• The Wall Street Journal

Die Welt steckt schon mitten im Währungskrieg

    Von FRANCESCO GUERRERA
Associated Press

In Bretton Woods wurde 1944 ein System fester Wechselkurse entwickelt.

„Eine Währung abzuwerten, ist so, als würde man ins Bett machen", sagte einst ein führender Vertreter der US-Notenbank Federal Reserve. „Erst fühlt es sich gut an. Aber dann wird das Ganze schnell zu einem echten Schlamassel."

Neuerdings scheint die Devisen-Inkontinenz in den Hauptstädten der Welt – von Peking über Tokio bis nach Washington – zum politischen Mittel der Wahl avanciert zu sein. Der daraus resultierende Schlamassel hat die Mahner auf den Plan gerufen. Vor einem globalen „Währungskrieg" warnen sie, der sich schnell zum Protektionismus auswachsen könne.

Lang ist die Liste der Devisen-Kassandras; sie liest sich wie das Who's Who der globalen Hochfinanz und Politik. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel meldete sich zu Wort; James Bullard, der Präsident der Federal Reserve von St. Louis; Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und auch Mervyn King, der scheidende Gouverneur der Bank of England. Die Aufzählung ließe sich nach Belieben fortsetzen.

Doch die Koryphäen liegen falsch, und zwar gleich bei einer ganzen Reihe von Punkten. Die Welt steht nicht „am Rand" eines Währungskriegs, wie sie zu denken scheinen. Die Welt steckt vielmehr mitten drin im Schlachtengetümmel. Aber – und das ist die gute Nachricht – es besteht die Chance, dass diese Konfrontation nicht so böse enden könnte wie etwa die destruktiven Abwertungen, die auf die Weltwirtschaftskrise 1929 folgten oder gar auf die Turbulenzen der Asienkrise in den Jahren 1997 und 1998.

Währungskriege bilden eine feste Größe im modernen Finanzwesen, seitdem Anfang der 1970er Jahre das Bretton-Woods-System fester Wechselkurse zusammengebrochen war. Marc Chandler, der globale Leiter für Währungsstrategie bei Brown Brothers Harriman & Co, drückt es wie folgt aus: „Die meisten Regierungen sind der Ansicht, ihre Währungen seien zu wichtig, als dass man sie den Märkten überlassen könnte." Und deshalb haben die politisch Verantwortlichen schon oft versucht, den Wert ihrer Währungen zu manipulieren, indem sie in die Märkte eingriffen.

In den vergangenen Jahren hat sich besonders China als das Land hervorgetan, das keine Mühen scheut, um seine Währung schwach zu halten und so seine Exporte anzukurbeln. Aber China steht damit nicht allein. Angespornt von den Bemühungen Chinas haben sich viele Länder in „Nachahmung und Vergeltung" geübt, wie es Fred Bergsten formuliert, Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics.

In ihrer schlimmsten Ausprägung führten diese regelmäßig wiederkehrenden Interventionsgegenströme zu politischen „Beggar-thy-Neighbor"-Ansätzen. „Bring deinen Nachbarn an den Bettelstab" lautete das Motto dieser kontraproduktiven Versuche, die Wirtschaft des einen Landes auf Kosten aller anderen voranzubringen.

„Wachstum um jeden Preis"

Die gegenwärtige Situation stellt sich allerdings grundlegend anders dar. Die meisten Spannungen auf den Devisenmärkten sind nicht als Nebenprodukt direkter Interventionen oder Handelskriege entstanden. Sie kamen vielmehr infolge extremer geldpolitischer Maßnahmen zustande, mit denen das Fehlen eines fiskalpolitischen Kurses kompensiert werden soll.

Industrieländer wie Japan und die USA versuchen, die schleppende Konjunktur in ihren Ländern anzuschieben, indem sie die Zinsen äußerst niedrig halten und die Notenpresse mit Hochdruck arbeiten lassen. Damit setzen sie ihre Währungen einem Abwärtsdruck aus. Ihre lockere Geldpolitik hat eigentlich zum Ziel, vor allem die Binnennachfrage anzustacheln. Doch ihre Auswirkungen greifen auch auf die Welt der Devisen über.

Video auf WSJ.com

With Japan, China and the U.S. all pursuing weak-currency policies, other major economies are retaliating. The WSJ's Deborah Kan speaks to James Rickards of Tangent Capital Partners about whether the drive to devalue will set off a trade crisis.

