• The Wall Street Journal

Mein Bett, mein Arbeitsplatz

    Von SUE SHELLENBARGER

More mobile, wireless devices means more people are working from bed. A comfortable idea in theory is not so good for people in practice, as productivity expert Laura Stack and WSJ's Sue Shellenbarger explain on Lunch Break.

Ist man tatsächlich produktiver, wenn man es sich mit seinem Laptop auf dem Bett gemütlich macht, als wenn man am Schreibtisch sitzt? Zumindest gemütlicher dürfte es sein, oder?

Forscher haben das Verhalten einer neuen Generation untersucht, die beim Arbeiten mit mobilen Geräten gerne auch auf Kissen ausweicht und es sich gerne auch in der so genannten Fötusstellung bequem macht.

Die Hälfte der 1.000 Befragten gab an, dass sie im Bett dienstliche Mails lesen und auch beantworten. Das geht aus den Daten hervor, die Good Technology, eine Firma für mobile Sicherheitslösungen aus Sunnyvale in Kalifornien, in den USA erhoben hat. Eine andere Studie unter 329 arbeitenden Briten kam zu dem Ergebnis, dass fast jeder fünfte Angestellte zwischen zwei und zehn Stunden pro Woche damit verbringt, vom Bett aus zu arbeiten. Zu diesem Resultat kam Credant Technologies 2009, eine Datensicherheitsfirma aus London.

Die Beweggründe sind unterschiedlich. Wie die Untersuchungen zeigen, wollen einige Bettarbeiter bei ihren E-Mails auf dem Laufenden bleiben und auch Kunden und Mitarbeitern in anderen Zeitzonen möglichst schnell eine Antwort schicken. Ein 37-jähriger Teilnehmer antwortete 2012 in einer Umfrage von Infosecurity Europe zu dem Thema: „Wenn man mit Menschen in der ganzen Welt zusammenarbeitet, lässt sich das [Arbeiten im Bett] kaum vermeiden."

Laura Stack bringt Menschen in Trainings und Vorträgen Produktivität bei. Sie berichtet, dass sie in den vergangenen zehn Jahren die Zahl ihrer Klienten verdoppelt habe, die von ihrem Schlafplatz aus arbeiten. Viele glauben, sie seien dann produktiver. Häufiger sei es jedoch eine willkommene Entschuldigung dafür, später während des Arbeitstages anderweitig Zeit zu verplempern. „Sie glauben, ‚ich arbeite einfach ein paar Stunden von zuhause vom Bett aus, damit ich dann im Büro Facebook abrufen und Tickets für den nächsten Urlaub buchen kann'", sagt Stack. Sie rät ihren Klienten, während der Arbeitszeit effizienter zu arbeiten und im Schlafzimmer auf alles andere zu verzichten, außer auf Schlaf und Sex.

Produktivität zwischen Kissen

Immer mehr Unternehmen versprechen ihren Kunden, Arbeiten im Bett gemütlicher und gesünder zu machen.

Reverie

Doppeltes Geschäft: Ein zweigeteiltes und separat einstellbares Bett von Reverie hat sogar eingebaute Steckdosen. Während der eine schläft, kann der andere arbeiten. Preislich geht es bei 5.999 US-Dollar los.

Ikea

Der weiche Tisch: Mit dem Laptophalter von IKEA zirkuliert die Luft unter dem Notebook besser als auf den Beinen. Der Preis: 14,99 Euro.

Furinno;

Der Laptop-Ständer: Der einklappbare Laptop-Ständer von Furinno hilft gegen Nackenstarre. Der Preis: 62 Dollar bei Amazon.com.

Steelcase

Pseudo-Betten fürs Büro: Der Büromöbelausstatter Steelcase verspricht produktives Arbeiten im Liegen.

