• The Wall Street Journal

Warum die Börse Amazon liebt

    Von TIERNAN RAY

Die Kursentwicklung bei Amazon verwirrt viele Beobachter: Wenn der Internethändler Geld verdient, steigt der Aktienkurs. Wenn nicht, steigt er manchmal sogar noch mehr. Dieses Paradox dürfte sich noch eine Weile fortsetzen – und der Kurs weiter steigen.

Reuters

Amazon ist heute vorrangig Onlinehändler. In Zukunft könnte das Geschäftsmodell aber anders aussehen.

In der vergangenen Woche legte Amazon die Ergebnisse für das vierte Quartal vor. Die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn wurden verfehlt. Trotzdem stiegen die Aktien im nachbörslichen Handel um 10 Prozent. Am Folgetag fiel der Anstieg nicht ganz so deutlich aus, im Wochenverlauf lag das Papier sogar im Minus.

Trotzdem sind die Amazon-Aktien in den vergangenen zwölf Monaten um 48 Prozent gestiegen, selbst wenn sich die Zahlen verschlechtert haben. Worüber sich die Leute aufregen, ist, dass der Markt hier offensichtlich mit zweierlei Maß misst, wenn gleichzeitig besser aufgestellte Unternehmen abgewatscht werden.

Apple zum Beispiel präsentierte eine Woche davor deutlich bessere Ergebnisse, verfehlte knapp die Umsatzerwartungen, glänzte aber beim Gewinn. Der Umsatz im Quartal lag bei 55 Milliarden Dollar. Trotzdem stürzte die Aktie am nächsten Tag um 12 Prozent ab.

Seit Jahren kursieren mehrere Theorien, warum Amazon sich über steigende Aktienkurse und enorm hohe Bewertungen freuen darf, auch wenn die Ergebnisse nicht immer glänzen. Am Markt ist Amazon 76 Mal so viel wert wie der für dieses Jahr erwartete bereinigte Gewinn von 3,51 Dollar je Aktie. Rechnet man das Nettobarvermögen von 18,26 Dollar je Aktie heraus, ergibt sich ein nicht ganz so hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 70,4.

Traditionelle Bewertungsmethoden interessieren herzlich wenig

Einige Beobachter glauben, dass der Markt die unstete Gewinnentwicklung von Amazon ignoriert, weil bei einem Onlinehändler nur das Umsatzwachstum zählt. Aber auch diese Logik hielt in der vergangenen Woche nicht: Amazon verkündete, dass der Umsatz im vierten Quartal um 22 Prozent gestiegen war. Bei anderen Unternehmen würde das Freudensprünge auslösen – aber Amazon hatte im Vorjahresquartal noch ein Wachstum von 35 Prozent verzeichnet. Im Gesamtjahr lag das Umsatzwachstum mit 27 Prozent deutlich unter den beiden Vorjahren, als es noch mindestens 40 Prozent waren.

Auch das Argument, dass Amazon auf der Basis des Freien Cashflow oder alternativer Bilanzmethoden (non-GAAP) besser dastehe, trägt nicht weit: Das Unternehmen machte 2012 bereinigt 2 Prozent weniger Gewinn als noch im Vorjahr. Und der Freie Cashflow ging um satte 81 Prozent zurück – vor allem, weil 1,4 Milliarden Dollar für neue Büroflächen in der Heimatstadt Seattle ausgegeben wurden.

Traditionelle Bewertungsmethoden interessieren Amazon-Anleger also herzlich wenig. Das liegt offensichtlich daran, dass sie Amazon wie keinem anderen Unternehmen zutrauen, die Kunden an sich zu binden. Supermarkt-Riese Wal-Mart Stores ist zwar profitabler, ist aber keine solche Verkaufsmaschine.

Amazon wies für das jüngste Quartal eine operative Profitmarge von 1,9 Prozent aus, deutlich über der Konsensschätzung von weniger als 1 Prozent. Den Amazon-Fans ist es dabei egal, dass diese Marge noch vor zwei Jahren bei 4 Prozent lag. Alles gilt als Rechtfertigung dafür, dass Amazon bald die Online-Einkaufswelt beherrschen wird.

Die höhere operative Gewinnmarge rührte vor allem von den Händlern, die ihre Waren über Amazon vertreiben und dem Unternehmen dafür einen Anteil abtreten. Diese Verkäufe Dritter stiegen im vierten Quartal um 43 Prozent – weit über dem gesamten Absatzwachstum von 22 Prozent. Analysten sehen darin ein Zeichen, dass Amazon seine Nase in immer mehr Ecken des Shopping-Universums steckt.

Waren und Dienstleistungen im Wert von 40 Milliarden

Ein Fondsanalyst, der anonym bleiben möchte, weil er für Amazon formell nicht zuständig ist, erklärt, warum so viele Anleger auf Amazon fliegen: Amazon lockt immer mehr Händler an und wird dadurch zu einer Plattform, durch die jede Art von E-Commerce fließen kann. Es sei durchaus vorstellbar, dass Amazon sich irgendwann ganz aus dem Verkauf zurückzieht, und nur noch die Infrastruktur betreibt, die den Handel zwischen Käufern und Verkäufern ermöglicht – und dabei seinen Anteil kassiert.

„Die Meisten, die die Aktie halten, denken nicht an die kurzfristige Bewertung", sagt der Analyst. „Sie glauben, dass Amazon seinen Anteil am weltweiten Internethandel deutlich ausweiten kann, wenn immer mehr Verkäufe im Internet getätigt werden."

Analyst Jordan Rohan von Stifel Nicolaus schätzt, dass der gesamte Wert der Waren und Dienstleistungen, die im jüngsten Quartal über Amazon verkauft wurden, bei „fast 40 Milliarden Dollar" lag. Das sei deutlich höher als der ausgewiesene Nettoumsatz von 21,3 Milliarden. Zudem sei die Gesamtzahl um „beeindruckende 30 Prozent" gestiegen. Er bewertet die Aktie mit „Kaufen" und hat ein Kursziel von 335 Dollar ausgegeben.

Selbst wenn die Bilanz enttäuscht, staunt man an der Wall Street darüber, wie viele Waren das Unternehmen von Verkäufer zu Käufer bringt. Das bleibt konventionellen Anlegern bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp über 70 unverständlich. Aber das ist dem Rest der Investoren egal. Solange Amazon die Zahl der Waren erhöht, die über seine Plattform gehandelt werden, dürfte auch der Aktienkurs zulegen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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