• The Wall Street Journal

Brieftauben sollen Frankreichs Geheimwaffe werden

    Von GABRIELE PARUSSINI

SURESNES – Die französische Armee verfügt über Atom-U-Boote, Raketen und Spionagesatelliten. Aber Jean-Pierre Decool glaubt, dass das Land eine seiner mächtigsten Waffen vernachlässigt: Seine Brieftauben.

Im Ersten Weltkrieg spielten Brieftauben noch eine wichtige Rolle. Aber seit es verlässlichere Kommunikationssysteme für alle Wetterbedingungen gibt, sind die Tauben ausgemustert.

Trotzdem unterhält das französische Verteidigungsministerium den letzten militärischen Taubenschlag in Europa. 150 Vögel gehören zum 8. Regiment. Sie wohnen in der Festung Mont-Valérien in Suresnes, westlich von Paris. Ein Unteroffizier kümmert sich um ihr Wohlbefinden und ihre Ausbildung. Ein strategisches Mittel sind sie heute jedoch nicht mehr.

Bilder: Frankreichs Brieftauben-Regiment

„Das ist ein großer Fehler", sagt Jean-Pierre Decool bei einem Besuch des Taubenschlags in der Nähe eines Museums, das die Geschichte der geflügelten Boten erzählt. Der Parlamentsabgeordnete der konservativen UMP malt sich erschreckende Szenarien aus: eine Nuklearkatastrophe, einen Hurrikan, einen Krieg. Brieftauben könnten dann das letzte Kommunikationssystem sein, sagt er. In der syrischen Stadt Homs verlassen sich Rebellen, die sich gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad wehren, auf Brieftauben, wenn ihre Walkie-Talkies keinen Empfang mehr haben, sagt Decool. „Wenn die Moderne aufhört, kommen Brieftauben immer noch durch", sagt Decool.

Im Juli schickte der 60-Jährige einen Brief an den französischen Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, um ihn nach seiner Brieftaubenstrategie zu fragen. Der Minister antwortete, dass das französische Militär mit Kommunikationssystemen ausgerüstet sei, das auch bei Stromausfall sowie bei Cyber- oder elektromagnetischen Angriffen weiter funktioniere. Sollte in Frankreich ein ernster Bedarf an Brieftauben entstehen, sagte der Minister, könne man sich auf die Unterstützung der Taubenliebhaber des Landes verlassen. Deren Anzahl schätzt er auf 20.000.

Taube wurde zum Kriegsheld

Seit vergangenem Jahr sorgt sich Decool, dass China Frankreich bei der Tauben-Expertise überholen könnte. China unterhält 50.000 Brieftauben und 1.100 Trainer, um in Grenzgebieten und Küstenregionen die Kommunikation aufrecht zu erhalten, berichtet das chinesische Verteidigungsministerium. Doch eine Kooperation mit China lehnte das Pariser Ministerium ab – am Ende würden französische Nachrichten noch nach China übermittelt, sagte der damalige Verteidigungsminister Gérard Longuet.

Als das preußische Heer 1870 Paris belagerte, ließ der Präfekt des Département Nord 1.500 Brieftauben in die Hauptstadt bringen, um die Kommunikation mit den Städten Roubaix und Tourcoing aufrecht zu erhalten.

Die Pariser schickten außerdem Heißluftballons mit ihren eigenen Tauben an andere Städte, damit die belagerte Hauptstadt aus dem Rest des Landes weiter Nachrichten erhalten könne.

Als der erste Weltkrieg ausbrach, standen der französischen Armee 15.000 voll ausgebildete Brieftauben zur Verfügung. So konnten Paris, Lyon und die östlichen Außenstellen sicher kommunizieren.

Ein Vogel wurde dabei sogar zum Kriegshelden. Als französische Soldaten in Verdun vom deutschen Gegner umzingelt waren, schickte ein französischer Kommandeur per Taube eine Nachricht, dass seiner Garnison eine Giftgasattacke drohte. „Dies ist meine letzte Taube", hieß es in der Nachricht.

Der Vogel namens Le Vaillant schaffte es durch die deutschen Kugeln und giftige Wolken hindurch zurück zu seinem Taubenschlag und half so, hundert Menschenleben zu retten. Am Ende des Krieges erhielt die Taube einen Kriegsorden für heldenhafte Taten. „Er ist meine Inspiration", sagt Decool über Le Vaillant, während er deren ausgestopfte Überreste im Museum betrachtet.

„Ihr braucht hier etwas frisches Blut"

Zu Friedenszeiten sind die Brieftauben auch in ziviler Mission unterwegs. Bis vor kurzem nutzte ein Krankenhaus in Granville in der Normandie Tauben, um Blutproben an ein Labor in Avranches zu schicken, etwa 25 Kilometer entfernt. Dafür brauchten die Tauben etwa 25 Minuten.

Eine ausgestopfte Brieftaube im Museum.

"Mit dem Auto dauert es etwa genauso lange, doch anstatt Benzin verbraucht man nur eine handvoll Körner", sagt Yves Le Henaff, Leiter des Bluttestlabors in Avranches. Das Programm wurde 1992 abgeschafft, als der Taubentrainer starb.

Vor kurzem inspizierte Decool den Taubenschlag der Armee in Suresnes. Die weißen Tauben, die es dort gibt, seien zwar schön bei Hochzeiten und Friedensfeiern. Doch ihr helles Gefieder sei ein Zeichen von schlechteren Genen. „Ihr braucht hier etwas frisches Blut", sagt Decool den anwesenden Soldaten.

Seine Idee, wieder eine vollwertige Tauben-Luftwaffe aufzubauen, hat wenige Unterstützer. Stattdessen hat der Politiker jetzt einen anderen Plan: Er will Tauben für die innere Sicherheit verwenden. Sein erster Kunde, sagt er, könnte der Energiekonzern Electricité de France sein, der die 58 Kernkraftwerke des Landes betreibt.

„Tauben sind überlegene Tiere"

Decool malt seinen Plan für den Fall eines großen, Fukushima-ähnlichen Nuklearunfalls aus. Ein mobiler Taubenschlag würde in der Gegend des Reaktors platziert, etwa 50 Kilometer entfernt. Da die Tauben nur in eine Richtung, nämlich heimwärts, fliegen, müssten etwa 50 Vögel regelmäßig zum Reaktor gebracht werden. Bei einem Vorfall könnten Sie dann Nachrichten nach Hause tragen.

„Warum nicht", sagt Patrick Lagadec, ein Professor an der Eliteuniversität École Polytechnique, der sich auf unkonventionelles Krisenmanagement spezialisiert. „Wenn es einen großen Netzausfall geben sollte, wäre das Mobilfunknetz als erstes betroffen. Danach kann man nicht weiter vorhersagen, wie die Krise sich entwickeln würde." Eine Sprecherin von EDF wollten sich dazu nicht äußern.

Im Flugpostmuseum schaut sich Decool winzige Spionagewerkzeuge an, die die Vögel tragen konnten, lange bevor es Aufklärungsdrohnen gab. „Tauben sind überlegene Tiere", sagt er. „Man sieht es in ihren Augen."

—Mitarbeit: Kersten Zhang

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