• The Wall Street Journal

Schavan verliert ihren Doktortitel

    Von dapd

Annette Schavan hat gekämpft und vorerst verloren: Die Universität Düsseldorf entzog der Bundesbildungsministerin am Dienstag den Doktortitel. In ihrer Dissertation aus dem Jahr 1980 habe die CDU-Politikerin vorsätzlich plagiiert, urteilte die Hochschule. Die Opposition forderte Schavan umgehend zum Rücktritt auf. Union und FDP stellten sich derweil hinter die Ministerin, die gegen die Entscheidung der Hochschule nun klagen will.

Fast sechs Stunden hatte der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf am Dienstagabend getagt. Mit zwölf Ja-Stimmen, zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung sah er es schließlich als erwiesen an, dass Schavan "systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt" gedankliche Leistungen vorgegeben habe, die sie in Wirklichkeit nicht erbracht hätte.

Michael Gottschalk/dapd

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ist ihr Doktortitel entzogen worden. Das hat der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf entschieden.

Dekan Bruno Bleckmann verkündete nach der Sitzung des Fakultätsrats das folgenschwere Ergebnis: "Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat heute die Entscheidung getroffen, die schriftliche Promotionsleistung von Frau Schavan für ungültig zu erklären und ihr den Doktorgrad zu entziehen."

In seiner Begründung fand der Professor deutliche Worte. In der 350 Seiten langen Doktorarbeit "Person und Gewissen" fänden sich in "bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte", die in den Fußnoten und sogar im Literaturverzeichnis nicht erwähnt würden. Qualität und Umfang der Plagiatsstellen sowie das "öffentliche Interesse am Schutz der Redlichkeit wissenschaftlichen Qualifikationserwerbes" habe die Entscheidung herbeigeführt, sagte Bleckmann.

Schavans Anwälte kündigen Klage an

Nur wenige Minuten nach der Entscheidung reagierten Schavans Anwälte. Sie kündigten noch am Abend eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf an. Die Entscheidung sei in einem "fehlerhaften Verfahren zustande gekommen" und "materiell rechtswidrig", teilte die Bonner Rechtsanwaltskanzlei Redeker, Sellner, Dahs mit. Schavan selbst hatte immer wieder beteuert, nicht plagiiert oder bewusst getäuscht zu haben. Vergangene Woche räumte sie allerdings Flüchtigkeitsfehler ein.

Aus den eigenen Reihen erhielt die 57-Jährige volle Rückendeckung. So bezeichnete der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Michael Kretschmer (CDU) das Vorgehen der Hochschule als "Farce" und vermutete eine "politisch motivierte Kampagne" gegen die Ministerin. Der FDP-Bildungsexperte Patrick Meinhardt nannte einen Rücktritt "das falsche politische Zeichen".

Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper (FDP), äußerte in der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung" (Mittwochausgabe) Verständnis dafür, wenn sich Schavan nun juristisch wehre. Kommt es tatsächlich zu einem Prozess vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht, wird die Plagiatsaffäre noch monatelang weiter schwelen.

Opposition will Schavans Rücktritt

Die Opposition forderte derweil Schavan auf, solche Winkelzüge zu unterlassen und einfach ihr Ministeramt niederzulegen. Sowohl SPD, Linke und Grüne als auch Piratenpartei bezeichneten die CDU-Politikerin als nicht länger im Amte tragbar. Auch der studentische Dachverband forderte Schavan zum Rücktritt auf. Selbst aus den Reihen der Jungen Union Bayern kamen solche Forderungen.

Nach der Entscheidung der Universität Düsseldorf kommt für SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nur ein Rücktritt infrage. Der Tageszeitung "Die Welt" (Mittwochausgabe) sagte sie: "Frau Schavan ist als Wissenschaftsministerin nicht mehr glaubwürdig. Sie muss daraus ihre Konsequenzen ziehen. Die Maßstäbe müssen für alle gelten - ohne Ansehen der Person."

Ähnlich sehen es die Grünen. "Eine Wissenschaftsministerin, der eine grobe Missachtung wissenschaftlicher Regeln nachgewiesen wurde, ist nicht länger tragbar", sagte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast dem Berliner "Tagesspiegel" (Mittwochausgabe). Sie gehe davon aus, dass Schavan sich und der Wissenschaft die Verlängerung dieser Affäre erspare "und ihren Rücktritt erklärt".

Selbst aus den eigenen Reihen sieht sich Schavan mit einer Rücktrittsforderung konfrontiert. Der bildungspolitischer Sprecher der Jungen Union Bayerns, Paul Linsmaier, sagte er Nachrichtenagentur dapd, die Ministerin sei nach der Aberkennung ihres Doktortitels nicht mehr "tragbar". Er fügte hinzu: "Es ist Zeit für Schavan, ihre Kisten zu packen." Denn eine Universität entscheide nicht leichtfertig über die Aberkennung des Doktortitels einer Bundesbildungsministerin.

Ins Rollen gebracht hatte die Affäre die anonyme Internetseite "schavanplag". Auf ihr wurden Ende April vergangenen Jahres erstmals Plagiatsvorwürfe laut.

Schavan nun ohne Hochschulabschluss

Schavan würde im Fall der Entziehung ihres Doktortitels gänzlich ohne Hochschulabschluss dastehen, da sie die damalige Möglichkeit einer Direktpromotion nutzte. Für die Universität war das kein Argument für Nachsicht. "Der Fakultätsrat lehnt es ab, für diese spezielle Dissertation ein Plagiatsverständnis anzuwenden, das von der allgemeinen, auch Anfang der 1980er Jahre gültigen Meinung abweicht", sagte Bleckmann.

Ein Bericht des Promotionsausschusses hatte Schavan bereits im Herbst eine vergangenen Jahres "leitende Täuschungsabsicht" vorgeworfen. Die Ministerin reichte daraufhin eine umfangreiche Stellungnahme ein. Dieses Material sei ausreichend gewesen, um eine Entscheidung zu fällen, sagte der Dekan. Ein weiteres Gutachten, wie es Schavan gefordert hatte, sei nicht notwendig gewesen.

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