Ende November wurde deutlich, dass Shinzo Abe sich mit seinem Schlachtruf „Wachstum um jeden Preis" bei den Wahlen in Japan durchsetzen würde. Seitdem hat der Yen gegenüber dem Dollar um mehr als zehn Prozent verloren und gegenüber dem Euro gar um rund 15 Prozent. Der Dollar erreichte in der vergangenen Woche gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung den tiefsten Stand seit fast 15 Monaten.

Exportorientierte Nationen wie Brasilien und Südkorea reagieren verärgert auf derlei Schritte. Doch auch in Europa regt sich der Unmut. Die Eurozone hat diese Runde geldpolitischer Anreize weitgehend passiv an sich vorüberziehen lassen. Doch jetzt findet sich der Euroraum in der unangenehmen Lage wieder, mit einer schrumpfenden Wirtschaft und zugleich mit einer steigenden Währung konfrontiert zu sein. Deshalb sollte man auch die EZB-Sitzung am Donnerstag auf keinen Fall verpassen.

Diese Männer fluten die Welt mit Geld

Das schmutzige Geheimnis derer, die sich der Geldpolitik bedienen, um – ob nun absichtlich oder nicht – eine Währung zu schwächen, besteht darin, dass sie eine Abkürzung suchen. Auf diese Weise wollen sie sich vor unpopulären Entscheidungen in Sachen Fiskalpolitik und Budget drücken.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Zentralbanken jemals zuvor so tief im Experimentiermodus gewesen wären", sagt Mohamed El-Erian, Chef und Co-Vorstand für Investitionen von Pacific Investment Management. „Wie ein Pharmakonzern, der sich gezwungen sieht, ein neues Medikament auf den Markt zu bringen, selbst wenn es noch nicht ausreichend erprobt wurde."

Nicht zwangsläufig ins Tal der Tränen

Wo wird das alles enden? Es gibt zwei mögliche Ergebnisse: In der Apokalypse oder in der Erlösung.

James Rickards tippt auf den Untergang. Der altgediente Financier hat das Buch „Währungskrieg: Der Kampf um die monetäre Weltherrschaft" verfasst. „Die Leute fragen mich danach, wer denn gewinnt. Und ich antworte ihnen: Niemand", sagte Rickards zu mir. „Ich rechne damit, dass das internationale Währungssystem instabil wird und zusammenbricht. So viele Notenbanken werden so viel Geld drucken, dass die Leute ihren Glauben an das Papiergeld verlieren werden. Und die Inflation wird in den Galopp übergehen."

Das weltweite Wechselkurssystem hat die Neigung, in schöner Regelmäßigkeit dramatisch in die Knie zu gehen. Das muss dennoch nicht zwangsläufig bedeuten, dass dieser Währungskrieg im Tal der Tränen endet.

Hulton Archive/Getty Images

Der britische Volkswirt John Maynard Keynes bei den Gesprächen in Bretton Woods.

Zunächst einmal könnte der gesunde Menschenverstand ja immer noch die Oberhand behalten. Dem gefährlichen Spiel, den Nachbarn auszuplündern und ihm auch noch die Schuld zuzuschieben, könnte immer noch ein Ende gesetzt werden. Schließlich wurde doch der Internationale Währungsfonds genau deshalb gegründet, um einen solchen Unterbietungswettlauf zu unterbinden. Der IWF sollte als Mittler auftreten und versuchen, einen Waffenstillstand zwischen den Kombattanten auf dem Devisenschlachtfeld zu erwirken.

Wenn das in Ihren Ohren naiv klingt, dann stellen Sie sich doch nur einmal vor, dass diese Riesenrunde monetärer Impulse wirklich zündet und mit Erfolg eine solide Erholung auf den Weg bringt, die von der Inlandsnachfrage angeheizt wird. Oder dass endlich die Fiskalpolitik flott gemacht wird.

Wie auch immer es ausgeht, so würde sowohl das eine als auch das andere Ergebnis auf jeden Fall einen großen Anreiz eliminieren, aus Wettbewerbsgründen abzuwerten, und die Regierungen dazu veranlassen, ihre Währungen zu stützen, um ein Entfachen der Teuerung zu vermeiden. Wachstum heilt eine Menge Krankheiten. Sogar die Devisen-Inkontinenz.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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