• The Wall Street Journal

Die ganz alltägliche Streikhölle in Griechenland

    Von PHILIP PANGALOS und ALKMAN GRANITSAS
Agence France-Presse/Getty Images

Ein alltägliches Bild in den Straßen von Athen: Öffentliche Angestellte demonstrierten am Mittwoch gegen die Politik der Regierung.

ATHEN – Es ist Montag in Athen. Also streiken die Radiotechniker und die Angestellten beim staatlichen Pensionsfonds. Dienstags sind Anwälte und Apotheker dran. Streiks, Arbeitsniederlegungen und Protestmärsche sind im krisengeschüttelten Athen dermaßen alltäglich geworden, dass kaum jemand noch den Überblick behält, wer gerade wo gegen was demonstriert.

Allein im November kam es unter anderem bei Taxi- und Busfahrern, bei Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und Energieversorgern, bei Bankangestellten, Lehrern, Journalisten, Ärzten, Krankenschwestern, Richtern, Staatsanwälten, Ingenieuren und Müllmännern zu Arbeitskämpfen. „Jeden Morgen schaut man beim Aufstehen nach dem Wetter, schaltet die Nachrichten ein und hört, welche Streiks heute anberaumt sind", sagt Yannis Ifantis. Der 42-Jährige arbeitet in einem Athener Reisebüro. „Das ist eine der Absurditäten des Lebens in Griechenland."

Sich durch das alltägliche Chaos zu navigieren ist eine der wichtigsten Überlebenstechniken des modernen Atheners, der längere Fahrzeiten zu Arbeit und hunderte anderer kleiner Störungen hinnehmen muss. Jeden Tag muss er in Erfahrung bringen, welcher Supermarkt geöffnet hat oder welche Fluggesellschaft gerade fliegt.

Wer streikt denn heute in Griechenland?

AFP/Getty Images

Der Syntagma-Platz in der Innenstadt, an dem auch das Parlament liegt, ist zum wichtigsten Ort für Demonstrationen geworden. Hotels, Kaufhäuser, Restaurants und Läden haben sich daran gewöhnt, mitten am Tag schließen zu müssen und ihre Türen und Fenster zu verrammeln, bis die wütende Menge weitergezogen ist. Am Mittwoch blockierten hunderte Streikende den Verkehr auf dem Platz. Auf einer langen Leine hatten sie Unterwäsche aufgehängt, dazu die Aufforderung „Nehmt die doch auch noch". Die Sparmaßnahmen der Regierung hätten ihnen schon alles andere genommen.

Aus Frust über den ständigen Stillstand hat der 32-jährige Programmierer Antonis Gouzias mit seiner Schwester Athina und ein paar Freunden eine Webseite angelegt, auf der jeden Tag die detaillierten Streikpläne zu sehen sind. „Wir hatten es satt, andere Seiten und Zeitungen zu durchforsten, um herauszufinden, wer streikt und wie wir zur Arbeit kommen können"; sagt Gouzias.

Bizarre Auswüchse

Bis zu 30.000 Klicks am Tag erhält seine Seite apergia.gr, berichtet Gouzias. Apergia bedeutet übersetzt Streik. Der Tagesrekord liege bei 230.000 Klicks. In drei Monaten kamen insgesamt drei Millionen Besucher – und das in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern.

Yannis Ifantis aus dem Reisebüro nutzt die Apergia-Seite fast täglich, um seinen Weg aus einem Vorort im Norden von Athen zu seinem Arbeitsplatz im Stadtteil Pangrati zu planen. Normalerweise benötigt er dafür eine Stunde. An Streiktagen dauert es meist doppelt so lang. Eigentlich fährt er mit dem Bus zur Arbeit. Wenn die Busfahrer streiken, nimmt er die U-Bahn und muss noch etwa drei Kilometer zu Fuß gehen. Wenn auch die Bahn nicht fährt, versucht er bei einem Nachbar mitzufahren, der sich mit dem Auto durch die verstopften Straßen quält.

Viele Demonstrationen sind zwar störend, aber eher klein und friedlich. Manchmal wird es aber auch bizarr. Ein Ausstand der Beamten in Thessaloniki hat dazu geführt, dass dem Staat etwa 2 Millionen Euro an Steuereinnahmen verloren gingen, sagt Bürgermeister Yiannis Boutaris. Das Finanzministerium musste in diesem Jahr die Frist zur Abgabe der Steuererklärungen drei Mal verschieben, vor allem wegen Streiks bei den Steuereintreibern. Babynahrung ist kaum erhältlich, wenn die Drogerien streiken – denn nur sie dürfen sie verkaufen.

Oper muss Weihnachtsvorstellungen absagen

Im November legten sogar die Parlamentsdiener die Arbeit nieder, als über neue Sparmaßnahmen abgestimmt werden sollte. Die Abgeordneten gaben ihren Forderungen in weniger als zehn Minuten nach und nahmen einige Staatsangestellte von Einschnitten bei Bezahlung und Pensionen aus.

Wenn Journalisten streiken, bekommen die Fernsehzuschauer vor allem Programm aus der Konserve zu sehen. Ein großer Sender wiederholt einfach alte Nachrichten. „Die ständigen Streiks machen unser Leben zur Hölle", sagt Panagiotis Kostopoulos, ein 38-jähriger Verkäufer. Das Verkehrschaos an Streiktagen sei noch nicht mal das schlimmste, erklärt der Vater von zwei Kindern. „Meine Frau, die auch in der Privatwirtschaft arbeitet, hat in diesem Jahr an neun Tagen kein Gehalt bekommen, weil sie zu Hause bleiben und die Kinder betreuen musste, wenn die Lehrer gestreikt haben."

Auch kurz vor Weihnachten gibt es für die streikgeplagten Griechen kein Pardon. Bauern blockieren seit Mitte des Monats die Autobahnen, weil sie gegen ein neues Steuergesetz protestieren. Und die Staatsoper musste Vorstellungen von „Der Nussknacker" und „Rotkäppchen" streichen, nachdem Techniker und andere Angestellte kurzfristig die Arbeit niedergelegt hatten.

—Mitarbeit: Nektaria Stamouli

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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