• The Wall Street Journal

Das verlockende Geschäft mit Fitness und Wohlbefinden

    Von VON HEIDE OBERHAUSER-ASLAN

Gesund, fit und schön zu sein steht hoch im Kurs. Da zudem die Weltbevölkerung wächst und dabei immer älter wird, boomt das Geschäft mit Faltencremes, Vitaminprodukten, Nahrungsmittelzusatzstoffen und Schlankheitsmitteln.

Das lockt neue Anbieter an. Längst sind nicht nur die Pharma- und Chemiekonzerne im Markt aktiv: Auch die Konsumgüterbranche hat rezeptfreie Medikamente und Nahrungsergänzungsstoffe für sich entdeckt. Wo sich viele tummeln, kommt es jedoch zum Gedrängel. Experten rechnen auf dem Markt für Gesundheitsprodukte auf mittlere Sicht mit weiteren Übernahmen. Und die werden zunehmend teuer.

AFP

Das Geschäft mit Vitaminpillen und Nahrungsergänzungsmitteln boomt. Nicht nur Pharmakonzerne wollen mitverdienen.

„Der Consumer-Healthcare-Markt ist ein Markt der Zukunft" sagt Oliver Scheel, Partner und Leiter des Pharmateams bei der Unternehmensberatung A. T. Kearney. „Die Firmen bringen sich jetzt strategisch in Stellung und kaufen alles, was man braucht, um in diesem Markt in der Pole Position zu sein." Doch gerade bei den lukrativen Objekten sind in der Regel mehrere Interessenten im Rennen.

Wie lukrativ der Markt ist, zeigen die Bietergefechte der jüngsten Vergangenheit. Prominentestes Beispiel war der missglückte Versuch von Bayer, den US-Vitaminhersteller Schiff Nutrition zu übernehmen. Trotz eines üppigen Angebots von 1,2 Milliarden Dollar waren die Leverkusener Ende vergangenen Jahres leer ausgegangen, weil der britische Konsumgüterhersteller Reckitt Benckiser sie mit einer höheren Offerte übertrumpfte. Rund 1,3 Milliarden Dollar ließ sich der Produzent von bekannten Marken wie Calgon oder Kukident-Zahnprothesenreiniger den Zukauf am Ende kosten.

Auch Merz zog bei Übernahme den Kürzeren

Auch die Frankfurter Pharmafirma Merz zog im April bei ihrem Versuch, den US-Hautpflegespezialisten Obagi zu übernehmen, den Kürzeren. Der kanadische Konkurrent Valeant Pharmaceuticals schlug die Offerte der Deutschen mit seinem Angebot von 418 Millionen Dollar aus dem Feld. Das Familienunternehmen, bekannt in Deutschland für Produkte wie „Merz Spezial Dragees" oder „Tetesept", wollte sein Schönheits- und Hautpflegegeschäft auf dem lukrativen US-Markt verstärken. In den USA ist Merz bereits mit Botox-Produkten und anderen Antifaltenmitteln vertreten. Obagi hätte das Sortiment um verschreibungspflichtige und frei verkäufliche Mittel gegen Akne, Sonnenbrand und andere Hautprobleme erweitert.

Das Beispiel zeigt: Es müssen nicht immer die großen Deals sein, die die Machtverhältnisse im Sektor durcheinanderbringen. Aber Bewegung dürfte es weiter reichlich geben: „Wir rechnen auch weiterhin mit gezielten Übernahmen auf diesem Feld", sagt A.T.-Kearney-Experte Scheel.

Den weltweiten Markt für rezeptfreie Gesundheitsprodukte (Consumer Health-Care-Produkte) schätzt die Beratung weltweit auf etwa 199 Milliarden US-Dollar. Es ist ein buntes Produktgemisch, zu dem verschreibungsfreie Medikamente, Vitamine, Nahrungsergänzungsprodukte, Schlankheitsmittel und Sporternährung gehören.

Große Fische tummeln sich in diesem Teich: Der US-Pharmazie- und Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson gehört ebenso dazu wie Bayer, GSK, Novartis, Pfizer oder Sanofi .

