• The Wall Street Journal

Rainer Brüderle als Start-up-Accelerator?

Flügellahm im Fahrstuhl oder zielführend im Freundeskreis? Profitieren Gründer von der Sexismus-Debatte?

    Von MARCUS PFEIL
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Seit zwei Wochen lauscht die schweigende Mehrheit der Republik nun schon dem #Aufschrei jener Damen, deren Himmelreich aus Männern besteht, die nie wieder verbal um sich grapschen. Aber auch jener Herren, die vorgeben, sich niemals anders verhalten zu haben. Ob Marius Krämer letztere zur Zielgruppe auserkoren hat, als er auf die Idee mit dem Flügelmann kam? Ob er Rainer Brüderle im Sinn hatte, als er seine App Wingman programmierte?

Brauchen nicht gerade Männer, die des Sexismus nimmer verdächtig sind, einen Begleiter zur Seite, einen wie Brüderle? In seinem forschen Drang zum Herrenwitz und mit seiner bis zur Unkenntlichkeit versteckten Ironie gäbe der spitze Kandidat der FDP an jeder Hotelbar doch einen passablen Wingman ab. Aber auch Männer, die selbst um Komplimente nie verlegen sind, brauchen wie einst Tom Cruise einen wie Goose, sollte Hellmuth Karasek recht behalten, der - Brüderle im Geiste - die Sorge äußerte, nie wieder ohne Begleitung in einen Fahrstuhl steigen zu wollen.

Wer sich also Krämers App herunterlädt, findet stets den passenden Flügelmann in seiner Nähe. Und besser noch, Marius Krämer hat sogar die Möglichkeit bedacht, dass die Begleitung auch gleich eine Frau sein könne. Völlig unverdächtig!

Ob er damit Geld verdient, darf dennoch bezweifelt werden. Zwar soll es einen Wingman mit Top-Kundenbewertung schon bald gegen Aufpreis geben, Krämer jammert allerdings öffentlich, dass er keinen Investor findet. Woran das wohl liegen mag? Sicher nicht daran, dass die Angel-Szene im sonst so gönnerhaften Berlin von Frauen unterwandert wäre, die schon Krämers Idee als sexuellen Übergriff empfinden können. Sicher eher daran, dass Krämer zu früh dran ist mit seiner Idee, weil potenzielle Investoren gar nicht auf die Idee kommen, dass ihnen die Flügel nachts am Tresen lahmen könnten, wenn sie mal so viel getrunken haben, dass sie unmöglich merken können, dass sie - angesprochen auf den nächsten Deal - doch lieber beim Thema geblieben wären als über die Frage zu sinnieren, ob Frauen nun ein Dirndl auszufüllen vermögen oder nicht?

Nüchtern betrachtet muss der Korb für Krämer wohl daran liegen, dass es sich bei der Wingman-App schlicht um ein schlechtes Geschäftsmodell handelt. Hätte er sich doch besser an die Kollegen von Bang with friends angelehnt, die es im Gegensatz zu Krämer und ihren Nutzern vorziehen, anonym zu bleiben. Damit und mit ihrer App umgehen sie lästige Sexismus-Vorwürfe einfach.

Wer auf Nahverkehr aus ist - das sind angeblich fünf neue User pro Minute - markiert auf Facebook einfach die Freunde, mit denen er oder sie sich ein solches Erlebnis vorstellen können. Erwidert der oder die mit einem „down to bang"-Getagte das Verlangen mit einem Klick, können sich beide sparen, sich auf Tanzkarten einzutragen. Das ist schnörkellos.

Das Gleiche lässt sich leider auch für die Programmierung der App sagen. Darauf haben die Gründer weniger Zeit verschwendet als Laura Himmelreich mit Rainer Brüderle, Rainer Brüderle mit Laura Himmelreich.

Über den Autor

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Marcus Pfeil ist freier Journalist in Berlin. Für das Wall Street Journal Deutschland beobachtet er die Entwicklung der Startup-Szene in der Hauptstadt und berichtet darüber alle zwei Wochen in der Kolumne "Gründerjahre".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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