• The Wall Street Journal

OECD stampft Wachstumsprognosen ein

    Von CHRISTIAN GRIMM

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat die Wachstumsaussichten für wichtige Volkswirtschaften im kommenden Jahr deutlich nach unten genommen. Vor allem in der Eurozone wird es deutlich schlechter laufen. Auch die USA werden sich darauf einstellen müssen, dass die Erholung an Schwung verliert.

"Nach fünf Krisenjahren schwächt sich die Weltwirtschaft wieder ab", sagte OECD-Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan. Einen zweiten schweren Einbruch nach der Finanzkrise will der Experte deshalb nicht ausschließen. Die Ursachen liegen für ihn in der hohen Verunsicherung, dem nachlassenden Welthandel und der hohen Arbeitslosigkeit, die sich auf die Kauflaune der Verbraucher lege.

[image] dapd

OECD-Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan

In der Eurozone und in den USA sieht die OECD vor allem die Politik am Zug. Das Problem sei nicht so sehr, dass die Schwierigkeiten - Schuldenkrise und Fiskalklippe - nicht erkannt seien, sondern dass bisher keine überzeugende Antwort darauf gefunden wurde, heißt es im Herbstausblick der Organisation der wohlhabenden Länder.

Für die Eurozone bedeutet das Lavieren in der Krisenpolitik und die lange Kette der Krisengipfel, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr im Abschwung stecken bleibt, anders als es die OECD noch im Frühjahr angenommen hat. Demnach wird es 2013 mit 0,1 Prozent bergab gehen, während im Mai noch ein Wachstum von 0,9 Prozent vorausgesagt wurde.

Auch das laufende Jahr wird schwächer abschließen. Statt nur um 0,1 Prozent wird sich das Minus auf 0,4 Prozent belaufen. Weil die Rezession länger dauert und die Staaten für mehr Arbeitslose zahlen müssen, wird auch die Neuverschuldung höher ausfallen als zuvor prognostiziert. Die OECD-Fachleute erwarten jetzt eine Budgetlücke im Euroraum, die 2,8 statt 2,0 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen wird.

"Zusammenhalt der Eurozone in Gefahr"

OECD-Chefvolkswirt Padoan sieht sogar den Zusammenhalt der Eurozone in Gefahr, wenn die Krise noch einmal richtig hochkochen sollte. Er fordert die Europäer deshalb auf, das volle Arsenal einzusetzen. Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte die Geldpolitik noch einmal lockern, also wieder Staatsanleihen der Krisenländer kaufen und die Zinsen weiter senken. Taumelnden Euroländern rät die OECD, sich unter den Rettungsschirm ESM zu flüchten, damit die EZB loslegen kann.

Video

Vor allem für die Eurozone sehen die Pariser Wirtschaftsforscher schwarz. Dort werde die Wirtschaft in laufenden wie kommenden Jahr schrumpfen. Verantwortlich dafür seien die Politiker.

Im Vergleich dazu tut die US-Zentralbank nach Einschätzung der OECD genug, um der US-Konjunktur auf die Sprünge zu helfen. Die große Herausforderung, vor der US-Präsident Barack Obama steht, ist die Fiskalklippe. Können sich Republikaner und Demokraten bis Ende des Jahres nicht auf einen neuen Haushalt und neue Steuergesetze einigen, droht der US-Wirtschaft die Rasenmähermethode. Dann treten im Januar automatisch Kürzungen bei den Ausgaben und höhere Steuern in Kraft. Das würde die US-Wirtschaft mit bis zu 600 Milliarden US-Dollar belasten und zurück in die Rezession stürzen.

"In den USA sollte die Haushaltssanierung einem maßvolleren Weg folgen als es derzeit die Gesetze vorsehen", heißt es im Herbstausblick diplomatisch. Selbst wenn sich die beiden Lager in Washington einigen können, wird die US-Wirtschaft laut OECD im nächsten Jahr einen Gang zurückschalten. Statt um 2,6 Prozent wird es nur noch ein Wachstum von 2,0 Prozent geben. Nach 2,4 Prozent im Mai lautet die Prognose für das laufende Jahr nur noch 2,2 Prozent.

Auch der Euro-Primus Deutschland bekommt die Auswirkungen von Unsicherheit und nachlassender Weltkonjunktur zu spüren. Im laufenden Jahr soll noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,9 Prozent erwirtschaftet werden, aber 2013 sieht die OECD kein anziehendes Wachstum, wie es die Bundesregierung voraussagt. Im Gegenteil wird nur noch ein Plus von 0,6 Prozent prognostiziert. Im Frühjahr wurden noch 1,9 Prozent veranschlagt. Auch die Arbeitslosigkeit soll wieder leicht zulegen. Die Experten loben die Regierung für die Schuldenbremse, die Vertrauen zurückbringen könne. Sie fordern aber, dass mehr Menschen an die Universitäten kommen dürfen und der Zugang zu einigen Berufen erleichtert wird.

Kontakt zum Autor: christian.grimm@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Hippe Box aus Licht und Glas in Venice Beach

    Ein Haus aus Licht und Glas, nur einen Steinwurf von dem bunten Treiben auf der Promenade von Venice Beach entfernt, ist unser Haus der Woche. Von der Couch aus blickt man hier direkt in den blauen Himmel über dem Strand bei Los Angeles.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 10. April

    Eine Ostereier-Färbe-Maschine in Nordrhein-Westfalen, frisch gezimmerte Särge in Wien, gewalttätige Polizisten in den USA und Papp-Wahlkandidaten in Indien. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.

  • [image]

    Die besten deutschen Aktien –
    und die größten Verlierer

    Die große Rally scheint es in diesem Jahr an den Aktienmärkten nicht zu geben. Der Dax etwa notiert nach den ersten drei Monaten 2014 nur wenig verändert. Umso wichtiger ist es deshalb, die richtigen Aktien herauszupicken. Wir zeigen die größten Gewinner und Verlierer aus Deutschland.