• The Wall Street Journal

Strategiewechsel der Banken: Wie ein trockener Keks

    Von DIRK ELSNER

Seit über fünf Jahren wirbelt die Krise durch den Finanzsektor. In solchen Zeiträumen erfinden sich ganze Branchen neu - nicht so das Banking. Meldungen über die strategische Neuausrichtung einiger Institute erinnern an trockene Kekse und Zwieback. Die habe ich als Kind bekommen, wenn ich krank war.

Was Banken der Öffentlichkeit in diesen Wochen als strategische Wende präsentieren, ist weit weg von dem Sterne-Menüs, die sich Investoren, Kunden und Mitarbeiter wünschen. Statt eines geschmackvollen Aufbruchs, bröselt es überall. Die Deutsche Bank etwa verkündete auf ihrer Strategietagung die Einrichtung einer Bad Bank. Kreativ ist das nicht. Daneben will sie sparen, offener und bescheidener werden und die Nebenwirkungen der Geschäfte mehr beachten.

Die Chef der Commerzbank betonte bei der Vorstellung der neuen Geschäftsstrategie, ein „Weiter so" in der Bankenbranche dürfe es nicht geben. Man will in innovative Technik investieren und sieht das Online-/Mobile-Banking gleichberechtigt neben dem Filialgeschäft. Diese Ankündigungen machen zwar Appetit auf mehr, Details bleiben aber offen.

Große Erwartungen waren verbunden mit Axel Weber bei der UBS . Nur fehlt auch hier der Geschmack. Stellenabbau im Investmentbanking ist so kreativ wie Süßstoff statt Zucker.

[image]

Dirk Elsner

Überhaupt könnten sich die angekündigten Magerkuren im Investmentbanking als vorübergehende Diät erweisen. Unternehmen und Verbände fürchten bereits um ein funktionierendes Investmentbanking für die Industrie. Deutsche Bank und Barclays haben gerade gezeigt, dass sich damit wieder Geld verdienen lässt. Hält dieser Trend, dann folgt die Renaissance eher in Monaten als in Jahren. Margenträchtiges Feingebäck will man schließlich nicht der Konkurrenz überlassen.

Viele Institute haben plötzlich den Mittelstand entdeckt. Wird aber hier nicht nur mit etwas Zuckerguss der fade Nachgeschmack langjähriger Vernachlässigung übertüncht? Diese Wende ist geboren aus der Margenmagerkur mit den Großkunden. Die an den Eigenkapital- und Liquiditätsregulierungen aus Basel III klebende Risiko-Return-Steuerung der Banken sieht kaum noch andere Einsatzmöglichkeiten des Kapitals. Das Umschwenken entspringt daher weniger einer gezielten Analyse des Kundengeschmacks. Ob die Häuser tatsächlich hier auf Dauer neue Duftmarken setzen, ist derzeit offen.

Banker wähnen sich auf dem richtigen Weg

Gern betonen Top-Banker in Sonntags- und Kongressreden, man sei auf dem richtigen Weg und habe aus den letzten Jahren gelernt. Konkretes bleibt freilich im Brei der Worte verborgen. Klar scheint nur, dass klassischen Banken die Zutaten der digitalen Gesellschaft, wie Transparenz, Beteiligung sowie Innovation in Prozessen, Produkten und Dienstleistungen nicht schmecken. Man möchte mit Transparenz zwar wieder Vertrauen gewinnen, sich aber nicht in das Rezeptbuch schauen lassen.

Das gilt besonders für die Skandalwelle der letzten Jahre. Das Deal-Book stellte nach dem mysteriösen Verschwinden von Milliarden an Kundengeldern beim US-Broker MF Global einen nachlassenden Veränderungsdruck bei anderen Brokerfirmen fest. Ähnliche Mangelerscheinungen spürt man auch nach anderen Desastern wie der Manipulation des Libor, den Walgeschäften von JP Morgan oder den mutmaßlich mangelnden Kontrollen im Backoffice, die es dem UBS-Händler Kweku Adoboli ermöglichten, einen Milliardenschaden anzurichten.

Viele Institute wissen, dass ihr strategischer Wandel nicht aus der Pâtisserie kommt. Dabei gib es in den Häusern durchaus Ansätze, aus schlechten Rezepten der letzten Jahre zu lernen. Wer Visionen entwickeln will, muss heute viele Pâtissiers aus IT, Compliance, Recht, Marketing, Produktentwicklung und Controlling um Hilfe bitten. Und Sie ahnen es: Viele Köche machen Brei.

Ob am Ende der Chefkoch serviert, ist zudem offen. Der möchte sich schließlich nicht durch zu ambitionierte Experimente verbrennen. In der Chefetage geht man gern auf Nummer sicher und kopiert lieber Rezepte der Konkurrenz. Oder grummelt noch der durch die Lehman Pleite verdorbenen Magen? Vielleicht sind große Institute einfach „too big to manage", wie der britische Notenbanker Andrew G Haldane in einer Rede bemerkte. Großküchen erhalten selten einen Stern für ihre Kreativität.

Neuer Appetit wird außerdem gedämpft durch die Notfallversorgung von Zentralbanken und Rettungsfonds. Sollte an den Finanzmärkten erneut eine Dürre durch illiquide oder gar insolvente Institute drohen, kann man sich darauf verlassen, dass staatliche Institutionen der Branche schnell wieder beispringen.

Droht der Finanzbranche der Kodak-Moment?

Es überrascht daher wenig, dass Banken den digitalen Wandel unterschätzen, wie das jüngst den Unternehmensberatungen BearingPoint und Bain & Co. aufgefallen ist. Die Autoren von Bain unterstreichen meine Feststellung, dass Banken Geschäft an branchenfremde Anbieter verlieren werden. Diese erfüllen nämlich die Kundenbedürfnisse der mit digitalen Technologien aufgewachsenen Generation besser und kostengünstiger. Manche fürchten gar den „Kodak-Moment" für die Finanzbranche.

Der angekündigte Strategiewechsel im Banking ist bisher nichts für Feinschmecker. Statt Steilvorlagen des digitalen Wandels etwa für die Entkrustung des Fondsgeschäfts zu nutzen, trennt man sich wie die Credit Suisse lieber von den Geschäftsbereichen. Das sind nicht die Zutaten eines Edelbäckers.

Das viele Mehl aus notwendiger und zum Teil unsinniger und übertriebener Bankenregulierung macht die Plätzchen zusätzlich trocken. Aber ist das eine Entschuldigung für mangelnde Kreativität? Die junge und zunehmend in Entscheidungspositionen hinein wachsende Generation erwartet mehr Zutaten aus der digitalen Welt für das Privat- und Unternehmenskundengeschäft.

Uns interessiert Ihre Einschätzung. Ist weiter derbe und trockene Hausmannkost in der Finanzbranche angesagt? Oder öffnet sich die traditionelle Finanzbranche für den Wandel? Schreiben Sie uns an redaktion@wallstreetjournal.de

[image]

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Verkehr

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 28. Juli

    Sicherheitskontrollen und Süßigkeiten zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Ein Boxschlag, der Gesichstzüge entgleisen lässt. Eine Feuersbrunst, die eine ganze Stadt bedroht. Dieses und mehr zeigen unsere Bilder des Tages.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städte die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.

Erwähnte Unternehmen