• The Wall Street Journal

In China werden Schattenbanken zum Problem

    Von LINGLING WEI und DINNY MCMAHON

TAIYUAN, China – In China wächst das Schattenbankensystem und damit verbunden auch das Risiko für die Staatsbanken des Landes. Die Geschichte von Wang Pingyan wirft ein Schlaglicht auf die Verflechtung von staatlichen und privaten Kreditgebern - und ihre Folgen.

Andy Wong/AP/dapd

Ein Kohlelieferant in Chinas Hauptstadt Peking. Kohleminenbesitzer Wang Pingyan hat sich von privaten Kreditunternehmen Geld geliehen - und kann seine Ausstände nun nicht bezahlen.

Alles begann mit der Entscheidung der chinesischen Regierung, kleine Kohleminen-Betriebe aus Sicherheitsgründen zu verstaatlichen. Wang Pingyan, Besitzer einer solchen Mine, blieben zwei Möglichkeiten: Aus dem Geschäft aussteigen, oder wachsen. Wang entschied sich fürs Expandieren. Aber die Staatsbanken wollten ihm kein Geld leihen, wie so oft im Reich der Mitte. Also wandte der Unternehmer sich an Privatinvestoren. Laut früheren Mitarbeitern und anderen, die von seinen Geschäften wissen, hat er insgesamt Kredite in Höhe von rund 800 Millionen US-Dollar aufgenommen, oder fünf Milliarden Yuan.

Drei Jahre später steckt Wang in Schwierigkeiten. Denn der Kohlepreis ist seit Anfang des vergangenen Jahres um ein Fünftel gefallen. Wang kann mehrere seiner Kredite nicht zurückzahlen – was ihm auch schon einen Aufenthalt im Gefängnis eingebracht hat. Der Unternehmer konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden. Ein Vertreter seiner Firma Zhenfu Energy wollte keinen Kommentar abgeben.

Zwar haben die Staatsbanken den bankrotten Unternehmer nicht direkt finanziert. Aus dem Schneider sind sie aber noch lange nicht. Die größte Leihgabe an Wang waren drei Milliarden Yuan – sie kamen von China Credit Trust, einem der größten privaten Kreditinstitute Chinas. Das Unternehmen hatte das Geld wiederum von den Kunden der größten Bank Chinas eingesammelt, der Industrial & Commercial Bank of China . Die Staatsbank, kurz ICBC, erklärte, sie sei als vermittelnde Bank „nicht verantwortlich für Investitionsrisiken", die mit diesen Privatkrediten zusammenhängen.

Schattenbanken und offizielle Kreditinstitute miteinander verflochten

Doch unabhängig davon, wie der Fall ausgeht – er wirft ein grelles Licht auf die verborgenen Risiken, denen Chinas Geldinstitute durch ihre Verbindungen zu der Industrie um die so genannten Schattenkredite ausgesetzt sind, also all die Kredite, die außerhalb der offiziellen Kanäle vergeben werden.

Xie Zhengyi/ColorChinaPhoto/AP/dapd

Einige Kohlenminenbetreiber in China nahmen Kredite auf, um zu expandieren und die Verstaatlichung zu vermeiden. Hier zu sehen: Arbeiter einer Kohlemine in Huaibei.

Diese Schattenkredite machen in China zurzeit etwa 20 Billionen Yuan (rund 2,49 Billionen Euro) aus, wie Daten des Finanzdienstleisters Sanford C. Bernstein ergeben. Das ist etwa ein Drittel des Vermögens, das die offiziellen Banken verliehen haben. Noch im Jahr 2008 lag der inoffizielle Geldverleih bei gerade einmal fünf Prozent der Bankkredite.

Der Sektor ist wenig reguliert und schwer durchschaubar. Das lässt Beobachter befürchten, dass die Schuldner ihre Kredite in Zeiten abnehmenden Wirtschaftswachstums nicht mehr zurückzahlen können. Das wiederum könnte die Staatsbanken in Mitleidenschaft ziehen. Diese arbeiten oftmals mit den privaten Geldgebern zusammen. So verkaufen sie Kredite an die privaten Leihgeber oder preisen ihre Investmentanlagen gegen eine Gebühr an.

