• The Wall Street Journal

Geht bei Hess bald das Licht aus?

    Von ILKA KOPPLIN
dapd

Hess-Produktion von Leuchtdioden im sächsischen Löbau.

Eine Pflichtmitteilung an der Börse verheißt oft nichts Gutes. Auch nicht im Falle des Börsenneulings, dem Leuchtenhersteller Hess aus dem Schwarzwald. „Verschiedene Tochtergesellschaften der Hess AG haben akuten Liquiditätsbedarf", heißt es in der Mitteilung vom Montagabend.

Der Grund: Die finanzierenden Banken hätten die „bestehenden Guthaben vorsorglich eingefroren und die bestehenden Kreditlinien gesperrt." Vor diesem Hintergrund seien die Zahlungsfähigkeit und die Fortführungsprognose der Gesellschaft sorgfältig zu prüfen, heißt es abschließend.

Im Klartext bedeutet das: Der Mittelständler aus Villingen-Schwennigen, der sich erst im Oktober vergangenen Jahres an die Börse gewagt hatte, steht mit dem Rücken zur Wand. Das in dritter Generation geführte Familienunternehmen steckt ziemlich in der Bredouille.

Diese Mitteilung markiert den bisherigen Höhepunkt eines wahren Wirtschaftskrimis. Vor rund zwei Wochen publizierte der Mittelständler die erste Pflichtmitteilung. Damals hieß es, der Aufsichtsrat habe einstimmig beschlossen, Vorstandschef Christoph Hess sowie Finanzvorstand Peter Ziegler mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben zu entbinden. Der Grund: Es sei möglicherweise mit ihrem Wissen über längere Zeit zu Bilanzmanipulationen gekommen. Noch am selben Tag wurde Unternehmensberater Till Becker zum Alleinvorstand berufen.

Kaum ein halbes Jahr nach dem Börsengang steht die Hess AG unter Verdacht, die Bilanzen 2011 und 2012 geschönt zu haben, also jene Zahlen, auf deren Basis die neuen Hess-Aktionäre ihre Entscheidung zur Zeichnung ihrer Aktien getroffen haben.

Neu-Vorstand Till Becker muss nun diverse Brände gleichzeitig zu löschen. Das dringendste ist sicherlich der „Finanzierungsbedarf". Das Unternehmen führe rund ein Dutzend Tochtergesellschaften, darunter beispielsweise auch Vertriebsgesellschaften, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Im Wesentlichen gehe es bei der Finanzierung um die Hess Lichttechnik im sächsischen Löbau, einem reinen Produktionsbetrieb mit rund 100 Mitarbeitern.

Genaue Summen nennt er nicht, es gibt lediglich der Hinweis, es sei „alles eingefroren." Ein Blick in die – möglicherweise geschönten – Bilanzen verrät: Im September 2012, also noch vor dem Börsengang, hatte das Unternehmen rund 55 Millionen Euro an Krediten gegenüber rund zwölf Hausbanken ausstehen, bestätigte auch der Sprecher. Den Bankverbindlichkeiten steht ein Eigenkapital von 18 Millionen gegenüber.

Bei genauerer Betrachtung der Bilanz des Geschäftsjahres 2011 zeigt sich, dass die Kredite das Unternehmen schwer belasten. Von 68 Millionen Euro Jahresumsatz bleibt ein Gewinn vor Zinsen und Steuern von 5,6 Millionen und eine operative Marge von rund acht Prozent. Doch der Nettogewinn, also nach Abzug von Zinsen und Steuern, liegt nur noch bei mickrigen 1,3 Millionen Euro und entspricht nicht einmal einer Marge von zwei Prozent. Wohlbemerkt sollen die Umsatzzahlen erheblich geschönt worden sein. Wenn das stimmt, dürfte das Ergebnis also noch weitaus schlechter sein.

