• The Wall Street Journal

Wenn Berühmtheiten Zitate in den Mund gelegt werden

    Von CAMERON MCWHIRTER

So mancher Aphorismus gewinnt an Bedeutung, wenn er ursprünglich aus dem Mund einer historischen Berühmtheit stammt. Es reicht sogar schon, wenn das jeder glaubt, ob es nun stimmt oder nicht.

Thomas Jefferson, Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, soll geschrieben haben: „Damit die Tyrannei Fuß fassen kann, reicht es, wenn anständige Menschen schweigen." Das Zitat ist auf T-Shirts und in Büchern über die Demokratie zu lesen.

Doch Anna Berkes, eine 33-jährige Forschungsbibliothekarin in der Jefferson Library in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia, glaubt, dass Jefferson mit dem berühmten Zitat nichts zu tun hatte. Und das sei nicht das einzige Bonmot, das ihm in den Mund gelegt wurde.

CHARLIE RIEDEL/AP/dapd

Zitiert man Persönlichkeiten wie George Washington (links), Thomas Jefferson (Mitte) und Theodore Roosevelt, hat das Bonmot gleich ein stärkeres Gewicht. Egal, ob echt oder nicht.

„Die Leute sehen ein Zitat, das ihrer Meinung entspricht. Und wenn es Jefferson in den Mund gelegt wird, bekommt es noch mehr Gewicht", sagt sie. „Er wird andauernd zitiert, in Diskussionen über Politik und alle möglichen anderen Themen."

Berkes hat auf der Internetseite von Jeffersons Anwesen „Monticello", das heute zum Teil als Museum fungiert und unter dessen Dach auch die Jefferson Library angesiedelt ist, eine Seite mit „zweifelhaften Zitaten" eingerichtet.

Zu den angezweifelten Zitaten gehört auch: „Meine Sicht auf die Geschichte zeigt mir, dass schlechte Regierungen meistens aus einem Übermaß an Regierungsgewalt entstehen." In ihren detaillierten Fußnoten erklärt Berkes, dass es in einem Brief von Jefferson aus dem Jahr 1807 ein ähnliches Zitat gibt: „Die Geschichte zeigt uns meistens nur, was eine schlechte Regierung ausmacht." Doch die berühmtere Version des Zitats kann sie in Jeffersons Schriften nirgends finden.

Sogar Präsidenten zitieren falsch

Falsche Zitate kleben an Jefferson wie Fliegen an einem Fliegenfänger, sagt Ralph Keyes, Autor eines Buchs über Zitate, die fälschlicherweise berühmten Persönlichkeiten zugeschrieben werden. Ähnlich ergeht es auch dem Ex-US-Präsidenten Abraham Lincoln, dem Autor Mark Twain und dem britischen Staatsmann Winston Churchill.

2010 zitierte Präsident Barack Obama seinen Vorgänger Abraham Lincoln in einer Rede an seine demokratischen Parteikollegen („Es ist nicht garantiert, dass ich gewinne, aber es ist garantiert, dass ich ehrlich bin. Es ist nicht garantiert, dass ich Erfolg haben werde, aber es ist garantiert, dass ich mein Bestes gebe.") John Pitney Jr., Professor am Claremont McKenna College, entlarvte das Zitat als das eines anderen. Der Satz sei nirgends in Lincolns Schriften, Reden oder anderen Aussagen zu finden.

Pitney veröffentlichte einen Zeitungsartikel, laut dem schon so mancher Politiker, darunter der Ex-Präsident Ronald Reagan, das Zitat verwendet habe. Pitney sagt, das Weiße Haus habe danach keinen Kontakt zu ihm aufgenommen, doch seitdem habe niemand mehr das Zitat benutzt. Das Weiße Haus wollte sich dazu nicht äußern.

"Im Internet kann jeder alles schreiben"

Auch Winston Churchill wird heute oft falsch zitiert. Richard Langworth, Redakteur der Fachzeitung „Finest Hour", die vom Churchill Centre veröffentlicht wird, sagt, er erhalte ständig Anfragen von Redenschreibern, Studenten und Churchill-Fans über fragwürdige Zitate. Das Churchill Centre ist eine internationale Organisation, die die Forschung über den verstorbenen britischen Premierminister fördert. „Es ist eine hoffnungslose Aufgabe", sagt er über die Zitateforschung. Im Internet könne jeder alles schreiben, sagt Langworth, ob es nun wahr sei oder nicht.

Thomas Jefferson wird gerne falsch zitiert.

Laut Langworth hat sogar Chris Matthews, ein Vorstandsmitglied des Churchill Centre, den Politiker bereits falsch zitiert. Matthews, der auch eine Talk-Show für den Fernsehsender MSNBC moderiert, erzählte im Fernsehen davon, wie Churchill im Zweiten Weltkrieg dazu geraten wurde, die staatlichen Zuschüsse für Kulturprojekte zu kürzen. „Wofür kämpfen wir dann noch?", soll Churchill laut Matthews daraufhin gesagt haben.

Langworth glaubt, dass Churchill das nie gesagt hat. Matthews, der sich selbst als Churchill-Fanatiker bezeichnet, glaubt weiterhin, dass er seinen Helden nicht falsch zitiert hat, doch er fügt hinzu: „Wie soll man jemals beweisen, dass jemand einen Satz nie gesagt hat?"

Vergangenes Jahr stellte eine Gruppe von Atheisten und Agnostikern eine Plakatwand im kalifornischen Costa Mesa auf, auf der ein angebliches Jefferson-Zitat zu lesen war: „Im Christentum sehe ich keine einzige rettende Eigenschaft. Es ist auf Fabeln und Mythologie gebaut." Führende Mitglieder der Gruppe entfernten das Plakat, als bekannt wurde, dass das Zitat nicht von Jefferson stammt.

Berke weiß, dass sie mit ihrem Projekt viel Arbeit vor sich hat. „Jefferson ist allgegenwärtig in den Köpfen der Amerikaner", sagt sie.

Jefferson wäre womöglich froh über Berkes' Anstrengungen. „Wenn wir uns gegen Dummheit schützen und frei bleiben wollen, muss jeder Amerikaner über das Zeitgeschehen informiert sein", soll er gesagt haben.

Tatsächlich hat er das nie gesagt. Berkes hat herausgefunden, dass das Zitat aus einer Rede von Präsident Reagan aus dem Jahr 1981 stammt, in der er Jeffersons Worte umschrieben hatte. Berkes glaubt, dass jemand anderes später dachte, dass das Jeffersons tatsächliche Worte waren. Heute wird ihm das Zitat häufig zugeschrieben.

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