• The Wall Street Journal

Anonym surfen mit Tor – für Freiheitskämpfer und Pädophile

    Von GEOFFREY A. FOWLER

Vier Jahre lang hat William Weber bei Tor mitgeholfen – einem Dienst, mit dem jeder anonym im Internet Surfen kann. Dann tauchte am 28. November plötzlich die Polizei in der Wohnung des 20-Jährigen im österreichischen Graz auf und beschuldigte ihn der Verbreitung von Kinderpornographie. Er sagt, dass die Beamten seine Computer beschlagnahmt hätten und er nun auf die Anklage warte, die ihn ins Gefängnis bringen könnte.

Laut Weber sind die Pornobilder nicht von ihm. Aber sie könnten über seine Computer gelaufen sein, weil er sie als Freiwilliger für das schnell wachsende Tor-Netzwerk zur Verfügung stellt. „Es ist sicher schlecht", dass Tor auch von Kriminellen genutzt werden kann, sagt er, aber "dagegen können weder ich noch das Tor-Projekt etwas tun."

Seine Erfahrung verdeutlicht die Probleme, vor denen das Tor-Projekt steht. Es wurde vor zehn Jahren in Walpole, Massachusetts, gegründet – ohne Hoffnung auf Gewinne. Dafür mit dem Plan im Hinterkopf, dass das anonyme Surfen im Internet zum normalen Standard wird. Das Netz hängt von Freiwilligen wie Weber ab, deren Computer dabei helfen, Internetverbindungen umzuleiten und zu verbergen.

Kriminelle benutzen Tor, um pornographische Inhalte zu verbreiten.

Ein Grund für das Projekt war, die Online-Aktivitäten von Dissidenten in Ländern wie Iran und China, wo der Staat das Internet zensiert, zu schützen. Aber auch in den USA und Europa wird Tor immer beliebter – denn die Leute machen sich um ihre Privatsphäre im Internet Sorgen. Im vergangenen Jahr hat sich die Nutzerzahl der kostenlosen Software auf rund 600.000 pro Tag fast verdoppelt, sagt die Gruppe.

„Vor zehn Jahren hatte noch niemand diese Vorstellung von Privatsphäre", sagt Andrew Lewman, der Chef von Tor. Aber durch den Skandal um den früheren General David Petraeus und den Handys, die ihren Standort verraten, „scheint das jetzt nicht mehr so egal zu sein." Heute kommen etwa 14 Prozent der Tor-Verbindungen aus den USA, Länder mit Internetzensur kommen erst danach.

Zu den US-Nutzern gehört auch der 32-jährige Andrew Whitacre, der im Bereich Vergleichende Medienwissenschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitet. Nachdem er von seinen Kollegen von Tor gehört hatte, hat er seine Computer zu Hause so eingestellt, dass sie automatisch mit der Software laufen. „Ich kann mir nicht sicher sein, dass ich über alles Bescheid weiß, was da draußen vor sich geht und möglicherweise meinem Computer oder meinen Kontakten schaden kann", sagt er.

80 Prozent des jährlichen 2-Millionen-Dollar-Budgets von Tor kommt von US-Regierungsstellen, die die freie Rede und wissenschaftliche Forschung fördern. Der Rest stammt von der schwedischen Regierung und anderen Gruppen.

Um weiter zu wachsen muss Tor noch mehr Freiwillige gewinnen, die sich für das Netzwerk zur Verfügung stellen. Denn Tor, das 1996 als Projekt Onion Routing des US Naval Research Laboratory gestartet wurde, lenkt die Internetdaten der Nutzer über zufällig ausgewählte Computer dieser Freiwilligen – die immer wieder neu ausgewählten Computer von Leuten wie William Weber dienen also als Knotenpunkte.

Dieser Prozess macht es praktisch unmöglich, die Daten zum einzelnen Internetsurfer zurückzuverfolgen. Von außen sieht es so aus, als ob die Abfrage von dem letzten durchlaufenen Netzknoten kommt, wie ihn etwa Weber zur Verfügung stellt.

Heute hat Tor genug Netzknoten von Freiwilligen – etwa 3.200 – um täglich etwa zwei Millionen Nutzer zu verkraften. Aber um noch deutlich mehr auszuhalten und das Surftempo nicht zu verlangsamen, braucht es laut Lewman noch etwa 10.000 mehr Knotenpunkte.

