• The Wall Street Journal

UBS führte „epische" Libor-Verschwörung an

    Von DAVID ENRICH und JEAN EAGLESHAM

Die versuchten Manipulationen bei weltweit wichtigen Zinssätzen wie dem Libor haben ein weit größeres Ausmaß als bisher angenommen. Ermittler in den USA, Großbritannien und der Schweiz werfen den Beteiligten eine breit angelegte Verschwörung vor. An der Spitze stand dabei mutmaßlich die schweizerische Großbank UBS . Ihre Mitarbeiter waren intensiv daran beteiligt, jene Sätze zu manipulieren, die die Zinsbasis für Kredite und Finanzprodukte mit einem Volumen von Billionen Dollar sind.

Reuters

Gegen die Schweizer Bank UBS wird in mehreren Ländern wegen Zinsmanipulation ermittelt.

Die UBS hat den Rechtsstreit gegen Zahlung von rund 1,4 Milliarden Schweizer Franken (knapp 1,2 Milliarden Euro) beigelegt. Die japanische Tochter, über die ein Großteil der Manipulationen lief, hat sich des Betrugs schuldig erklärt. Die US-Ermittler haben zudem Strafanzeige wegen Verschwörung gegen zwei ehemalige UBS-Händler erstattet, die als Drahtzieher gelten.

Die Ermittler sprachen von einem „epischen Ausmaß" der Manipulationen. Dutzende Händler und Manager eines von der UBS angeführten Verbunds von Banken und Brokern hätten versucht, Zinssätze mit dem Ziel zu verdrehen, für sich Gewinne rauszuschlagen. Diese über sechs Jahre laufenden Manipulationsversuche hätten die Integrität der Finanzmärkte „ernsthaft gefährdet", kritisierte die US-Wertpapieraufsichtsbehörde CFTC.

Die Händler hätten damit geprahlt, die einflussreichen Zinssätze je nach Laune nach oben oder unten zu bewegen. „Denk an mich, wenn Du auf Deiner Yacht in Monaco bist", schrieb ein Broker 2009 in einem Chat mit dem UBS-Händler, der im Mittelpunkt der Ermittlungen steht, so das US-Justizministerium. Der Broker habe dem Händler gratuliert: Er sei „verdammt gut" im Manipulieren von Zinsen geworden.

UBS entgeht Strafverfolgung

Der Kopf der Gruppe, der in den Dokumenten zur Beilegung des Streits namentlich nicht genannt wurde, sei der 33-jährige Thomas Hayes, sagen mit den Untersuchungen vertraute Personen. Hayes wurde zusammen mit einem anderen ehemaligen US-Händler, dem 41-jährigen Schweizer Roger Darin, am Mittwoch von den US-Ermittlern angeklagt. Weder Hayes noch Darin waren zunächst für eine Stellungnahme zu erreichen.

Hayes, ein Star unter den Händlern, der während seiner drei Jahre bei der UBS von 2006 bis 2009 nahezu 260 Millionen US-Dollar für die Bank hereingeholt haben soll, habe offen über die Manipulationen gesprochen, so die Ermittler. Der Libor „ist so hoch, weil ich ihn künstlich hoch gehalten habe", soll er sich in einem Chat 2007 gerühmt haben.

Die UBS selbst kommt um eine strafrechtliche Verfolgung herum. Das US-Justizministerium verzichtet auf diesen Schritt. Er könne die Stabilität der Bank gefährden, hieß es.

Die Schweizer haben die ihr aufgebrummten Strafen akzeptiert. „Wir übernehmen die Verantwortung für das, was passiert ist", sagte UBS-Chef Sergio Ermotti. Alle Mitarbeiter, die in irgendeiner Weise in den Skandal verwickelt gewesen seien, hätten die Bank inzwischen verlassen - davon allein 36 im vergangenen Jahr. Die Strafzahlungen tragen wesentlich dazu bei, dass die UBS für das vierte Quartal einen Verlust von bis zu 2,5 Milliarden Franken ausweisen wird.

Die Einigung ist ein Meilenstein in der ausgedehnten Untersuchung. Sie kam vor vier Jahren ins Rollen, als das Wall Street Journal in einem Artikel die Glaubwürdigkeit des Libor in Frage gestellt hatte.

„Großartiger Artikel im WSJ heute über die Libor-Probleme", schrieb ein UBS-Manager an einen Händler, so die britische Finanzaufsicht. Zwei Stunden später, so die Ermittler, habe der Manager den Händler aufgefordert, das Libor-Angebot der Bank zu erhöhen, um so den Zinssatz zu beeinflussen.

Milliarden-Vergleich zeichnet düsteres Bild

Eine Gruppe von Banken meldet jeden Tag den Satz, den sie für Leihgeschäfte zahlt, an die British Bankers' Association. Diese ermittelt aus den Daten einen Durchschnittswert. Gerade in der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 bestand für die Banken ein Anreiz, den Satz niedrig zu halten. Damit sollte der Eindruck vermieden werden, sie stünden mit dem Rücken zur Wand und kämen nur noch schwer an frisches Geld. Die Manipulationen des Libor sollen aber bereits in den Jahren vor der Finanzkrise begonnen haben.

Vorreiter bei der Einigung mit den Ermittlern war Barclays . Die britische Bank hatte den Libor-Streit im Juni gegen Zahlung von rund 450 Millionen Dollar beigelegt. Ihr Chef Bob Diamond musste daraufhin seinen Hut nehmen.

Der am Mittwoch mit der UBS erzielte Milliarden-Vergleich zeichnet ein düsteres Bild, weil das Fehlverhalten weitreichender war als bisher angenommen. Daher ist auch die Buße für die Schweizer mehr als dreimal höher ausgefallen als für den britischen Konkurrenten.