Levenger;

Surfen wie ein Ägypter: Dieses pyramidenförmige Kissen gibt es für 39 Dollar bei levenger.com. Mit ihm kann man im Bett nicht nur das Tablet hochkant stellen, sondern auch Stifte lagern, damit sie nicht zwischen den Kissen verloren gehen.

Andere sind so abhängig von ihren mobilen Geräten, dass sie sich schlecht fühlen, wenn sie sie ausschalten. Für viele ist die Arbeit im Bett ein weiterer Schritt, „von der Technologie überrannt zu werden", sagt Daniel Sieberg, ein ehemaliger Technologie-Journalist und Autor des Buches „The Digital Diet". In dem 2011 erschienenen Werk geht Sieberg darauf ein, wie er seine eigene Sucht nach den Geräten überwunden hat.

„Meine Frau hatte einen Spitznamen für mich. Sie nannte mich Glühwürmchen, weil mein Gesicht im Bett immer von irgendeinem Bildschirm beleuchtet wurde", sagt er. „Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass es der Intimität kaum förderlich ist, wenn man die ganze Zeit auf einen Laptop oder ein Smartphone blickt." Mittlerweile ist sein Schlafzimmer eine Geräte-freie Zone. Die Ladekabel befinden sich an einem anderen Platz im Haus. Statt vom Smartphone lässt er sich von einem Wecker wecken. Wie die Credant-Studie zeigte, fanden mehr als die Hälfte der Menschen, deren Partner im Bett arbeiten, diese Angewohnheit störend.

Marktforschungen von Reverie, einem Hersteller von anpassbaren Betten aus Massachusetts, haben ergeben, dass bis zu 80 Prozent der jungen Geschäftspersonen in New York City regelmäßig vom Bett aus arbeiten. Das berichtet Reverie-Chef Martin Rawls-Meehan. Seine Firma tut darum alles, um das Image von verstellbaren Betten zu verbessern. Denn noch verbinden viele vor allem Krankenhäuser damit. Nun will man jedoch auch junge Kunden gewinnen. Sie sollen von den Vorzügen, die ein erhöhtes Bett-Teil beim Fernsehen oder Arbeiten haben kann, überzeugt werden.

Steckdosen im Bett verbaut

Reverie bietet seinen Kunden auch Steckdosen an, die in die Betten eingebaut sind. Dort können Lampen angeschlossen, aber auch Laptops und Fernseher mit Strom versorgt werden. Sowohl die Stromversorgung, aber auch die Stellung der Matratze können mit einer Fernbedienung gesteuert werden. Selbst mit Smartphone und Tablet lässt sich eingreifen – per eingebautem Bluetooth und WLAN.

David Spiegel hatte es lange vermieden, vom Bett aus zu arbeiten. Er fand es einfach nicht bequem. Doch seit er vor sechs Monaten ein verstellbares Modell von Reverie gekauft hat, checkt der Anwalt aus Chicago jetzt regelmäßig seine Mails und antwortet auch, bevor er die Augen schließt. Erhöhte Kopf- und Fußenden beugten Rückenschmerzen vor, sagt er. Außerdem würde ihm das abendliche Ritual dabei helfen, auf dem neuesten Stand zu sein. „Dann kann ich sicher sein, dass ich vorbereitet in den nächsten Tag gehe."

E.S. Kluft & Co. aus dem kalifornischen Rancho Cucamonga ist Hersteller von Luxusbetten. Das Unternehmen hat gerade ein riesiges Bett herausgebracht, das mit 213 mal 213 Zentimetern 16 Prozent größer ist als ein normales Doppelbett. Ein spezielles Modell kommt mit anpassbaren Seiten. Damit könnten Paare die Fläche zum Auslegen von Papieren nutzen und vom Bett aus arbeiten, sagt Firmenchef Earl Kluft. Eine neue Werbeanzeige zeigt ein Pärchen, das Seite an Seite auf einen Laptop blickt. Das Bett wird als „ein Ort der Zusammenkunft, ein Arbeitsplatz, eine Komfortzone für Paare" angepriesen, erklärt Kluft.

