• The Wall Street Journal

Für Solarworld geht es jetzt ums Überleben

    Von STEFANIE HAXEL
AFP

Himmlischer Beistand half nichts: Solarworld-Chef Frank H. Asbeck posiert 2008 vor dem Petersdom in Rom.

Der Überlebenskampf von Solarworld kommt in die kritische Phase. Das einstige Vorzeigeunternehmen der Branche musste nun eingestehen, im vergangenen Jahr einen Verlust von mehr als einer halben Milliarde Euro angesammelt zu haben. Damit ist das Eigenkapital aufgebraucht. Den Verlust hat das Unternehmen zwar schon in seinem Sanierungsplan berücksichtigt, wie es in Finanzkreisen heißt. Der Schock sitzt jedoch tief: Die Solarworld-Aktie verliert massiv an Wert. Einige Analysten befürchten, dass Aktionären fast der Totalverlust droht.

Mit der Verlustanzeige habe sich die Lage des Unternehmens weiter verschärft, sagt Analyst Sven Diermeier von Independent Research. „Bei der notwendigen finanziellen Sanierung des Unternehmens, die neben einer Schuldenreduzierung unseres Erachtens auch eine deutliche Stärkung der Eigenkapitalbasis beinhalten muss, werden die Aktionäre nach unserer Einschätzung nahezu einen Totalverlust erleiden."

Auch die Gefahr einer Insolvenz steht laut Marktbeobachtern nun im Raum. Diese drohe Solarworld insbesondere für den Fall, dass keine Einigung mit den Gläubigern erzielt werden könne, sagten Analysten der LBBW.

Konzernchef Frank Asbeck fechten diese Analystenkommentare nicht an, der Manager übt sich in Zweckoptimismus: Die schlechten Nachrichten hätten weder Auswirkungen auf den Restrukturierungsprozess noch auf das operative Geschäft. „Die liquiditätswirksamen operativen Verluste betreffen das Jahr 2012 und sind somit in der zum Jahresende verfügbaren Liquidität bereits enthalten", erklärte er in einer schriftlichen Stellungnahme auf Fragen des Wall Street Journal Deutschland.

Auch die Gläubiger machen dem Unternehmen offenbar noch keinen Druck: „Wir befinden uns in konstruktiven Gesprächen mit unseren Gläubigern basierend auf einer positiven Fortführungsprognose – ohne momentan zeitliche Limitierung", so Asbeck. Zu den Inhalten der Gespräche wollte sich Asbeck jedoch nicht näher äußern. Die Frage, ob Solarworld - wie in Medien berichtet - mit Katar über einen Einstieg oder eine ähnliche Hilfe spreche, blieb unbeantwortet.

Harter Wettbewerb auf dem Solarmarkt

Entscheidend sind nun die nächsten Schritte der Gläubiger. An ihnen hängt es, ob Solarworld mit einer erfolgreichen Finanzrestrukturierung noch einmal die Kurve kriegt. Die Chancen dafür stehen möglicherweise nicht schlecht. In Finanzkreisen ist zu hören, dass die Gläubiger von Solarworld die Investmentbank Macquarie damit beauftragt haben, eine Lösung zu finden. Eine Einigung zwischen den Aktionären und den Gläubigern könnte Solarworld das Überleben und einen Verbleib an der Börse ermöglichen, die Übereinkunft darüber könnte bis Mitte Mai gefunden werden, wie es von zwei mit der Angelegenheit vertrauten Personen hieß. Macquarie lehnte eine Stellungnahme am Donnerstag ab.

Wie die gesamte Branche hat Solarworld mit eingebrochenen Preisen für Solaranlagen zu kämpfen, ausgelöst durch den harten Wettbewerb und die chinesische Konkurrenz. Die Krise auf dem Solarmarkt hat schon zahlreiche Unternehmen aus der Branche in die Insolvenz getrieben, darunter den einstigen Börsenliebling und Dax-Kandidaten Q-Cells .

