• The Wall Street Journal

Malaria hält in Griechenland wieder Einzug

    Von ALKMAN GRANITSAS

Manolis Giannakakos erinnert sich nicht daran, wie er ins Krankenhaus gekommen ist. Er erinnert sich nur an einen scharfen Schmerz, der sich anfühlte, als habe jemand eine Schraube in seinen Schädel gedreht. Dann kamen kalte Schauer und Fieberwahn.

Ärzte erklärten dem 56-jährigen Mathematiklehrer aus einem kleinen Dorf nahe Sparta, dass er eine gefährliche Krankheit habe, die in Griechenland schon 1974 weitgehend ausgerottet wurde: Malaria.

„Als ich in der Grundschule war, war das noch ein großes Problem", sagt Giannakakos. „Nie im Leben glaubte ich, dass das wiederkehren könnte."

dapd

Krankenschwestern demonstrieren vor dem Gesundheitsministerium in Athen. Viele haben seit Monaten kein Gehalt bekommen. Die Finanzkrise lastet schwer auf dem griechischen Gesundheitssystem.

In den vergangenen zwei Jahren gab es in Griechenland über 50 Fälle der Krankheit, die von Stechmücken übertragen wird. In weiteren 100 Fällen wurde die Krankheit eingeschleppt. Bisher ist niemand daran gestorben, doch die Krankheit kann extrem schwächend sein und in den Jahren nach dem ersten Ausbruch immer wieder auftreten.

Die Rückkehr von Malaria, einer Alltagsplage in Entwicklungsländern, ist ein erschreckendes Anzeichen für den Niedergang des Landes, seit es 2009 unter seiner Schuldenlast zusammengebrach. Seitdem hat Griechenland Jahrzehnte des medizinischen Fortschritts wieder verloren. Eine Flut von illegalen Einwanderern kommt ins Land, die Regierung funktioniert nur schlecht und Ausgabenkürzungen zerstören das ehemals gut laufende Gesundheitssystem.

Von Krebsmedikamenten bis zu Spritzen mangelt es an allem. Ärzte und Krankenschwestern werden nicht bezahlt. Und Anstrengungen, ansteckende Krankheiten zu isolieren, fruchten nicht. Neben Malaria fürchten sich Gesundheitsexperten auch vor steigenden Raten bei ansteckenden Erkrankungen der Atemwege, Hautkrankheiten, Tuberkulose und HIV.

Studien zeigen, dass bis zu ein Drittel der Griechen sich die Medikamente und Tests nicht mehr leisten kann, die ihnen Ärzte verschreiben. Routineuntersuchungen und Impfungen für Kinder werden immer seltener vorgenommen.

Die Stadt Skala liegt nahe einer sumpfigen Ebene, wo der Fluss Evrota ins Ägäische Meer mündet. Das Wasser ernährt die durstigen Orangenhaine, doch der Sumpf ist auch ein idealer Brutplatz für Moskitos und Malariamücken.

Seit Jahren zieht Skala Einwanderer an, die bei der Orangen- und Olivenernte im Sommer und Herbst helfen. Kürzlich sind Arbeiter aus Afghanistan, Pakistan und Bangladesch gekommen. In all diesen Ländern ist Malaria weit verbreitet.

Die Politik schätzt, dass sich 1.500 bis 3.000 Einwanderer – etwa 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung der Stadt – in Häuser, Schuppen, Zeltstädte und verlassene Scheunen in Skala und der Umgebung drängen.

Noch ist unklar, wer den Parasiten wieder eingeschleppt hat, der sich jetzt in Evrota verbreitet. Epidemiologen glauben, dass Moskitos wahrscheinlich einen infizierten Einwanderer gebissen haben und die Krankheit dann an andere weitergaben.

