• The Wall Street Journal

US-Waffenlobby ruft nach bewaffneten Polizisten in Schulen

    Von GARY FIELDS und COLLEEN MCCAIN NELSON

WASHINGTON—Eine Woche nach dem tödlichen Amoklauf in der Grundschule von Newtown hat die mächtigste Waffenlobby Amerikas gefordert, dass alle Schulen der USA mit bewaffneten Sicherheitskräften geschützt werden müssten. An der Sandy-Hook-Grundschule seien die Schüler in ihren Klassenräumen ungeschützt gewesen.

Wayne LaPierre, der Vizepräsident der National Rifle Association, sagte, "die Monster und Feinde auf dieser Welt" hätten ausgenutzt, dass Schulen eine waffenfreie Zone seien. Andere wichtige Institutionen - von Banken über Flughäfen bis zu Sportstadien - würden dagegen von bewaffneten Sicherheitskräften beschützt, sagte er. Seine Schüler aber lasse Amerika ungeschützt.

dapd

Waffengegner protestierten während der Pressekonferenz.

"Das Einzige, was einen bösen Menschen mit einem Gewehr stoppen kann, ist ein guter Mensch mit einem Gewehr", sagte LaPierre am Freitag auf einer Pressekonferenz in der amerikanischen Hauptstadt.

So ausführlich hatte sich die NRA, die in den USA wie keine zweite Organisation das Recht der Amerikaner zum Waffenbesitz verteidigt, nach dem Amoklauf von Newtown bisher nicht geäußert. Vor einer Woche hatte ein junger Mann 20 Kinder und sechs Erwachsene mit einem Sturmgewehr getötet und anschließend sich selbst. Auch seine Mutter hatte er umgebracht. Die NRA hatte Anfang der Woche erklärt, sie sei entsetzt und traurig über den Vorfall.

Seit dem jüngsten Amoklauf wird in den USA eine intensive öffentliche Debatte über verschärfte Waffenkontrollen geführt. Dies lehnte NRA-Vizechef LaPierre wie zu erwarten ab. Man sollte keine Zeit mit Gesetzen verplempern, die ohnehin nicht wirkten, sagte er.

Auch den Medien gab der Waffenlobbyist eine Mitschuld. Sie erst gäben den Monstern, die in der Schule kleine Kinder abschlachteten jene Aufmerksamkeit, nach der sie sich sehnten. Er sei sicher, dass bereits jetzt ein kranker Geist den nächsten Amoklauf plane.

"Die Wahrheit ist, dass es in unserer Gesellschaft eine unbekannte Zahl echter Monster gibt, Menschen, die so geistesgestört, so böse sind, so besessen von Stimmen und angetrieben von Dämonen, dass kein gesunder Menschenverstand sie jemals verstehen kann", sagte LaPierre.

Nach den Erschießungen waren von verschiedenen Seiten Forderungen erhoben worden, neue Waffengesetze zu erlassen. Unter anderem wurde gefordert, ein Verbot von Sturmwaffen wieder zu erlassen, das unter Bill Clinton 1994 in Kraft getreten und 2004 ausgelaufen war. Das Weiße Haus rief den Kongress auf, für ein Verbot von großen Waffenmagazinen einzutreten und für alle Waffenverkäufe genaue Erkundigungen über die Käufer verbindlich zu machen.

dapd

Man sollte keine Zeit mit Gesetzen verplempern, die ohnehin nicht wirkten, sagt NRA-Vizechef LaPierre

Präsident Barack Obama hat Vizepräsident Joe Biden damit beauftragt, Vorschläge zu koordinieren, wie man das Problem der Waffengewalt in den USA in den Griff bekommen könnte. Dazu sagte Waffenlobbyist LaPierre, es gebe tausende von Gesetzen und Regelungen zu Waffen. Aus seiner Sicht sind aber nicht mehr Gesetze die richtige Antwort auf das Problem, sondern mehr Sicherheit in den Schulen. Was wäre passiert, wenn Adam Lanza, der mutmaßliche Attentäter, mit bewaffneten Sicherheitsleuten konfrontiert gewesen wäre?, fragte LaPierre.

Er forderte den Kongress auf, alles zu tun, damit künftig in jeder Schule ein Polizist stehe. Ein entsprechendes nationales Schutzprogramm will die NRA unter Führung des früheren Kongressabgeordneten von Arkansas, Asa Hutchinson, entwickeln.

Der frühere Politiker sagte auf der Pressekonferenz, Schulen sollten die Gelegenheit bekommen, Schutzprogramme zu entwickeln, die ihrem jeweiligen Bedarf entsprächen. Bewaffnete Wachleute seien nur ein Element eines weitreichenden Maßnahmenkatalogs.

Waffengegner finden den Plan "fürchterlich"

LaPierre wurde während seiner Rede zwei Mal von Waffengegnern unterbrochen, machte für die Amokläufe aber "bluttriefende Filme", sowie gewaltverherrlichende Videospiele und Musikvideos verantwortlich. Sie alle trügen zu einer verbreiteten "Kultur der Gewalt" bei. Fragen wollte der Waffenlobbyist bei der Pressekonferenz aber nicht beantworten.

Holly Thomas, Mitglied bei der Organisation One Million Moms for Gun Control, die sich für schärfere Waffengesetze einsetzt, nannte den Plan der NRA "fürchterlich". Mit Tränen in den Augen sagte sie, die NRA habe eine Pressekonferenz einberufen, "nur um nichts zu sagen".

Der 24-jährige Andrew Nazdin, der vor dem Gebäude protestierte, wo die Pressekonferenz stattfand, kritisierte, er habe "keinen Ansatz für eine Lösung" gehört. Es sei Zeit, dass die NRA mithelfe, derartige Katastrophen wie am vergangenen Freitag zu verhindern.

Die NRA vertritt geschätzte vier Millionen Waffenfreunde und wird von etlichen zehn Millionen Waffenbesitzern unterstützt. Es ist die größte Interessensvertretung dieser Art in den USA. Sie lehnt weitere Waffengesetze traditionell ab. Bestehende Gesetze müssten nur durchgesetzt werden, argumentiert sie. Zugestimmt hat sie allerdings, dass eine belastbare Datenbank geschaffen wird, mit deren Hilfe staatliche Waffenläden den Hintergrund potenzieller Käufer überprüfen könnten.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Australische Villa im Zeichen des Drachens

    Feurig kommt dieses Luxusanwesen im australischen Melbourne daher: Auf dem Dach wacht ein mächtiger Terrakotta-Drache und im Haus lodern dutzende Kaminfeuer. Die Ausstattung mit Tennisplatz, Pool und ausgiebigen Ländereien lässt es jedem Australien-Fan warm ums Herz werden.

  • [image]

    Alt, neu, kurios und nicht chancenlos – Parteien zur Europawahl

    In Deutschland sind 25 Parteien zur Europawahl zugelassen. Neben den etablierten Bundestagsparteien können sich die Wähler für eine Menge kurioser Alternativen entscheiden – von der Christlichen Mitte bis zur Bayernpartei. Da die 3-Prozent-Hürde gefallen ist, haben die Kleinen sogar eine Chance.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 15. April

    Wilde Tulpen in Afghanistan, Wasserfontänen in China, der Vollmond über Schanghai und Ordensbrüder mit wunden Füßen in Spanien. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Die furchterregendste Gondelfahrt der Welt

    Was Besuchern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für die Einwohner der georgischen Stadt Tschiatura Alltag. Die Seilbahnen aus der Stalin-Zeit an den Hängen des Kaukasus fahren trotz Rost noch immer.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.