• The Wall Street Journal

Für Lance Armstrong geht das Rennen weiter

    Von KEVIN HELLIKER
Associated Press

Bei einem Fernsehinterview gestand Lance Armstrong, bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen gedopt zu haben.

In seinem Interview mit Oprah Winfrey zeigte sich der amerikanische Ex-Radprofi Lance Armstrong zerknirscht darüber, bei seinen sieben Tour-de-France-Siegen gedopt zu haben.

Auf dem sozialen Netzwerk Strava, auf dem sich Sportler gegenseitig herausfordern können, schlägt der Radfahrer andere Töne an. Anstelle eines Profilbildes ist bei Armstrong eine Kanone zu sehen, darunter heißt es: „Komm und nimm es mit mir auf!" Und in seiner einzeiligen Biografie heißt es: „Laut meinen Konkurrenten, Freunden und Teammitgliedern habe ich sieben Mal die Tour de France gewonnen." Seit seinem Auftritt bei der amerikanischen Talkmasterin hat Armstrong die Seite weiter aktualisiert. Für einen Kommentar dazu konnte er nicht erreicht werden.

Diese Haltung könnte typisch für Armstrong sein. Im Gespräch mit Oprah Winfrey beschrieb er sich als Radfahrer, der sich von Regeln oder körperliche Schmerzen nicht den Sieg lassen nimmt. Aber es sagt auch etwas über Strava aus. Auf der amerikanischen Seite können sich Sportler in nicht organisierten Rennen miteinander messen – und zwar ganz ohne Teilnahmegebühren, Startschüsse, Dopingkontrollen, Schiedsrichter, Podien und Streckenpläne. Die Nutzer können einen beliebigen Weg in eine Rennstrecke verwandeln, indem sie ihn mit der GPS gestützten App des Unternehmens festhalten und auf die Seite laden.

Strava.com

Armstrongs Profil in dem sozialen Netzwerk Strava.

Sobald eine Strecke festgelegt ist, stellt Strava Fahrer dafür auf. Der schnellste auf jeder Strecke darf sich Bergkönig nennen, wie bei der Tour de France. Auch Bergköniginnen gibt es. Unter ihnen ist die Konkurrenz allerdings nicht so groß, da nur etwa zehn Prozent der Nutzer Frauen sind. Nachdem Armstrong im vergangenen Jahr an einem einzigen Tag sieben Mal bei Strava Bergkönig wurde, lauteten die Kommentare auf seiner Seite: „Was für ein Tier" oder „Krasser Typ".

Strava hat in nur drei Jahren mehr als eine Million Nutzer gewonnen. Das Netzwerk bringt Athleten, die sich nicht kennen, für Wettkämpfe zusammen. Dabei ist es egal, ob sie die Strecke am gleichen Tag fahren oder mit einem Abstand von mehreren Jahren. Auch Läufer können bei Strava einen Streckenrekord aufstellen. Für Premium-Dienste wie die Darstellung der Herzfrequenz nimmt das Unternehmen aus San Francisco Geld.

Wie ein Bergkönig zu seinem Sieg kommt, wird aber nicht überprüft. Es heißt zwar, dass das Unternehmen unglaubwürdige Leistungen aussortiert, doch die Teilnehmer könnten die Strecke auch auf dem Motorrad fahren – oder Dopingmittel nehmen.

Dennoch ist der Titel heiß umkämpft. Wenn ein Bergkönig vom Thron geschmissen wird, bekommt er eine E-Mail von Strava, die mit den Worten „Oh, oh" beginnt. Es folgen Details über den neuen Rekordhalter. Mark Feary, der seit drei Jahren dabei ist, berichtet, dass er schon viele „Oh, oh"-Mails bekommen habe. Meistens hieß es darin, dass der vorige Bergkönig ihm den Titel wieder abgenommen hat. Feary nutzt das Netzwerk vor allem, um für Fahrradcrossrennen zu trainieren. Doch „viele der Typen treten nur bei Strava an und sie nehmen das ernst", sagt er. Derzeit kann sich Feary, ein Manager im Vertrieb aus Chicago, auf acht Etappen Bergkönig nennen.

Ein Radfahrer kam bei einem Rennen ums Leben

Viele Sportler nutzen Strava, um ihre Leistung über einen längeren Zeitraum festzuhalten. Sie messen nicht nur Geschwindigkeit und Entfernung, sondern auch ihre Herzfrequenz und andere Informationen. Armstrong postete am 22. Januar einen Laufrekord – der allerdings bedeutungslos war, weil vorher nur ein einziger Läufer auf der Strecke unterwegs gewesen war. Aber Armstrong bot andere interessante Informationen: Er lief 11,6 Kilometer mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 4.04 Minuten je Kilometer und verbrannte dabei 1,164 Kalorien.

Öffentliche Straßen und Wege in Rennstrecken zu verwandeln, ist nicht ungefährlich. 2010 starb in Kalifornien ein Radfahrer, der einen steilen Abhang herunter gerast und mit einem Auto zusammen gestoßen war. Seine Familie verklagte Strava daraufhin. „Es kann nicht richtig sein, ein Rennen zu arrangieren, das man nur gewinnen kann, wenn man die Geschwindigkeitsbeschränkung überschreitet", sagt die Anwältin der Familie. Das war bei diesem Rennen der Fall – obwohl das Verkehrsaufkommen auf der Strecke oft hoch ist.

Strava teilte mit, dass man den Tod des Radfahrers sehr bedauere, das Unternehmen aber keine Schuld daran trage. Dennoch führte es ein neues Feature ein. Teilnehmer können nun Strecken als gefährlich markieren, auf denen erfolgt dann keine Wertung mehr. Auf der Seite ermutigt Strave die Nutzer auch dazu, sich an die Verkehrsregeln zu halten.

Armstrong wird weiter unterstützt

Erin Korff, der sich auf einer Strecke um den New Yorker Central Park Bergkönig nennen darf, fürchtet, dass sich künftig überall in New York Radfahrer auf den Straßen miteinander messen könnten. Doch andere Radfahrer verteidigen das Unternehmen. „Es ist sehr schwierig zu sagen, dass Strava für die Risiken haften soll, die einige Mitglieder eingehen", schrieb Bob Mionske vom Blog Bicycling.com im vergangenen Sommer.

Auch der berühmteste Nutzer bekommt immer noch Unterstützung in dem Netzwerk. Armstrong ist seit August 2011 Mitglied. Bis vor kurzem nutzte er die Seite unter seinem bekannten Pseudonym Juan Pelota – so heißt ein Café im texanischen Austin, das ihm gehört. Bevor das Interview mit Oprah Winfrey am 17. Januar ausgestrahlt wurde, hatte er seinen Nutzernamen geändert, das Bild und den Kommentar hinzugefügt. Dafür gab es zwar ein paar negative Kommentare, doch die meisten seiner 10.000 Strada-Follower stehen hinter dem bekennenden Doping-Sünder.

Nach dem Interview wuchs die Unterstützung offenbar noch. Armstrong postete mehrere Laufrekorde, die er beim Training in Hawaii erreicht hatte. „Lance, du begeisterst mich schon seit langem", schrieb ein anderer Nutzer. „Jetzt, da ich dir bei Strava folgen kann, wirst du mich weiter inspirieren."

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