• The Wall Street Journal

Europas wackeliger Griechenland-Plan

    Von HANS BENTZIEN, BEATE PREUSCHOFF und MICHAEL OTTO DENZIN

Als Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Dienstag vor die Presse trat, stand ihm die Erleichterung über den positiven Ausgang der entscheidenden Sitzung der internationalen Gläubiger Griechenlands ins Gesicht geschrieben. Nach langem Tauziehen will die Troika Griechenland bis zum Jahresende den ersehnten Kredit von 44 Milliarden Euro auszahlen, damit das hoch verschuldete Land nicht bald zahlungsunfähig wird.

Bei dem Geld allein wollen es die Gläubiger nicht belassen, wie Schäuble erklärte. Mit gezielten Maßnahmen soll Griechenland geholfen werden, die Schuldenlast um etwa 40 Milliarden Euro zu senken. Ein Schuldenschnitt der öffentlichen Geldgeber, den der Internationale Währungsfonds favorisierte, ist nicht darunter, weil vor allem die Deutschen ihn nicht wollten. Einen Teil der Schuldenentlastung wollen die Gläubiger stattdessen leisten, indem sie die Zinssätze ihrer Kredite senken und auf Gewinne verzichten, die ihre Zentralbanken mit griechischen Staatsanleihen machen. Voraussichtlich am Donnerstag soll der Bundestag die dafür nötigen Beschlüsse fassen, sagte Schäuble.

dapd

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist "relativ zuversichtlich", dass der Schuldenrückkauf gelingt.

Dreh- und Angelpunkt beim Schuldenabbau soll aber ein Rückkauf griechischer Schulden durch die Regierung in Athen sein. Indem sie die aktuell niedrigen Kurse der Staatsanleihen ausnutzen, so die Rechnung, würden die Griechen erheblich sparen.

Spekulanten sollen ausgebremst werden

Um Spekulanten auszubremsen, so Schäuble, sei vereinbart worden, „dass die Austauschpreise nicht höher sein sollten, als sie am Freitag vergangener Woche waren". Noch in dieser Woche wird Griechenland die Rückkaufaktion wohl auf den Weg bringen.

Das ist aber auch so ziemlich das einzige, was bisher bekannt ist. Der Plan lässt etliche Fragen unbeantwortet: Woher etwa sollen die Griechen das Geld nehmen? Und wer verkauft diese Bonds zu derart niedrigen Preisen?

Auch der Bundesfinanzminister ließ erkennen, dass ihm diese Fragen Sorgen bereiten: „Ob und inwieweit diese Buy-back-Aktion am Ende welches Ergebnis bringt, bleibt abzuwarten", sagte er. Man sei aber „relativ zuversichtlich", dass der Schuldenrückkauf klappen werde.

Wie Athen an das Geld für den Schuldenrückkauf kommen soll, ist derzeit nicht klar. Griechenland steht vor der Zahlungsunfähigkeit, vor der es erst die nächste Kredittranche retten kann. Der geplante Rückkauf von Staatsanleihen soll allerdings eine Voraussetzung dafür sein, dass dieses Geld überhaupt fließt, erklärte Schäuble schon in der Nacht in Brüssel.

Beobachter erwarten deshalb, dass es für den Schuldenrückkauf eine Vorfinanzierung geben muss. Commerzbank -Chefvolkswirt Jörg Krämer geht davon aus, dass dies über das laufende EFSF-Programm geschehen wird. Klare Aussagen dazu gab es bei der Pressekonferenz nach der Sitzung der Eurogruppe jedoch nicht.

dapd

Europa springt Griechenland erneut bei - allerdings muss Athen vorher eine hohe Hürde nehmen.

Um den Finanzbedarf für den Rückkauf zu schätzen, müsste Griechenland am Markt sondieren, wie groß die wahrscheinliche Beteiligung ausfallen könnte. Krämer schätzt, dass Griechenland rund die Hälfte der ausstehenden Schuldtitel mit einem Volumen von 67 Milliarden Euro angedient wird. Wenn die Regierung sie mit einem Abschlag von rund 70 Prozent erwerben könnte, ergäbe sich abzüglich der eingesetzten Mittel eine Schuldenreduzierung von 23 Milliarden Euro. „Ungefähr die Hälfte des heute Nacht beschlossenen Schuldenabbaus käme dann über den Schuldenrückkauf", sagte Krämer.

Hedgefonds könnten hohe Gewinne einstreichen

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank äußerte sich dagegen eher skeptisch. „Als operatives Risiko in diesem Plan sehe ich noch die Anleiherückkäufe – konkret, ob sich genügend Verkäufer finden lassen", sagte er dem Handelsblatt.

Die Kernfrage ist, wer zu einem so niedrigen Preis freiwillig verkauft. Obwohl die Kurse griechischer Staatsanleihen in Erwartung eines Rückkaufprogramms in den vergangenen zwei Wochen um knapp 13 Prozent angezogen haben, notieren sie immer noch deutlich unter ihrem Nennwert. Wer jetzt verkauft, bekommt möglicherweise nur einen Bruchteil des einst eingesetzten Geldes, bei zehnjährigen Papieren etwa zu aktuellen Kursen nur noch etwa 34,8 Prozent.

120, 124 oder 126,6 Prozent?

Kurzfristig gilt es, Griechenland mit neuen Krediten vor der Pleite zu bewahren. Doch damit das Land mittel- bis langfristig wieder auf eigenen Füßen stehen kann, sollen die Schulden runter. Und zwar auf ein Maß, dass die Regierung in Athen ohne Hilfe von außen tragen kann. Wie hoch die Verschuldung sein darf, damit die Griechen mit eigenen Steuereinnahmen in der Lage sind, den Schuldendienst zu bewältigen, darüber gehen die Meinungen aber auseinander.