In der Oberliga mischen mittlerweile aber auch Unternehmen wie die US-Firma Herbalife mit, die Diätprodukte, Kosmetika und Informationsmaterialen mittels Direktvertrieb an den Konsumenten bringt. Oder Amway, eine weitere amerikanische Direktvertriebsfirma, die Vitamine und Mineralien, Powerdrinks, isotonische Getränkepulver und Mittel zur Gewichtsreduktion im Portfolio hat.

Amway wächst so stark, dass Branchenexperten damit rechnen, dass das Unternehmen bald zu einem Übernahmeziel werden könnte. Amways Nutrilife ist heute die weltweit meistverkaufte Vitamin- und Nahrungsergänzungsmittelmarke.

Gemeinsam ist fast allen Consumer-Health-Care-Produkten, dass sie hohe Margen abwerfen. Das weckt Begehrlichkeiten auch in anderen Sektoren: Pharmafirmen haben das Geschäft ebenso ins Visier genommen wie Konsumgüterhersteller. Die Pharmafirmen suchen nach Möglichkeiten, sich unabhängiger vom stark regulierten Geschäft mit verordneten Arzneimitteln zu machen. Der selbst zahlende Konsument soll ihnen dabei helfen.

Konsumgüterhersteller wiederum stehen unter großem Druck, weil ihre Markenprodukte einer scharfen Konkurrenz durch die sogenannten No-Name-Produkte ausgesetzt sind. Das belastet die Margen. Mit teuren Produkten, die etwa zusätzlich zur Ernährung das Herz stärken, den Alterungsprozess verlangsamen oder die körperliche Fitness unterstützen, wollen die Konzerne hier gegensteuern.

Auch Chemieunternehmen haben Interesse

Interessant ist das Thema Ernährung und Gesundheit aber auch für Chemieunternehmen, die Roh- und Wirkstoffe für die Produkte beisteuern. BASF etwa war der Kauf des norwegischen Unternehmens Pronova in diesem Jahr rund 680 Millionen Euro wert. Pronova stellt Omega-3-Fettsäuren her, denen Herz-Kreislauf-stärkende Eigenschaften nachgesagt werden.

Experten wie Scheel sehen vor allem bei Vitaminen und Nahrungsergänzungsstoffen, mit denen derzeit weltweit etwa 84 Milliarden Dollar umgesetzt werden, großes Potenzial. Für die kommenden Jahre sagen Experten hier ein profitables Wachstum von weltweit mindestens 4 bis 5 Prozent voraus. Ausbaufähig ist dieses Geschäft sowohl in reifen Märkten wie Westeuropa als auch in Schwellenländern.

In die Hände spielt den Unternehmen dabei die steigende Zahl chronisch kranker Menschen und das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung. Experten gehen davon aus, dass die Konsumenten künftig bereit sein werden, mehr als bisher für Gesundheitsprodukte und -Dienstleistungen zu zahlen.

Wer in Zukunft am Trend teilhaben will, muss jetzt aktiv werden und sich mit Zukäufen von interessanten Produkten, Technologien und Dienstleistungen strategisch in Stellung bringen, glaubt Scheel.

Beispiele dafür gibt es schon. Der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé hat einen Geschäftsbereich an der Schwelle zwischen Ernährungs- und Pharmabranche aufgebaut und investiert dort kräftig. Das Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt hier medizinische Nahrungsmittel und Medizinprodukte.

Nestlé will auch sogenannte Pharma-Lebensmittel entwickeln, die chronische Krankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit oder Alzheimer verhindern sollen. Diese Produkte in der Grauzone zwischen Lebensmitteln und Pharmazeutika versprechen deutlich höhere Margen als herkömmliche Nahrungsmittel.

Auch regional bringen sich die Schweizer dort in Stellung, wo Experten großes Potenzial vermuten: Ende vergangenen Jahres hat Nestlé bekanntgegeben, dass seine Gesundheitssparte mit dem Pharmakonzern Hutchison China Meditech ein Gemeinschaftsunternehmen gründen wird. Die Firma soll Medikamente auf Basis der traditionellen chinesischen Medizin herstellen.

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