Kein Wunder also, dass sich Hess beim Börsengang mit frischem Kapital ausstatten wollte. Das verbesserte das Eigenkapitalverhältnis und sollte günstigere Konditionen gegenüber den Banken sichern. Doch anstatt der angepeilten 50 Millionen ließen sich lediglich 36 Millionen Euro erlösen. Die Verschuldung dürfte also noch wie vor hoch sein. Und die Banken wollen angesichts der Unstimmigkeiten in den Bilanzen ihr Geld zurück – von der Familie Hess. Denn die hält über eine Tochtergesellschaft noch rund 40 Prozent der Aktien an der Hess AG.

Die Banken fordern „erhebliche finanzielle Beiträge von Seiten des größten Aktionärs". Dann wären sie zu einem Stillhalteabkommen bereit, heißt es in der Mitteilung. Die Gelder würden dann erst einmal wieder fließen. Bisher jedoch hätten die „vom Vorstand geführten Verhandlungen zu keinen ausreichenden Beiträgen geführt."

Der Unternehmenssprecher versucht, Bedenken zur Zukunft der Firma zu zerstreuen. Die Banken zeigten sich sehr kooperativ, sagte er. Allerdings habe es bis gestern kein klares Signal von Seiten der Familie gegeben.

Der geschasste Ex-Vorstand Christoph Hess will das nicht auf sich sitzen lassen. In einer Mitteilung an die Mitarbeiter erklärt er am späten Dienstagnachmittag, die Familie habe bereits Geld auf ein Treuhandkonto eingezahlt.

Nahezu zwei Wochen hatte Hess geschwiegen, nun sieht er offenbar keine andere Möglichkeit mehr als den Kampf in der Öffentlichkeit auszutragen – mit krassen Vorwürfen. Er wehrt sich vehement gegen den Eindruck, er als Großaktionär sei nicht bereit, "einen Sanierungsbeitrag für das Unternehmen zu leisten."

Am Montag schon habe er 1,35 Millionen Euro auf ein Treuhandkonto überwiesen – jederzeit per Blitzüberweisung frei verfügbar für das Unternehmen. Allerdings verknüpft Hess Junior diese Zahlung an eine Bedingung: So müssen Neu-Vorstand Becker, seine Berater und die beteiligten Banken erklären, dass sie keine Kenntnis von einer unabwendbaren Insolvenz haben.

Er schreibt wörtlich, es seien Zweifel aufgekommen, „ob der Vorstand überhaupt eine Sanierung des Unternehmens will oder auf eine Insolvenz hinarbeitet." Er selbst stellt sich als unschuldig, zumindest als unwissend hinsichtlich der erhobenen Vorwürfe der Bilanzfälschung dar. Er habe versucht, mit dem Aufsichtsrat über „schwierige Buchhaltungsfragen" zu sprechen, zu dem Zeitpunkt seien er und Finanzvorstand Ziegler allerdings schon gekündigt worden.

Seit Christoph Hess seinen Platz räumen musste, sucht die ausgebootete Familie nach Wegen, die Kontrolle über die Gesellschaft zurückzubekommen. So stellte Sohn Christoph kurz nach seiner Abberufung als Vorstandschef wegen angeblicher Bilanzmanipulationen einen Antrag auf Einberufung einer außerordentliche Hauptversammlung bei seinem Nachfolger Becker. Sein Ziel: Vorstand und „Teile des Aufsichtsrats" sollen ausgetauscht werden. Passiert ist bisher nicht. Der Antrag werde nach wie vor von Becker und den Anwälten des Unternehmens geprüft, heißt es von Seiten der Firma.

Zudem hatte Senior Jürgen Hess, derzeit Mitglied des dreiköpfigen Aufsichtsrates, öffentlich angeboten, operativ ins Unternehmen zurückzukehren, um sein profundes Branchenwissen einzubringen. Dazu hieß es aus seiner alten Firma lediglich, Hess sei nun ein börsennotiertes und kein Familienunternehmen mehr.

Kontakt zum Autor: ilka.kopplin@dowjones.com

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