Wangs Geschichte könnte zum Präzedenzfall werden

„Normale Banken und Schattenbanken sind nicht isoliert voneinander. Viele Aktivitäten in den beiden Systemen haben Einfluss aufeinander", schreibt etwa Xiao Gang, Chef der Bank of China, in einem Beitrag für eine chinesische Zeitung. Andere stimmen ihm zu. „Banken könnten verantwortlich gemacht werden, wenn die Vertreter die Risiken der Produkte für die Kunden nicht ausreichend geprüft haben", sagt Peng Junming, der früher Funktionär bei der Bank of China war und jetzt seine eigene Investment-Firma Empire Capital Management leitet. Andere Analysten stimmen ihm zu: Die Lösung von Wangs Situation könnte zu einem Präzedenzfall dafür werden, wie künftig mit inoffiziellen Krediten umgegangen wird.

Video auf WSJ.com

Private companies in China are increasingly turning to "shadow lenders" to seek loans. The WSJ's Dinny McMahon reveals why some commercial banks may be at risk if defaults increase.

Wang ist Anfang 40. Vor einem Jahrzehnt ist er ins Kohlegeschäft eingestiegen. Laut früheren Mitarbeitern und Geschäftspartnern begannen seine Probleme im Jahr 2009, als die Regierung in der nördlichen Shanxi-Provinz nach mehreren Unfällen in kleinen Minen begann, die kleinen Minen zur Schließung oder zum Verkauf an staatliche Betreiber zu zwingen. Nur wer drei Millionen Tonnen Kohle pro Jahr produziert, sollte im Geschäft bleiben dürfen. Von da an häufte Wang rund fünf Milliarden Yuan an Hochzinskrediten von privaten Investoren und Verleihern an, um Minen zuzukaufen, sagen mit seinen Finanzen vertraute Quellen. Jetzt besitzt die Firma fünf Minen und eine Kohlewaschanlage.

Die Staatsbank ICBC hat als Vermittler des China Credit Trust ihren finanzkräftigen Kunden die Investition in Wangs Unternehmen empfohlen. Die Verzinsung lag zwischen 9,5 und 11,5 Prozent – weit mehr als bei der staatlichen Bank. In einem Prospekt von China Credit wurde den Standards entsprechend über die Risiken informiert. Doch Details zu Wangs Unternehmen und seiner Finanzierung waren nicht aufgeführt, sagen Personen, die Einblick in die Informationsbroschüre hatten. „Als mein Berater bei der ICBC mir das Investment empfahl, konnte ich daran keinen Haken erkennen", sagte ein Investor, der nach eigenen Angaben drei Millionen Yuan in das Unternehmen gesteckt hatte, der Mindesteinsatz.

Im Juni hatte China Credit gesagt, dass Wangs Firma im zweiten Quartal dreimal verklagt wurde, weil private Kredite nicht in den Bilanzen auftauchten. Das Kreditinstitut arbeite mit Regulierern zusammen, die Wangs Finanzen überprüfen, und werde „wenn nötig Rechtsmittel ergreifen", um Investoren zu schützen.

Gao Tanlin hat Wang unabhängig Geld geliehen. Jetzt hat Gao Wang verklagt. „Er kam zu mir, um sich Geld für Zukäufe zu leihen", erinnert sich Gao. „Ich kannte ihn schon eine Weile. Ich hielt ihn für zuverlässig, also habe ich ihm 100 Millionen Yuan geliehen. Gao verlangte für den Kredit 36 Prozent im Jahr, mehr als das Vierfache der offiziellen Zinsrate in China. Anfang des Jahres wäre das Geld fällig gewesen. „Wang sagte, er habe kein Geld", erinnert sich Gao. Also verklagte ihn der Gläubiger im Mai. Ob Wang seine Ausstände bei den durch China Credit vermittelten restlichen Gläubigern begleichen kann, steht in den Sternen. Es geht um drei Milliarden Yuan.

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