• The Wall Street Journal

Brasilien: Social-Media-Mittelpunkt des Universums

    Von LORETTA CHAO

SÃO PAULO—Die Barbosas wollten ein Video davon aufnehmen, wie sie ein brasilianisches Gospellied singen. Dabei vergaßen sie den Text, sangen herrlich falsch und brachen in Gelächter aus. Das verpatzte Ergebnis luden sie auf Youtube hoch. Doch sie hätten nie damit gerechnet, dass innerhalb weniger Wochen Millionen von Brasilianern das Video anklicken würden.

Es entstanden sogar Parodien des Videos, darunter eine Version, bei der es aussieht, als sängen die Simpsons das Lied. Kein Wunder: Soziale Medien verbreiten sich im größten Staat Lateinamerikas rasant. Der wachsende Wohlstand verschafft immer mehr Menschen Zugang zum Internet, und die extrem soziale Kultur in Brasilien begünstigt die Nutzung von sozialen Medien zusätzlich, sagen Vertreter von Internetfirmen.

Agence France-Presse/Getty Images

Facebook kommt in Brasilien auf etwa 65 Millionen Nutzer.

Den Firmen hinter den sozialen Netzwerken kommt das gelegen, da sie ihr Potential in den USA und in Europa schon weitgehend ausgeschöpft haben. Brasilien ist auch attraktiver als China, da dieser größte Schwellenmarkt der Welt derzeit Seiten wie Youtube, Facebook und Twitter blockiert.

Laut der Analysefirma Socialbakers hat Facebook in Brasilien derzeit etwa 65 Millionen Nutzer, nach den USA die zweitmeisten weltweit. Ende 2012 kamen aus Brasilien außerdem die zweitmeisten Besucher auf Youtube. Dadurch gehört das Land auch zu den fünf umsatzstärksten Märkten für das Videoportal. Auch Twitter berichtet, dass Brasilien zu den fünf aktivsten Nutzerländern gehört.

Die Menschen in Brasilien verbringen immer mehr Zeit mit sozialen Netzwerken. Weltweit ist die durchschnittliche Verweilzeit auf Facebook bis September 2012 im Vorjahresvergleich um zwei Prozent auf 361 Minuten pro Monat und Nutzer gefallen, berichtet comScore.

535 Minuten im Monat bei Facebook

Doch in Brasilien wuchs diese Verweilzeit im selten Zeitraum um 208 Prozent auf 535 Minuten. Bei Youtube wuchs die Verweilzeit der Brasilianer um fünf Prozent auf 140 Minuten, weltweit fiel sie um drei Prozent auf 161 Minuten.

In Brasilien sei es ganz normal, dass Menschen im Aufzug ein Gespräch mit einem Fremden anfangen, sagt Alexandre Hohagen, Vice President der Lateinamerikaabteilung bei Facebook. Außerdem wollen sie andauernd über Sport, Nachrichten und Fernsehsendungen reden, sagt er. „Die Kultur macht die Menschen sehr viel offener dafür, sich mit Freunden zu vernetzen."

Inhalte aus Brasilien verbreiten sich über soziale Netzwerke derzeit noch schneller als sonst, da bald die Fußballweltmeisterschaft sowie die Olympischen Spiele dort stattfinden werden. „Es gibt viel Neugier auf Brasilien", sagt Álvaro Paes de Barros, der in der Lateinamerikasparte bei Youtube arbeitet.

Twitter hat kürzlich ein Büro in São Paulo eröffnet und stellt dort eigene Teams für Sales, Marketing und die Geschäftsentwicklung zusammen, berichtet Shailesh Rao, Vice President für internationales Umsatzwachstum bei Twitter.

„Durch die Größe des Marktes ergab es für uns Sinn, eine eigene Vertretung dort zu haben", sagt er. Auch in Mexiko, Argentinien, Kolumbien und Chile wachse das Unternehmen schnell, doch dort arbeite das Unternehmen mit örtlichen Vertriebsmitarbeitern.

Die Daten von ComScore zeigen, dass brasilianische Nutzer im September 2012 41 Prozent mehr Zeit auf Twitter verbracht haben als ein Jahr zuvor. Rao sagt, dass Brasilianer besonders gerne soziale Netzwerke nutzen, während sie fernsehen, zum Beispiel während Fußballspielen und Soaps.

Technologiefirmen sind der Überzeugung, dass Brasilien ein riesiges Potential darstellt, sowohl bei Nutzerzahlen als auch bei den Umsätzen. Ein Großteil der neuen Werbeeinnahmen wird in den nächsten drei Jahren aus Schwellenmärkten kommen, vor allem aus China und Brasilien, berichtet die Analysefirma Zenith Optimedia. Zenith schätzt, dass 5,6 Milliarden der 76 Milliarden Dollar an neuen Werbeausgaben aus Brasilien kommen werden. Das wäre ein größerer Anteil, als Indien, Russland oder Indonesien voraussichtlich beitragen.

China wird vermutlich 12,5 Milliarden Dollar an zusätzlichen Werbeausgaben aufbringen, aber Seiten wie Youtube und Facebook können davon nicht profitieren, da sie von staatlichen Filtern geblockt werden.

Die Analysefirma eMarketer berichtet, dass Brasilien seine Ausgaben für Online-Werbung in den nächsten vier Jahren auf vier Milliarden Dollar verdoppeln dürfte. Denn brasilianische Verbraucher zeigen eine besonders hohe Bereitschaft, auch teure Produkte wie Autos im Internet zu kaufen.

Seaborn Networks, ein Telekom-Netzentwickler aus dem amerikanischen Massachusetts, plant, in Zusammenarbeit mit Alcatel-Lucent ein 400 Millionen Dollar teures Kabel unter dem Ozean zu verlegen, das New York und São Paulo ab 2015 verbinden soll.

Dabei entsteht eine Verbindung, die Datenmengen von 100 Gigabyte pro Sekunde transportieren kann und so hilft, die wachsende Nachfrage Südamerikas nach Internetkapazitäten abzudecken.

Doch es gibt auch Hürden in Brasilien. Der digitale Werbemarkt steht noch ganz am Anfang seiner Entwicklung, und brasilianische Werbende geben nur 10,6 Prozent ihres Budgets für digitale Werbung aus, verglichen mit 19,8 Prozent weltweit, berichtet eMarketer.

Das Wirtschaftswachstum hat sich 2012 auf ein Prozent verlangsamt, nach 2,7 Prozent im Jahr 2011 und 7,5 Prozent 2010. Lohnsteuern sind hoch und die bürokratischen Hürden sind nur schwer zu meistern, was es ausländischen Unternehmen schwer macht, in diesen Markt einzusteigen.

Doch die Konjunktur dürfte sich dieses Jahr wieder aufhellen, und die Verbraucher in Brasilien haben immer öfter Zugang zu Smartphones und Computern. Die Wachstumschancen stehen also gut.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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