• The Wall Street Journal

Neuer BoE-Chef Carney fängt sich erste Dämpfer ein

    Von SIMON NIXON

Der Auftritt von Mark Carney vor dem Ausschuss des britischen Unterhauses am Donnerstag dürfte spannend werden. Quer durch das politische Spektrum Großbritanniens, sei es im Parlament, der Presse oder der Finanzwelt, wird der designierte Chef der Bank of England als Hoffnungsträger gefeiert. Selbst in der Zentralbank begrüßt man hinter vorgehaltener Hand die Ankunft des kanadischen Notenbankchefs. Er soll mit frischen Ideen die britische Zentralbank aufmischen, die in der Finanzkrise drastische Schwächen gezeigt hat.

Reuters

Mark Carney, der Gouverneur der kanadischen Notenbank, soll künftig die Bank of England leiten.

Obwohl er kein Brite ist und der Nominierungsprozess durch Schatzkanzler George Osborne sehr undurchsichtig verlief, hat Carney viele Vorschusslorbeeren erhalten. Gelichzeitig sind die Erwartungen an ihn himmelhoch. Denn die Unzufriedenheit mit der aktuellen Führung der BoE ist groß. Sie hat es trotz einer extrem lockeren Geldpolitik nicht geschafft, der Wirtschaft Großbritanniens zu neuem Wachstum zu verhelfen. Das Land hinkt selbst dem Schnitt der Eurozone hinterher. Viele Beobachter machen die Sturheit der Zentralbank für die Misere verantwortlich.

Der aktuelle Chef, Sir Mervyn King, hatte sich mit der Vorgängerregierung überworfen, weil er sich lange weigerte, dem Bankensystem in der Krise mehr Liquidität bereitzustellen. Eine Koalition aus hochrangigen Vertretern aus Zentralbank und Finanzministerium trieben ihn schließlich in die Enge. Auch die Beziehungen von King zur Regierung von David Cameron, die gut anfingen, haben sich aus dem selben Grund abgekühlt: Weil das Bankensystem der Wirtschaft den Zugang zu Krediten abschnitt, mussten Finanzministerium und Zentralbanker gemeinsam hinter den Kulissen den Notenbankchef bearbeiten, damit dieser seinen Widerstand gegen die Schaffung eines Bankenfonds aufgab und die drakonischen Liquiditätsregeln lockerte.

Der Lack ist schon jetzt ab

Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass die besseren Finanzierungskonditionen eine Erholung anschieben könnten. Aber während King oft ein Stachel im Fleisch der Regierung war, besteht bei Carney Anlass zur Sorge, dass er zu entgegenkommend sein könnte.

In den zwei Monaten seit seiner Nominierung ist der Lack bei ihm schon zu gewissem Grad ab. Dazu hat er auch selbst beigetragen. Zum Beispiel mit seinen Gehaltsvorstellungen: Er fordert ein Paket von bis zu einer Million Pfund, etwa 1,2 Millionen Euro, in dem auch ein Wohnungszuschuss von 250.000 Pfund enthalten ist. Das macht zweifelsohne sein Leben leichter, aber möglicherweise seinen Job schwieriger. Auch wenn sich eine solche Entlohnung rechtfertigen lässt, könnte er in den Augen der Öffentlichkeit als Söldner dastehen, der keine tiefere Beziehung zum Vereinigten Königreich pflegt. Das wäre ein Problem, wenn der ehemalige Banker von Goldman Sachs Entscheidungen treffen muss, durch die britische Durchschnittsfamilien ihre Häuser verlieren.