Der Insolvenzexperte Arndt Geiwitz sieht in den jüngsten Nachrichten noch keinen Beweis, dass auch bei Solarworld die Insolvenz droht. Er glaubt aber schon, dass es dem Unternehmen schlecht geht und es nahe an der Überschuldung ist. Solarworld hatte von einem negativen Eigenkapital gesprochen. Vor der Finanzkrise war so etwas ein Insolvenzgrund. Man spricht von negativem Eigenkapital, wenn die Schulden eines Unternehmens das Vermögen übersteigen. Angesichts der in der Finanzkrise drohenden Pleite zahlreicher Unternehmen wurde der Überschuldungsbegriff inzwischen aber neu definiert: Wenn das betroffene Unternehmen eine positive Fortbestehensprognose hat, entfällt die Pflicht zum Insolvenzantrag. Und genau mit dieser Fortführungsprognose argumentiert Asbeck.

Die drohende Überschuldung kann indes nur mit Hilfe der Gläubiger abgewendet werden. Grundsätzlich ist es möglich, dass ein neuer Investor frisches Eigenkapital zuschießt. Alternativ oder ergänzend können die Gläubiger im Gegenzug für neue Aktien auf einen Teil ihrer Schulden verzichten. Bei Conergy etwa stiegen Gläubiger wie die Deutsche Bank oder Hedgefonds wie York Capital durch einen Tausch von Fremdkapital in Aktien zu Aktionären auf. Ein ähnliches Szenario hält Wolfgang Hummel, Analyst beim Berliner Zentrum für Solarmarktforschung, auch bei Solarworld für wahrscheinlich.

Allerdings hat sich nach Einschätzung von Hummel das Geschäftsmodell des Unternehmens überholt. Zu Zeiten, als die in der Solarbranche benötigten Rohstoffe wie Silizium knapp waren, sei es sinnvoll gewesen, die ganze Wertschöpfungskette im eigenen Haus zu haben. Den gegenwärtigen Marktbedingungen werde dies aber nicht mehr gerecht. Deshalb könne das Unternehmen im zyklischen Geschäft mit Solaranlagen auf der Kostenseite nicht mehr mithalten.

Neues Rekordtief an der Börse

„Wesentlich ist für den Turnaround, ob man zu radikalen Änderungen des Geschäftsmodells bereit ist", sagte Hummel. „Aber es ist auch eine Frage der Bereitschaft der Gläubiger, und deren Geduld ist entscheidend. Sie müssen dran glauben, dass das Unternehmen noch sanierungsfähig ist."

Schon Ende Januar hatte der Hersteller von Solarzellen und Modulen die Investoren mit dem Eingeständnis schockiert, für ein Überleben drastische Schuldeneinschnitte vornehmen zu müssen. Zum Stichtag 30. September hatte die Gesellschaft Schulden in Höhe von gut einer Milliarde Euro angehäuft.

Am Mittwochabend legte Solarworld nach und warnte für 2012 vor einem Verlust nach Steuern nach HGB in Höhe von 520 bis 550 Millionen Euro. Zum überwiegenden Teil sei dies Wertberichtigungen zuzuschreiben. Das Eigenkapital im HGB-Einzelabschluss werde für das Geschäftsjahr 2012 etwa minus 20 bis minus 50 Millionen Euro betragen. Nachdem mehr als die Hälfte des Grundkapitals aufgezehrt ist, ist das Unternehmen zudem verpflichtet, zu einer außerordentlichen Hauptversammlung einzuladen.

Investoren quittierten die schlechten Nachrichten am Donnerstag mit Verkäufen. Der Kurs des einstigen Börsenlieblings brach zeitweise um 26 Prozent auf ein neues Rekordtief von 68 Cent ein und handelte am frühen Nachmittag immer noch 23 Prozent im Minus. Im Jahr 2007 hatte die Aktie ein Rekordhoch von 48,80 Euro erreicht. Seitdem ging es jedoch angesichts der sich ausweitenden Krise im Solargeschäft größtenteils abwärts.

—Mitarbeit: Hendrik Varnholt, Eyk Henning und Thomas Leppert

Kontakt zum Autor: stefanie.haxel@dowjones.com

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