Beim vergangenen Rettungspaket vereinbarten die internationalen Gläubiger als Zielmarke eine Verschuldungsquote von 120 Prozent für das Jahr 2020. Das heißt: In acht Jahren dürfen die Gesamtschulden des Landes nicht höher sein, als das 1,2-Fache der Wirtschaftsleistung. Doch das Land steckt – auch wegen der unvermeidlichen Sparmaßnahmen zur Sanierung seiner Staatsfinanzen – in einer schweren Rezession fest. Die Quote ist aus eigener Kraft bis dahin nicht zu schaffen. Ohne weitere Hilfe würde sie nach aktuellen Prognosen 2020 auf 145 Prozent steigen. Damit wäre Athen aber nicht geholfen.

Die Euro-Länder haben deshalb weitere Maßnahmen vereinbart, um Griechenlands Schulden zu senken. Dabei lautet die Zielmarke 2020 nun 124 Prozent Verschuldungsquote. Zwei Jahre später soll sie bis auf 110 Prozent fallen. So verkündeten es die Minister in der Nacht.

In einem Dokument der Troika, in das das Wall Street Journal Einblick hatte, liest sich das schon weniger rosig. Danach führen die vereinbarten Maßnahmen dazu, dass die Schulden Griechenlands 2020 noch immer 126,6 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen und bis 2022 auf 115 Prozent sinken.

Welche Zahlen tatsächlich stimmen, hängt in großem Maße vom Erfolg der griechischen Reformanstrengungen ab. Die werden zwar allenthalben gelobt, aber wenn das Land nicht bald aus der Rezession herauskommt, sind die jetzigen Prognosen wohl Makulatur. Und dann bleibt wahrscheinlich nur noch ein Schuldenverzicht, den heute noch niemand will. Die Bundesregierung hofft, dass die Rechnung wenigstens bis zu den Wahlen im September 2013 hält. Den Zweifel daran zu nähren, wird sich die Opposition nicht entgehen lassen.

Anleihenexperte Alexander Aldinger von der Commerzbank schätzt, dass sich die Anleihen überwiegend im Besitz von griechischen Banken und Hedgefonds befinden. Er glaubt, dass Hedgefonds das Angebot eines Rückkaufs nutzen werden, weil sie bei Preisen von 15 bis 20 Prozent des Nominalwerts der Schuldtitel eingestiegen sind und nun für um die 30 Prozent verkaufen könnten. Bei einem Rückkaufprogramm hätten sie im Vergleich zu einem Verkauf der Schuldtitel am Markt den Vorteil eines fixen Verkaufspreises, sagte Aldinger. Sie liefen damit nicht Gefahr, sich die Preise selbst mit Verkaufsaktionen in einem dünnen Markt kaputtzumachen.

Auch die Analysten der Commerzbank empfehlen, Gewinne auf griechische Anleihen mitzunehmen, nachdem diese mit den Rückkaufspekulationen in den vergangenen Wochen bereits ansehnliche Kursgewinne verzeichnet haben.

Alles hängt am Wohlwollen des IWF

Valentijn van Nieuwenhuijzen von ING Investment Management, der selbst einige griechische Bonds im Portfolio hat, rechnet dagegen mit einer eher zurückhaltenden Nachfrage: „Ich befürchte, dass die Beteiligung etwas enttäuschend sein wird", sagte er.

Daran werde das in der Nacht vereinbarte Schuldenpaket aber nicht scheitern, glaubt der Fonds-Experte: Die Troika-Mitglieder dürften bei der Beurteilung des Rückkaufergebnisses „flexibel" sein. ING selbst hat nach seiner Aussage noch nicht über eine Teilnahme an einem Rückkaufprogramm entschieden.

Abschließen müssen die Griechen den Anleiherückkauf spätestens am 12. Dezember. Das ist der Tag vor dem EU-Gipfeltreffen, auf dem endgültig über die Auszahlung des Kredits entschieden werden soll. Am Erfolg des Programms hängt viel, vor allem das Wohlwollen des Internationalen Währungsfonds. Denn der will sicherstellen, dass Griechenland seine Schuldenlast möglichst bald wieder alleine tragen kann.

Märkte reagieren kaum auf Einigung

An den europäischen Finanzmärkten fiel die Freude über die Einigung angesichts der verbleibenden offenen Fragen verhalten aus. Der Dax schloss 0,6 Prozent im Plus, der Euro-Stoxx-50 ging praktisch unverändert aus dem Handel und beim Stoxx-50 reichte es zu einem Aufschlag von 0,2 Prozent. An der Wall Street waren die Anleger mit der Fiskalklippe beschäftigt, die Kurse gaben bis zum Mittag leicht nach.

Der Euro sprang zunächst über die Marke von 1,30 US-Dollar, um dann kontinuierlich nachzugeben. Im späten Europageschäft wurde er mit 1,29 Dollar gehandelt. Allerdings hatte die Gemeinschaftswährung in Sachen Griechenlandrettung auch schon viel Vorschusslorbeeren erhalten. 15-jährige Griechenland-Anleihen, die sich seit August mehr als verdoppelt hatten, legten am Dienstag weitere 1,2 Prozent zu. Der griechische Aktenindex ASE verbuchte ein Plus von 0,3 Prozent. Die Titel der griechischen Banken National Bank of Greece, Piraeus Bank, Alpha Bank und Eurobank Ergasias gaben deutlich nach.

Mitarbeit: Benjamin Krieger, Neelabh Chaturvedi, Florian Faust, Olaf Ridder

Kontakt zu den Autoren: hans.bentzien@dowjones.com, beate.preuschoff@dowjones.com und michael.denzin@dowjones.com

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