• The Wall Street Journal

ICE erkennt die Bedeutung der Liffe

    Von THOROLD BAKER

Bereiten Sie sich auf ein neues ICE Age vor.

Nachdem der erste Versuch gescheitert ist, die NYSE Euronext gemeinsam mit Nasdaq OMX zu übernehmen, versucht es die Derivatebörse ICE erneut. Und obwohl der Konzern 3 Milliarden US-Dollar weniger für die Betreiber der Wall Street und der Derivatebörse Liffe in London bietet, dürfte er diesmal erfolgreich sein.

Auf dem Gebiet der Börsen haben zurzeit eher Wettbewerbshüter das letzte Wort und weniger das Geld. Die Verbindung zwischen der NYSE und der Deutschen Börse brachten 2011 die Europäischen Kartellwächter zu Fall. Sie befürchteten ein Monopol im Börsenhandel mit europäischen Finanzderivaten. Im Verlauf des schwierigen Prozesses kam es dann zum Gegengebot von Nasdaq und ICE, dem allerdings die amerikanischen Behörden einen Riegel vorschoben, weil sie ein Monopol im Listing von Aktien fürchteten.

Ein Gebot, das nur von ICE kommt, wird diese Probleme nicht bekommen. Weil sie selbst keinen Aktienhandel unterhält, ändert sich auch am Marktanteil der NYSE in den USA nichts. In Europa will sich die ICE offensichtlich von den Börsen in Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon trennen, die sie mit der Übernahme erbt. Dafür ist die Liffe, an der ICE tatsächlich großes Interesse hat, auf Zinsderivate spezialisiert, während ICE komplementär auf Energietermingeschäfte setzt.

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Wenn man bedenkt, dass es nur wenige Börsenbetreiber gibt, die guten Chancen haben, ein solches Geschäft zu stemmen, dann macht ICE mit rund 33 Dollar je NYSE-Aktie in bar und eigenen Anteilsscheinen ein großzügiges Angebot. Der Aufschlag liegt bei 2,2 Milliarden Dollar oder 38 Prozent.

Das ist erheblich mehr als die Synergien, die sich ICE aus dem Geschäft verspricht. Von den jährlich angepeilten 450 Millionen Dollar geht ein Drittel auf Pläne zurück, die auch die NYSE selbst verfolgte. Ein Großteil der übrigen 300 Millionen sollen von der Ausweitung des Clearing-Geschäfts der ICE auf Kunden der Liffe kommen und aus Kürzungen in der Verwaltung. Kapitalisiert, besteuert und bereinigt um zunächst anfallende Kosten sind die Einsparungen nur 1,5 Milliarden Dollar wert.

Aber es ist gut möglich, dass ICE die NYSE zu einem zyklischen Tiefpunkt erwirbt. Aktienhandel und Aktienlistings sind in jüngster Zeit schwach, statische Zinssätze belasten auch den Future-Handel der Liffe. Beides könnte sich ändern, wenn sich die Wirtschaft belebt und auch die Zinssätze wieder in Bewegung kommen.

Unabhängig davon sollte ICE in strategischer Hinsicht in der Lage sein, mehr aus der starken Marke NYSE herauszuholen. Auch stellt der profitable Handel mit Energie, Agrarrohstoffen und Zinsderivaten eine solide Basis da, um profitabel zu expandieren.

Ein Gegengebot könnte von der CME Group kommen, der weltweiten Nummer eins unter den Terminbörsen. Die CME hätte allerdings mit mehr wettbewerbsrechtlichen Problemen zu kämpfen und müsste einen noch generöseren Preis bieten, damit die Aktionäre der NYSE Euronext ihre Pferde wechseln. Aber selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass die ICE überboten würde, hätte sie einen Vertrag in der Tasche, die Abwicklung des Handels an der Liffe zu organisieren.

Wahrscheinlicher ist es also, dass die ICE mit ihrem Gebot Wettbewerber wie CME, Nasdaq, London Stock Exchange und Deutsche Börse dazu bringt, ihrerseits über Deals nachzudenken. Alle haben bereits Interesse an einer weiteren Konsolidierung gezeigt. ICE wird diesen Wettlauf möglicherweise weiter anfachen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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