• The Wall Street Journal

Islamisten planten Terror in Gaddafis Villa

    Von DREW HINSHAW

TIMBUKTU – Fünf Monate lang hatten sich die Kämpfer von al-Qaida im Maghreb (Aqim) in der Villa des verstorbenen libyschen Diktators Muammar Gaddafi eingenistet. Das bestätigen Wächter, Gärtner und ein Bauer aus der Nachbarschaft. Knapp ein Kilometer Sanddünen trennen das Gelände von den Stadttoren Timbuktus.

Agence France-Presse/Getty Images

Ein Anwohner von Timbuktu zeigt auf die Ruine der Villa von Muammar Gaddafi.

Abseits des Schlachtfelds diente das Gebäude als Treffpunkt, Ausbildungszentrum und Machtbasis der Extremisten – und das durchaus nicht spartanisch: Es gab zehn Schlafzimmer, Satellitenfernsehen und 13 Badezimmer für Gäste. Das 14. Bad gehörte Gaddafi. „Ich habe es einmal gesehen – es war wunderschön", sagt Ahmed Dicko, der 33-jährige Wächter, während er durch die Trümmer des Hauses streift, das er sechs Jahre lang bewacht hat.

Gaddafi selbst hat das 2006 erbaute Haus nie gesehen, sagen die Angestellten. 2011 wurde der Diktator nach 42 jähriger Herrschaft von Rebellen getötet. Einige Monate vor Gaddafis Tod sei aber Sohn Seif al-Islam in Timbuktu vorbeigekommen, berichtet Wächter Dicko. Der designierte Nachfolger seines Vaters, der jetzt vom Haager Kriegsverbrechertribunal gesucht wird, habe sich dort mit etwa 20 Männern getroffen; 2500 Kilometer entfernt von Tripolis und dem Aufstand, der die Machtbasis seiner Familie bedrohte. Die arabische Gemeinde der Stadt schenkte dem Diktatorensohn ein Kamel. Am nächsten Morgen war er wieder fort.

Nachts auf Flugzeuge geschossen

Am 1. April vergangenen Jahres zogen dann neue Bewohner in die Villa. Zunächst fuhren Tuareg-Rebellen in ihren Toyota-Pickups durch das Maschendrahttor und verlangten die Schlüssel zu dem Haus. Sie wollten dort ein Kommandozentrum errichten, von dem aus sie ihren neuen Staat im Norden Malis lenken wollten. Die Wächter erklärten, sie hätten keine Schlüssel. Gleichzeitig waren schon Schüsse zu hören: Die Kämpfer der Aqim vertrieben die Tuareg gewaltsam aus Timbuktu.

Nur Stunden später fuhren die nächsten Pickups vor. Darin saß unter anderem Abu Zeid, der Emir der südlichen Abteilung der Aqim. Terrorismusexperten sagen, dass er in den vergangenen zehn Jahren meist in der Wüste gezeltet und sich von Reis und Milchpulver ernährt haben muss.

Doch an den neuen Luxus gewöhnten sich Abu Zeid und seine Männer schnell. Die Wächter beobachteten die Islamisten, wie sie in den mächtigen Sofas im Wohnzimmer fern sahen. Gleichzeitig bereiteten sie sich auf den Kampf vor und trainierten auf dem Hof. Gärtner Almahidi ag-Assay fand zerschnittene und verschweißte Propangasflaschen, die wahrscheinlich zum Bombenbau verwendet wurden.

Am Nachmittag absolvierten die Islamisten Schießübungen. Erst schossen sie auf Benzinkanister, dann auf Vögel. Nachts lagen die Kämpfer auf dem Dach und feuerten sinnlos auf weit entfernte Flugzeuge.

Zum Rauchen heimlich nach draußen

Die Wächter berichten, sie seien zunächst aus Angst fortgeblieben. Dann aber habe Dicko seinen Mut zusammengenommen und sich an den Kriegsherrn gewandt: „Wir haben ihm gesagt, dass wir hier einiges angepflanzt haben: Tomaten, Rüben, Salat. Wir haben gesagt, dass wir die Pflanzen täglich wässern müssen." Abu Zeid habe ihnen das erlaubt. Bei ihren täglichen Besuchen in der Villa wurden Dicko und seine Kollegen Zeugen, wie eine Kommandozentrale entstand. Mehrmals im Monat parkten 50 oder 60 Fahrzeuge auf dem Gelände.

Timbuktu – eine afrikanische Schatzkiste

AFP/Getty Images

Dabei bekamen die Männer auch einige der gefürchtetsten Terroristen der Sahara zu Gesicht: Etwa Iyad ag-Ghaly, den malischen Kriegsherr, der für seine Zurückgezogenheit berühmt ist. Oder Moktar Belmoktar, den einäugigen Drahtzieher hinter dem Überfall auf ein Gasfeld in Algerien im Januar, bei dem 37 ausländische Geiseln ums Leben kamen. Unter den Terroristen seien auch zehnjährige Kämpfer gewesen, die kaum ihr Maschinengewehr halten konnten.

In der legendären Karawanenstadt Timbuktu selbst kontrollierte eine aus Teenagern zusammengestellte islamistische Polizei die Bewohner. Für den Besitz von Zigaretten gab es die Prügelstrafe. In der Villa schlichen sich die Kämpfer zum Rauchen heimlich nach draußen, berichtet der Gärtner. Überall auf dem Gelände finden sich leere Zigarettenschachteln von Marken wie Liberty oder American Legend.

Im August, während des Fastenmonats Ramadan, packten die Kämpfer ihre Sachen zusammen. Trotzdem blieb das Haus ein Ziel für ihre Gegner. Am 11. Januar befahl der französische Präsident François Hollande Luftschläge gegen al-Qaida im Norden Malis. Eine Bombe traf auch die Villa und zerstörte sie vollständig. Auf dem Rasen sind Überreste der ehemaligen Bewohner verstreut, darunter Kerzenhalter aus Plastik und die Gebrauchsanweisung für einen Staubsauger. In den Ruinen des Hauses flattert eine Stromrechnung herum. Adressat ist der Hausherr „KHADAFI".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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