• The Wall Street Journal

Fensterputzende Roboter lassen Arbeiter um Jobs bangen

    Von JACKIE BISCHOF

Die Fensterputzer, die die Wolkenkratzer von New York von außen glänzen lassen, werden oft für ihre Furchtlosigkeit bewundert. Doch noch weniger Angst vor den schwindelnden Höhen haben die Roboter, die diese Arbeit womöglich bald übernehmen könnten.

Der Winbot 7 steht kurz vor der Markteinführung - eine kleine Maschine, die laut dem Hersteller Ecovacs Robotics der erste voll funktionsfähige fensterputzende Roboter der Welt ist. Der Roboter saugt sich an einer Glasscheibe fest, reinigt sie und spielt eine blecherne Melodie, wenn er fertig ist.

Laut Nick Savadian, Executive General Manager der US-Sparte des Unternehmens, soll der Roboter Menschen unterstützen, die Zeit sparen und die langweilige Arbeit nicht selbst erledigen wollen. „Wenn uns eines fehlt im Leben, dann ist es Zeit", sagt er. Eines Tages könnte der Winbot auch die Fassaden von Wolkenkratzern putzen, sagt Savadian.

Ross Mantle

Fensterputzer Svyatoslav Hubin, links, und Andriy Mykyta arbeiten an der Glasfassade des Rose Center for Earth and Space in Manhattan.

Doch nicht alle sind begeistert von der Idee, dass Roboter bald die mutigen Fensterputzer ersetzen könnten. „Technologie ist ja schön und gut, aber zum Fensterputzen kann ich mir das nicht vorstellen", sagt William Coffey, der für die Manhattaner Firma Skyway Window Cleaning arbeitet und schon seit drei Jahrzehnten im Geschäft ist.

In der Vergangenheit hat er schon Reinigungsmaschinen erlebt, doch die wichtigsten Projekte, wie die Reinigung der Aussichtsplattform der Twin Towers, wurden immer von Hand erledigt. „Wir klettern und springen über ein Gerüst, wir werden vom Wind weggedrückt", sagt er. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Roboter an alles denkt, was erledigt werden muss."

Als Fensterputzer arbeiten in New York City mindestens 800 Menschen – so viele sind bei der örtlichen Dienstleistungsgewerkschaft gemeldet.

Laut Andrew Horton, der das Sicherheitstraining für die auszubildenden Fensterputzer koordiniert, können Absolventen des fast zwei Jahre langen Lehrgangs ein Gehalt von etwa 27 Dollar pro Stunde erwarten, plus 18 Dollar pro Tag dafür, dass sie auf einem Gerüst arbeiten. Erfahrene Fensterputzer können jährlich bis zu 60.000 Dollar verdienen.

Roboter auch für Wolkenkratzer

Während der Winbot 7 vor allem in Wohnhäusern Anwendung finden will, zielen andere Roboterhersteller schon jetzt auf die Reinigung von Wolkenkratzern ab. So arbeitet der Schweizer Hersteller Serbot derzeit an dem Roboter „Gecko". Es hätten sich schon Interessenten aus Russland, Nahost und Asien gemeldet, sagt Vertriebsarbeiter Hansjörg Schindler.

Daniella Zalcman

Der Winbot 7 von Ecovacs Robotics ist vor allem für den Hausgebrauch gedacht.

In Dubai zum Beispiel wurde der 160 Stockwerke hohe Wolkenkratzer Burj Khalifa mit 18 Reinigungsmaschinen ausgestattet, die sich auf horizontalen Schienen bewegen und den menschlichen Fensterputzern helfen sollen.

Selbst mit den Innovationen in der Robotik glaubt Cameron Riddell, Vorsitzender der Firma J. Racenstein, die seit 1909 Fensterreinigungsprodukte verkauft, dass auch in Zukunft Menschen für diese Arbeit gebraucht werden. Die verspielten Säulen, Ecken und Nischen an den Fassaden vieler New Yorker Gebäude würden Robotern wahrscheinlich Probleme bereiten. „In einigen Fällen könnte eine Maschine wahrscheinlich hilfreich sein", sagt Riddell, „aber oft werden auch Muskelarbeit und Einfallsreichtum noch benötigt."

Die modernste Ausrüstung für Fensterreinigung, die J. Racenstein derzeit anbietet, ist das HighRise Window Cleaning System, das bis zu 50.000 Dollar kostet. Dafür sollen die Arbeitskosten um die Hälfte reduziert werden. Ein Techniker bedient die Maschinen, die mit den existierenden Gerüsten auskommen, die auch menschliche Fensterputzer nutzen.

"Fensterputzer werden nicht ihren Job verlieren"

Steve Sullivan, Vorsitzender der Reinigungsfirma American National Skyline in Indianapolis, hat zwei der Maschinen gekauft, um seine Kunden zu beeindrucken und Kosten zu sparen. Kunden seien auch froh, wenn sie sich nicht um die Haftung sorgen müssten, wenn einer der Fensterputzer abstürzt.

Sullivan sagt, der HighRise-Roboter könne in 20 Minuten ein 15-stöckiges Gebäude hoch- und wieder herunterklettern. Ein Mensch bräuchte dazu deutlich länger, sagt er. Doch er gibt auch zu, dass die Roboter zum Beispiel in Manhattan nicht eingesetzt werden könnten, wo die Hochhäuser eng beieinander stehen und Wasser, das die Maschinen verschütten, ein Problem für die Fußgänger wäre.

J. Racenstein-Chef Riddell rechnet nicht damit, dass Roboter in naher Zukunft den Fensterputzern ihre Arbeit wegnehmen. „Mit der Zeit wird es Innovationen geben, durch die an bestimmten Gebäuden keine menschlichen Fensterputzer mehr gebraucht werden", sagt er. „Aber nie werden Menschen dadurch ihren Job verlieren."

Gewerkschaftsvertreter Horton stimmt dem zu: „Ich bin für Veränderungen, aber ich glaube nicht, dass die Automatisierung die Branche revolutioniert."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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