Ein noch rätselhafteres Eigentor war sein Vorschlag, das Inflationsziel der BoE durch ein inflationsbereinigtes Wachstumsziel zu ersetzen. Dieser Testballon, der offensichtlich mit dem Finanzministerium abgestimmt war, ist von Volkswirten und anderen Zentralbankern durchweg abgelehnt worden. Adam Posen, ehemaliges Mitglied im geldpolitischen Komitee der BoE und nicht als geldpolitischer Hardliner bekannt, sagte im Januar vor dem Unterhaus, eine Abkehr vom Inflationsziel sei ein „schwerwiegender Fehler", der unnötige Zweifel am britischen Bekenntnis zu solider Geldpolitik säen würde.

Ein weiterer ehemaliger Zentralbanker und eingefleischter Pragmatiker, David Blanchflower, wies darauf hin, dass ein Wachstumsziel in der Theorie zwar eine gute Idee ist, in der Praxis aber schwierig umzusetzen ist, da das inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt schwer zu messen ist und die Zahlen oft revidiert werden müssen. Auch Mervyn King zeigte sich in einer Rede kürzlich als Gegner dieser Idee. Außerdem bereite das Inflationsziel dem geldpolitischen Komitee bereits die Möglichkeit, eine Balance zwischen kurzfristiger Inflation und Wachstum zu finden.

„Wir sind keinesfalls fixiert auf ein Wachstumsziel"

Bei solchem Widerstand verabschiedet sich jetzt auch das Finanzministerium von dem Plan. „Wir sind keinesfalls fixiert auf ein Wachstumsziel. Ich sehe es als das eine Ende eines Spektrums", sagt ein hochrangiger Beamter im Ministerium. Aber das wirft die Frage auf, was Carney damit bezwecken wollte, sich an einem extremen Ende des Spektrums zu positionieren. Zudem hatte er diesen Ansatz für Kanada bereits ausgeschlossen.

Carney hat also nicht nur schon vor Amtsantritt eine wichtige Debatte verloren und seine Glaubwürdigkeit beschädigt. Dazu hat er Unsicherheit über die künftige Richtung der britischen Geldpolitik geschaffen. Das erklärt auch die jüngste Schwäche des Pfunds und den Anstieg der Renditen der Staatsanleihen.

Die aktuelle BoE-Führung hat klargestellt, dass Großbritannien die Grenzen einer ultralockeren Geldpolitik erreicht hat. Jetzt sei es an der Regierung, die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen, um neues Wachstum zu erzeugen. Aber Carneys Aussagen lassen vermuten, dass er die BoE zu einer noch expansiveren Politik führen will, selbst wenn die Inflation weit über der Richtschnur liegt.

Diese Männer fluten die Welt mit Geld

Darüber wollen die Parlamentarier sicher am Donnerstag mit ihm diskutieren. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie die BoE noch die Wirtschaft ankurbeln könnte. Schon jetzt hat sie Mittel in Höhe von einem Viertel der Wirtschaftsleistung dazu aufgewendet, um im Rahmen ihrer quantitativen Lockerung Staatsanleihen zu kaufen, obwohl das Inflationsziel dauerhaft überschritten ist.

Dazu deutet alles darauf hin, dass die Inflation das Wachstum drückt, indem sie das Einkommen der Verbraucher auffrisst. Gleichzeitig schaden extrem niedrige Zinsen den Sparern und blähen neuen Blasen auf – ironischerweise unter anderem auch auf dem Immobilienmarkt in Kanada.

Das größte Risiko könnte aber die Botschaft sein, die Carney an seinen neuen Gönner schickt, den Schatzkanzler George Osborne. Kürzlich veröffentlichte Zahlen deuten an, dass die Verschuldung 2012 gestiegen ist, während die Regierung ihr Schuldenziel aufgegeben hat.

Der größte Kritikpunkt an King war, dass er durch seine Weigerung, die Banken zu unterstützen, die Regierung subventioniert hat und ihr so den Reformdruck genommen hat. Erst im Januar hat er erstmals über die Notwendigkeit von Reformen auf der Angebotsseite gesprochen. Carney läuft Gefahr, durch seine entgegenkommende Haltung in dieselbe Falle zu laufen.

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