• The Wall Street Journal

China und Japan an der Schwelle zum Krieg

    Von YUKA HAYASHI, JEREMY PAGE und JULIAN E. BARNES
Associated Press

Das Misstrauen zwischen Japan und China ist groß. Entsprechend patroulliert die japanische Küstenwache chinesische Fischerboote im ostchinesischen Meer - wie hier Anfang Februar - besonders strikt. Der Streit um eine dort liegende Inselgruppe eskaliert zusehends.

Der seit Monaten schwelende Inselstreit zwischen China und Japan steht an der Kippe zum Krieg, nachdem China offenbar mit radargesteuerten Waffen auf das japanische Militär gezielt hat. Wie der japanische Verteidigungsminister Itsunori Onodera am Dienstag mitteilte, nahmen chinesische Fregatten im Januar einen Marinehubschrauber und ein Kriegsschiff ins Visier – feuerten aber letztlich keine Schüsse ab. In der Regel gehen solche Radarübungen einem Angriff voraus.

Die Vorfälle „hätten mit nur einer falschen Bewegung zu einer extrem gefährlichen Situation führen können", sagte Minister Onodera auf einer Pressekonferenz. Das Verhalten Chinas sei „höchst ungewöhnlich"; normalerweise würden solche Radargeräte „nur in extremen Situationen" eingesetzt, sagte Onodera. Er warnte, sein Land werde nun starken Druck auf China ausüben, derartige Aktivitäten künftig zu unterlassen.

Diplomaten und Analysten sagen, dass die Regierungen in China und Japan eine militärische Konfrontation – selbst eine begrenzte – vermeiden wollten. Die beiden Länder stellten die beiden größten Volkswirtschaften Asiens dar und hätten kein Interesse daran, dass ein Krieg ihre engen Handels- und Investitionsströme gefährde, sagen die Experten.

USA müssten im Falle eines Angriffs einspringen

Vor allem aber die USA fürchten, in einen bewaffneten Konflikt verwickelt zu werden. Sie sind Japans wichtigster militärischer Bündnispartner und haben sich einst vertraglich dazu verpflichtet, Japan im Fall eines Angriffs beizustehen. Eine Sprecherin des amerikanischen Verteidigungsministeriums erklärte am Dienstag, die Verantwortlichen seien „besorgt über die Berichte". Die USA würden alle Beteiligten dazu aufrufen, jegliche Schritte zu vermeiden, die das Risiko einer Eskalation erhöhen könnten.

Die US-Regierung sitzt in der Zwickmühle. Sie will einerseits keinen Krieg in Asien. Andererseits sieht es ihre eigene außenpolitische Asien-Strategie vor, die Verteidigungsbeziehungen zu Japan zu stärken. Peking wiederum hält das für einen leicht durchschaubaren Angriff auf Chinas wachsende wirtschaftliche und militärische Macht. Die USA können es jetzt nicht riskieren, Japan zu schwächen und China den Rücken zu stärken, ohne ihre gesamte Strategie im Pazifik zu unterwandern. Deshalb blieb der Regierung in Washington bisher kaum etwas anderes übrig, als immer wieder auf Gespräche zwischen China und Japan zu dringen – mit dem subtilen Verweis an Peking, dass sie sich zwar in Gebietsstreitigkeiten nicht auf eine Seite schlägt, aber Tokios administrative Kontrolle doch anerkennt.

Weder Chinas Außen-, noch das Verteidigungsministerium meldeten sich am Dienstagabend auf die Bitte nach einer Stellungnahme zurück. Nach Auskunft des japanischen Außenministers habe die chinesische Regierung auf die Proteste aus Tokio reagiert und erklärt, sie wolle „erst die Fakten überprüfen".

Agence France-Presse/Getty Images

Der japanische Verteidigungsminister Itsunori Onodera äußert sich zu den Radar-Vorfällen im ostchinesischen Meer.

