• The Wall Street Journal

Sycamore Networks: Von 45 Milliarden auf nahe null

    Von SCOTT THURM und FOX RUBIN

Es gab eine Zeit, in der Sycamore Networks als das nächste heiße Ding gehandelt wurde - führend im Rennen darum, wer den Datenverkehr des Internets organisiert.

Diese Zeit ist vorbei. Seit vergangenem Freitag steht fest, dass Sycamore seinen Betrieb einstellen wird. Die Firma aus Chelmsford im US-Bundesstaat Massachusetts hat nach eigenen Angaben den Vertrieb seiner Produkte eingestellt, die Aktionäre haben für eine Auflösung gestimmt. Den letzten Handelstag der Woche beendete Sycamore mit einem Marktwert von 66 Millionen US-Dollar – ein bescheidenes Ende für ein Unternehmen, das im März 2000 fast 45 Milliarden Dollar wert war.

Die 15-jährige Geschichte des Unternehmens vom welterobernden Start-up zu einer Fußnote in der Geschichte der Tech-Branche ist eine Erinnerung daran, dass Technologie-Blasen mit einem Wimpernschlag platzen können. Das Schicksal der Firma erinnert an die überzogenen Erwartungen der Internetstartphase, als Börsenneulinge mit viel Zukunftsfantasie, aber spärlichen Umsätzen und ohne jeden Gewinn Milliarden-Bewertungen erreichen konnten.

Strategische Fehlentscheidungen

Laut Analysten spiegeln sich in der Geschichte des Unternehmens aber auch strategische Fehlentscheidungen wider – darunter das Festhalten an den ursprünglichen Produkten, auch als der Markt längst schrumpfte, und das Horten von Bargeld in Milliardenhöhe, anstatt die Mittel zur Verbreiterung des Angebots oder zur Expansion des Geschäfts einzusetzen.

„Ich habe dieses Unternehmen nie wirklich verstanden. Sie schienen unwillig, in die nächste Generation der Technik zu investieren", sagt Ron Kline, Chefanalyst bei Ovum. „Sie haben mit der Marktentwicklung nicht Schritt gehalten und keine Kunden gewonnen."

Sycamore und seine beiden Gründer – Daniel Smith, immer noch der CEO der Firma, und Guruaj Deshpande – antworten nicht auf Anrufe und E-Mails.

Die beiden Unternehmer waren kleine Stars der Telekommunikationsbranche, als sie Sycamore 1998 mit Unterstützung der größten Wagniskapitalfirmen gründeten. Die Dotcom-Blase blähte sich auf, wovon auch die Netzausrüster profitierten, die die technische Infrastruktur, sprich: die Datenautobahnen für die neue Ära bereitstellten.

Phantastische Bewertungen

1999 ging Sycamore an die Börse. Der Wert der Aktien konnte sich am ersten Handelstag mehr als vervierfachen, wodurch das Unternehmen mit 14 Milliarden Dollar bewertet wurde. Damals hatte es in seiner jungen Geschichte gerade einmal 11 Millionen Dollar Umsatz und noch keinerlei Gewinn gemacht.

In den folgenden sechs Monaten verdreifachte sich der Wert der Aktien nochmals. Lässt man Aktien-Splits unberücksichtigt, schloss ein Papier am 2. März 2000 bei 1899,38 Dollar, so dass das Unternehmen damals einen Wert von 44,8 Milliarden Dollar hatte.

Andere Unternehmen ritten ebenfalls auf der Welle und schafften ähnliche und teils sogar noch höhere Bewertungen. Ciena, ein Hersteller von Glasfaserkabeln, erreichte eine Marktbewertung von 42 Milliarden in jenem Jahr. JDS Uniphase, Hersteller von Lasern und anderen Komponenten für Glasfasernetze, erreichte sogar ein Hoch von 127 Milliarden Dollar. Cisco, der weltweit größte Hersteller von Netztechnik für das Internet erreichte eine Marktkapitalisierung von 551 Milliarden Dollar.

Nachdem die Dotcom-Blase geplatzt war, erholte sich das Geschäft der Netzwerkausrüster langsam. Und die Telekomkonzerne wechselten zu anderen Technologien. Sycamore war mit den Produkten in der alten Zeit steckengeblieben und neue Konkurrenten wie Huawei Technologies aus China rollten den Markt auf.

Umsatz mit Glasfaser-Switches eingebrochen

Vergangenes Jahr wurden nach Angaben der Marktforscher der Dell'Oro Group mit dem Absatz optischer Internet-Switches weniger als 500 Millionen Dollar umgesetzt – 2008 waren es noch 1,1 Milliarden Dollar. Die ehemaligen Stars am Dotcom-Himmel sind tief gestürzt. Ciena ist heute noch 1,6 Milliarden Dollar wert, JDS Uniphase 3,5 Milliarden Dollar, immerhin Marktführer Cisco wird noch mit 111 Milliarden Dollar bewertet.

Einige der angeschlagenen Netzausrüster haben sich in den vergangenen Jahren zum Verkauf gestellt, doch Sycamore wollte sie nicht übernehmen. Stattdessen beschenkte man die Aktionäre mit mehr als 750 Millionen Dollar in den vergangenen drei Jahren in Form von zusätzlichen Dividenden – versiegende Barmittel und ein ausgedünntes Produktportfolio waren die Folge.

„In schweren Zeiten musst du innovativ sein", sagte ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens. „Du kannst nicht einfach an den Innovationen sparen und dann erwarten, dass es am Ende gut wird."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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