr Reeder ihre Frachter unter griechischer Flagge laufen lassen und schließlich die Schaffung neuer Jobs in der Branche. „Griechenlands Schifffahrt war, ist und wird eine dominierender Wachstumsfaktor sein", sagte Moussouroulis. Das brauche das Land „so dringend wie niemals zuvor."

Der 21-jährige Stefanos Varotsis, der in diesem Jahr seinen Abschluss machen will und hofft, eines Tages leitender Schiffingenieur zu sein, räumt ein, dass ein Leben auf See nicht für jeden das Richtige sein kann. Doch auch er glaubt, dass die Branche für sein Land und dessen Zukunft immer entscheidend sein wird. „Griechenlands Handelsflotte wird immer gut laufen, was immer andernorts auch passiert", sagte er: „Die See rettet Griechenland immer. Es ist ein Beruf, der nie ausstirbt."

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