Gerade entwickelt das Netzwerk Hardware, die Freiwillige kaufen und mit ihren Routern verbinden können, um automatisch zu Knotenpunkten zu werden. Manchen ist der Gedanke unheimlich, den eigenen Netzknoten zu unterhalten, über den möglicherweise illegale Aktivitäten laufen. Für alle die bietet Tor an, einen größeren Knotenpunkt zu unterstützen.

Tor ist „ein Problem für die Gesetzeshüter", sagt John Shehan, Chef des National Center for Missing and Exploited Children im US-Bundesstaat Virginia. Über das Netzwerk werden ständig Pornobilder von Kindern ausgetauscht, sagt er – aber die Gründer sind machtlos.

dapd

Chinesen - hier der Dissident und Künstler Ai Weiwei - können über Tor anonymisiert surfen, um der Repression der Regierung zu entgehen.

Auf der anderen Seite stehen Leute wie Andre Medes vom International Broadcasting Bureau. Die US-Behörde, eigentlich für die Sendeanlagen des Rundfunks zuständig, hat Tor seit 2006 mit ganzen 2,5 Millionen US-Dollar unterstützt. Das Netzwerk „bietet Leuten, die sonst hart von ihrer Regierung bestraft würden, lebensrettende Privatsphäre und Sicherheit", sagt Andre Mendes, Leiter der Technologiesparte der Behörde.

Lewman von Tor sagt, die Organisation habe Vorladungen bekommen – aber musste nie vor Gericht, weil das Netzwerk keine Daten speichert, die gegen sie verwendet werden könnten. Trotzdem „verbringen wir viel Zeit, mit verschiedenen Strafverfolgungsbehörden zu sprechen", sagt er. Manch ein Polizist benutzt Tor sogar selbst, um verdeckt zu ermitteln.

Marcia Hofmann ist Anwältin bei der Electronic Frontier Foundation. Die Nichtregierungsorganisation setzt sich für Bürgerrechte im Cyberspace ein. Hofmann glaubt, dass die Freiwilligen von Tor von den US-Gesetzen geschützt sind – ein Beweis vor Gericht blieb aber bisher aus. „Im Endeffekt ist Tor ein neutrales Werkzeug", sagt sie – auch Internet- und Telekom-Anbieter sind nicht dafür haftbar, wie Kriminelle ihre Netzwerke benutzen.

Die Polizei schaut gerne vorbei

Trotzdem empfiehlt sie den Freiwilligen mit den größten Netzwerkknoten, ihre Server bei Dritten zu unterhalten – nicht zu Hause oder im Büro. Denn dann könnten nicht zuletzt Computer beschlagnahmt werden, die sie für andere Zwecke brauchen.

So machen es etwa die Hacker von Noisebridge. Vor einem Jahr haben sie sich entschlossen, dass sie rund 800 US-Dollar pro Monat in ihren eigenen Knotenpunkt stecken. „Uns geht es um die Meinungsfreiheit", sagt Andy Isaacson. Der 35-Jährige ist eines der Gründungsmitglieder der Gruppe.

Die Hacker von Noisebridge hatten Angst vor möglichen gerichtlichen Problemen. Also hat die Gruppe ihren Knotenpunkt bei einem kommerziellen Server in Los Angeles untergebracht, statt bei dem büroeigenen. Trotzdem melden sich die Strafverfolgungsbehörden etwa dreimal im Monat, und zweimal sind die Polizisten schon im Büro in San Francisco vorbeigekommen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 24. April

    Kleingedruckte Rezepte auf Sri Lanka, ein kleiner Eisbär in St. Petersburg, eine brenzlige Lage im Osten der Ukraine und ein tief gefallener Bernie Ecclestone in München. Das und noch mehr steckt diesmal in unseren Bildern des Tages.

  • [image]

    Wo Europas Schuldenberge am höchsten sind

    Trotz Fiskalpakt: Die Haushaltsdefizite und die Staatsschulden in der Europäischen Union bleiben hoch. Vor allem die Spanne zwischen den finanziellen Musterschülern und den Haushaltssündern ist beträchtlich.

  • [image]

    Die Auto-Neuheiten aus China

    Der chinesische Automarkt gilt als schwierig - aber auch als lukrativ. Im Jahr des Pferdes versuchen die Autobauer mit limitierten Editionen und protzigen Modellen, die Käufer zu umgarnen. Wir zeigen Ihnen die Neuheiten der Automesse in Peking.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.