Die Lage ist angespannt wie nie. Die Region wirke zunehmend wie eine maritime Abwandlung des Balkans vor hundert Jahren – „ein Pulverfass im Wasser", schrieb der ehemalige australische Ministerpräsident Kevin Rudd jüngst im politischen Fachmagazin Foreign Policy mit einem Verweis auf die Gemengelage, die zum Ersten Weltkrieg geführt hatte.

Das militärische Schattenboxen der beiden Großmächte im ostchinesischen Meer eskaliert auch, weil in beiden Ländern neue Regierungschefs an der Macht sind, die sich beim Volk noch mit ihrer Sicherheitspolitik profilieren wollen. Zudem verschiebt sich mit Chinas wachsender Wirtschaftskraft und militärischer Stärke das geopolitische Gleichgewicht in der Region, was auch andere Länder beunruhigt.

Noch Ende vergangenen Monats hatte es so ausgesehen, als würde sich die Lage entspannen. Damals hatte ein hochrangiges japanisches Regierungsmitglied bei einem Pekingbesuch persönlich einen Brief von Ministerpräsident Shinzo Abe an Chinas neuen Staatsführer Xi Jinping übergeben. Das schürte die Hoffnung, dass die beiden Staatsspitzen die Sache auf einem Gipfeltreffen beilegen könnten.

Aber die jüngsten Vorwürfe aus Japan zeigen, dass sich der Streit über eine kleine Ansammlung unbewohnter Felsen im ostchinesischen Meer – Inseln, die in Japan als Senkaku und in China als Diaoyu bekannt sind – nicht so einfach beilegen lässt. Beide Seiten tun sich offensichtlich schwer damit, nachzugeben oder den anderen ohne Gesichtsverlust aus dem Konflikt davonkommen zu lassen.

Viele Japaner lehnen China ab und lieben Abe

Japans Ministerpräsident Abe ist seit langem ein prominenter Verfechter einer härteren Gangart gegenüber China. Nach seinem Erdrutschsieg bei den Wahlen im Dezember versprach er, Japans Militär aufzurüsten – speziell im ostchinesischen Meer. Umfragen belegen, dass das japanische Volk China zunehmend ablehnt und den neuen Regierungschef Abe dagegen zunehmend befürwortet. Viele Japaner müssen seit zwei Jahrzehnten zusehen, wie sich die Wirtschaft ihres Landes verschlechtert. Sie fühlen den Konkurrenzdruck aus China und Korea, sehnen sich nach ihrer eigenen starken Nation zurück und sind wütend über Chinas resolutes Auftreten im Inselstreit.

In China wiederum steht der neue Staatsführer Xi unter dem Druck einer heftig nationalistischen Öffentlichkeit, die trotz wachsender Kritik an Korruption und Machtmissbrauch darauf besteht, dass die Partei Chinas territoriale Interessen schützt. Peking macht Tokio für die jüngsten Spannungen verantwortlich, die sich entzündeten, als die japanische Regierung im September einige der umstrittenen Inseln von einem Privatmann kaufte. China will, dass Japan endlich zugibt, dass die Besitzansprüche zwischen den Staaten nicht geklärt seien.

Zum offenen Bruch kam es japanischen Angaben zufolge, als am 13. Dezember – dem Jahrestag eines Massakers der Japaner in China während des Zweiten Weltkriegs – ein kleines chinesisches Propellerflugzeug den Luftraum über der Inselgruppe verletzte. Das Überwachungsflugzeug, das zur chinesischen Küstenwache gehörte, sei so niedrig geflogen, dass es vom japanischen Radar habe geortet werden können. Es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass China den japanischen Luftraum verletzte.

Binnen Wochen verkündete Japans Ministerpräsident Abe daraufhin zum ersten Mal seit elf Jahren eine Aufstockung des Militäretats. Auf der Liste der geplanten Ausgaben stand unter anderem ein neuer Radar. Der soll die veralteten Geräte ersetzen, denen das chinesische Propellerflugzeug entgangen war.

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