Auch den anderen noch im Fokus der Ermittlungen stehenden Banken könnten hohe Bußen drohen. Der Deal ist zudem wertvolle Munition für Dutzende von Klagen, die in den USA gegen die Banken anhängig sind. Dort verlangen geschädigte Kunden, Investoren und andere Betroffene Milliarden Dollar Schadensersatz.

Fannie Mae und Freddie Mac, die beiden US-Hypothekengiganten, könnten wegen der Libor-Manipulationen mehr als 3 Milliarden Dollar verloren haben, geht aus einem internen Bericht hervor, in den das Wall Street Journal Einblick hatte. Der noch nicht veröffentlichte Report stammt vom Generalinspektor der Federal Housing Finance Agency. Er drängt Fannie and Freddie zu prüfen, ob sie die in den Libor-Skandal verwickelten Banken verklagen.

Ermittler sehen klare Belege für geheime Absprachen

Zinssätze, die von Januar 2005 bis 2010 festgelegt wurden, könnten durchweg unzulässig beeinflusst gewesen sein, stellte die britische Aufsichtsbehörde FSA fest. Dies betreffe jede Version des Libors und andere wichtige Zinssätze, an deren Zustandekommen die UBS beteiligt gewesen sei.

Dutzende von UBS-Mitarbeitern hätten mindestens 2.000 Mal versucht, eine Vielzahl von wichtigen Zinssätzen zu manipulieren, oft mit Wissen oder sogar Ermutigung durch hochrangige Manager der Bank. Die FSA sprach in diesem Zusammenhang von „Routine" und weit verbreitetem Verhalten.

Händler hätten Mitarbeiter von anderen Banken mit Belohnungen wie Bargeld oder günstigen Handelsbedingungen gelockt, bei den Manipulationen mitzumischen.

Über einen Zeitraum von 18 Monaten habe die UBS einer Brokerfirma alle drei Monate 15.000 britische Pfund gezahlt, damit sie die Bank bei der Zusammenarbeit mit Wettbewerbern unterstütze. Für die US- und die britischen Ermittler ist dies ein klarer Beleg für Geheimabsprachen.

Klagen drohen nun noch weiteren Bankern. In der vergangenen Woche wurden in Großbritannien bereits drei Personen verhaftet, darunter Hayes. Die Behörden arbeiteten schon an Klagen gegen weitere involvierte Personen, hieß es aus informierten Kreisen.

Auch Euribor im Visier

Ermittelt wird unterdessen noch bei rund einem Dutzend Banken, darunter auch der Deutschen Bank . In den kommenden Monaten und Jahren dürfte es weitere Vergleiche geben und weitere Verhaftungen, sagten die mit den weltweiten Untersuchungen vertrauten Personen.

Dabei steht außer dem Libor auch der Euribor im Zentrum der Untersuchungen. Er ist der kleinere, weniger bekannte Bruder des Libor. Die Abkürzung steht für Euro Interbank Offered Rate. Dieser Zins, zu dem ausgewählte Institute einander kurzfristige Kredite in Euro gewähren, kam zuletzt auch immer stärker unter Beschuss. Auch er dient als Basis für Zinsen auf Finanzprodukte über Billionen von Euro, die von Hypothekendarlehen über Unternehmenskredite bis hin zu Derivaten reichen. Zudem schauen auch die Zentralbanken bei ihrer Geldpolitik auf diese Zinssätze.

Banken haben ein vitales Interesse an einer Beeinflussung der Sätze. Investoren prüfen die Kreditkosten der Institute sehr genau: Steigende Kosten deuten auf klamme Finanzen hin. UBS und Barclays haben denn auch zugegeben, dass sie künstlich niedrige Libor-Angebote abgegeben hätten, um die Sorgen über ihre finanzielle Lage während der Finanzkrise zu dämpfen. Die britischen Aufseher haben inzwischen eine Vielzahl von Schritten zur Überarbeitung der Berechnung des Libor empfohlen.

„Hoffentlich kopieren die Schafe nur"

Anreiz für Händler sind auch Wetten auf die Bewegung der Zinssätze. So können mit einer winzigen Bewegung des Libor Millionen Dollar von Gewinnen verbunden sein.

Die Manipulationsversuche der UBS konzentrierten sich auf die Yen-Version des Libor. Hayes hatte sich dabei eine Dreiwegestrategie zurechtgelegt, so die Behörden. Er habe dem Panel, das den Satz berechnet, falsche Angaben gemacht, mit Händlern bei vier anderen an dem Panel beteiligten Banken konspiriert und Mitarbeiter bei Brokerfirmen bestochen. Die Rolle dieser sogenannten Interdealer-Broker sei entscheidend dafür gewesen, dass eine kleine Gruppe von Händlern die weltweiten Sätze manipulieren konnte.

Ein Broker habe in einer Email geschrieben, wie die ehrlichen Banken des Panels dazu verführt worden sein könnten, eine künstlich hohe Rate zu übermitteln. „Hoffentlich kopieren die Schafe nur", schrieb er.

UBS habe versucht, Mitarbeiter von sechs Brokern als Mittelsmänner zu gewinnen. Dazu zählten ICAP, R.P. Martin Holdings Ltd und Tullett Prebon, sagte eine Person. ICAP und RP Martin wollten sich dazu nicht äußern. Charlotte Kirkham, Sprecherin bei Tullett, sagte, die Firma habe die UBS nicht unterstützt. Keiner der Mitarbeiter sei im Zusammenhang mit Libor diszipliniert worden.

—Evan Perez, Jeannette Neumann Nick Timiraos

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