Die griechische Regierung hat nur langsam auf die ersten Fälle reagiert. Der Seuchenschutz schritt erst ein, als die Krankheit schon lang um sich griff. Der Bürgermeister Jannis Gripiotis, ein ausgebildeter Arzt, sagt, er habe Hilfe aus Athen angefordert, als 2008 die ersten Fälle von Malaria entdeckt wurden. Doch anstatt etwas zu unternehmen, sagt Gripiotis, habe die Regierung nur versucht, „das Ganze zu vertuschen. Sie nannten mich verrückt". Die Seuchenschutzbehörde in Griechenland streitet ab, dass sie etwas verheimlichen wollte. In dem Jahr habe es weder Malariafälle noch Warnungen vor der Krankheit gegeben.

2011 stieg die Zahl der Malariafälle sprunghaft an

In den folgenden Jahren wurden einige Malariafälle in der Region festgestellt. 2011 stieg die Zahl sprunghaft an. Bei 57 Menschen wurde die Krankheit diagnostiziert. 34 von ihnen hätten sich nicht im Ausland, sondern in Skala angesteckt, bestätigten Ärzte. Im gleichen Jahr wurden 40 Fälle einer Infizierung mit Plasmodium Vivax entdeckt, dem Parasiten, der hinter dem Ausbruch steckt. Die Erkrankten lebten in fünf unterschiedlichen Regionen und waren nicht in Länder gereist, in denen Malaria heimisch ist.

Als endlich Alarm geschlagen wurde, rächte sich die Wirtschaftskrise des Landes am öffentlichen Gesundheitssystem. Um die Forderungen der Geldgeber zu erfüllen, kürzte Athen die Budgets der regionalen Regierungen in den vergangenen drei Jahren um 60 Prozent und bürdete ihnen noch mehr Verantwortung für die Gesundheitsversorgung auf.

Die Provinzregierungen, die ehemals Malaria bekämpften, indem sie Insektizide sprühten, die Moskitolarven töteten, wurden 2011 abgeschafft. Wer diese Aufgabe in Zukunft erfüllen würde, blieb ungeklärt. Kaum jemand kümmerte sich darum, da ohnehin an allen Ecken Geld fehlte.

Bürgermeister bittet die Zentralregierung um Geld

In den vergangenen zwei Jahren hat Bürgermeister Gripiotis die Zentralregierung um Geld gebeten, um die örtliche Moskitopopulation zu erforschen, Untersuchungen für die Bevölkerung zu finanzieren und Insektizide zu sprühen. Er habe jedoch nie eine Antwort erhalten. Dieses Jahr hat er 300.000 Euro seines eigenen Budgets ausgegeben, um die Larven zu bekämpfen und wird das wohl auch im kommenden Jahr tun. „Ich werde das Geld schon irgendwie auftreiben", sagt er. „Das ist kein lokales Problem, das ist eine Schande für Griechenland."

Auf Anfragen des Wall Street Journal sagte Gesundheitsminister Andreas Lycourentzos, dass er dieses Jahr Geld für die Stadt finden werde, um den Malaria-Ausbruch zu bekämpfen.

Langsam nimmt die Verbreitung der Krankheit ab. Seit der Seuchenschutz von Tür zu Tür geht und Malaria-Tests macht, sind die Krankheitsfälle in Evrota von 34 im vergangenen Jahr auf acht in diesem Jahr gefallen. Außerdem hat die Behörde einen Dreijahresplan zur Bekämpfung von Malaria entwickelt.

Doch weil sich die Krankheit auch auf andere Gebiete des Landes ausgebreitet hat, dürfte es Jahre dauern, bis Malaria wieder ausgerottet ist, heißt es bei den Behörden. Die Vereinigung Ärzte ohne Grenzen, die meist in Entwicklungsländern arbeitet, denkt darüber nach, in der griechischen Hauptstadt tätig zu werden. In Athen sei die Malaria-Gefahr nicht zu unterschätzen: Tausende Einwanderer wohnen dort auf engem Raum unter schlechten sanitären Bedingungen und ohne Zugang zu Gesundheitsversorgung.

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