Flexible Sitzgelegenheiten von Steelcase

Steelcase ist ein Hersteller von Büromöbeln aus Grand Rapids in Michigan. Das Unternehmen hat die veränderten Arbeitsgewohnheiten von jungen Menschen untersucht, die zwischen 1978 und 1990 und teilweise noch später geboren wurden. Vor kurzem hat die Firma eine Reihe tief liegender Stühle mit Kopfteil und Kissen vorgestellt, die vom Aussehen her gut in eine Lounge passen würden. Man kann sich auf ihnen zurücklehnen und sich ausruhen, während man sich gleichzeitig mit Kollegen unterhält. Das Unternehmen hofft, dass weitere Arbeitgeber auf das Konzept aufspringen und vielleicht ein oder zwei Arbeitsnischen mit den flexiblen Sitzgelegenheiten ersetzen. „Vielleicht sagen die Angestellten dann, ‚ich arbeite lieber dort, als zuhause von meinem Bett'", sagt James Ludwig. Er ist bei Steelcase für das Design verantwortlich.

Arbeitswissenschaftler schaudern bei dem Gedanken an den neuen Trend. Sieberg berichtet, dass viele Menschen, die mit ihrem Laptop oder Tablet vom Bett aus arbeiten, unter einem verspannten Rücken leiden. Schließlich müssen sie ihre Körper häufig verbiegen. Immer wieder müssen sie sich aufrichten, auf ihre Ellenbogen stützen oder im Bett herumrollen, auf der Suche nach einer bequemen Position. Natürlich ist eine zwischenzeitliche Benutzung des Smartphones oder Tablets längst nicht so anstrengend wie exzessives Multitasking mit einem Laptop. Doch auch die Arbeit mit mobilen Geräten im Bett, die länger als eine Stunde dauert, kann Schmerzen und Qualen verursachen. Denn wenn der Kopf zu stark nach vorne gebeugt ist oder die Arme und Hände sich in einer merkwürdigen Position befinden, dann sind Verspannungen häufig nicht weit.

Nacken nicht stärker als 15 Grad neigen

Don Chaffin ist emeritierter Direktor des Zentrums für Arbeitswissenschaften der Universität von Michigan. Er empfiehlt eine abnehmbare Tastatur, die auf einem Kissen oder Beintisch liegen sollte. Der Bildschirm würde im Bestfall auf Augenhöhe liegen – vielleicht auf einem rollbaren Tisch oder einem ausfahrbaren Arm. Wichtig sei, dass der Nacken nicht stärker als 15 Grad geneigt werden muss. Ein Lendenkissen für den Rücken und noch mehr Kissen für die Beine könnten ebenfalls Muskeln entlasten, sagt Chaffin. Außerdem sollten die Bettarbeiter regelmäßig aufstehen und herumlaufen.

Und dann gibt es da natürlich den Schlaf. Auch der kann unter der Arbeit im Bett leiden. Russell Rosenberg ist Vorsitzender der Nationalen Schlafstiftung. Er berichtet, dass das Licht von Bildschirmen das Schlafhormon Melatonin unterdrücken kann. Und die Angewohnheit, im Bett zu arbeiten, könne „die Verbindung, die zwischen Schlaf und Schlafzimmer besteht, zerstören". Schlaflosigkeit könne durchaus die Folge sein.

Abseits aller negativen Punkte gibt es jedoch auch die, die glauben, ihre beste Arbeit im Bett zu machen. Der Pulitzerpreisträger Charles Simic sagt, er habe einen „schockierend großen Teil" seiner 19 Bücher im Durcheinander seiner Bettlaken geschrieben. Selbst als man ihm ein Büro gab, von dem aus er über die Hauptstadt blicken konnte, habe er sein Bett weiterhin bevorzugt. „Da fließt es einfach besser", sagt er.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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