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Silicon Prairie statt Valley - Start-ups ziehen nach Kansas City

    Von JACK NICAS
Steve Hebert for The Wall Street Journal

Im "Hacker Haus" in Kansas City lässt Web-Entwickler und Hausbesitzer Ben Barreth junge Gründer umsonst wohnen. Sie können dort an ihren Start-ups basteln.

KANSAS CITY, Kansas - Nur eine Straße weiter vom beschaulichen Antiquitätenbezirk von Kansas City will eine Gruppe von Unternehmern und Programmierern ein kleines Silicon Valley gründen. Denn seit Dienstag gibt es dort die schnellste Internetverbindung der Welt.

Rückblick: Nur einen Steinwurf Richtung Süden entfernt von der medizinischen Fakultät der Universität von Kansas hatte Google zwei Wohngebiete namens Spring Valley und Hanover Heights als Pionierviertel für das Google Fiber Projekt ausgewählt: Sie sollten als erste Nachbarschaft eine Glasfaser-Breitband-Verbindung erhalten, die die Internetverbindung um bis zu 150 Mal schneller laufen lässt als in einem durchschnittlichen US-Haushalt.

Seit dieser Ankündigung im vergangenen September haben sich eine Handvoll örtlicher Technologieexperten zusammengetan, um den Antiquitätenbezirk in das „Start-up-Dorf" von Kansas City zu verwandeln. Als Google am Dienstag begann, die Kabel zu legen, waren bereits gut ein Dutzend Firmengründer in der Gegend eingezogen. Eine Firma will Suchmaschinen für Daten aus Sozialen Netzwerken bauen, eine andere will Sicherheitssoftware für Smartphones entwickeln, die den Nutzer anhand der Venenmuster in den Augen erkennt.

„Eine solche Bewegung gab es schon", sagt Adam Arredondo, 28, der von einem Keller aus eine Internetseite über örtliche Veranstaltungen betreibt. „Google Fiber war nur der Beschleuniger."

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind einige wenige Städte zu Start-up-Zentren geworden, so wie Seattle, Boston und Austin (Texas).

Die Erfindung der Silicon Prairie

Im Herzen des Landes entsteht jetzt außerdem etwas, das Unternehmer Silicon Prairie nennen - und das in drei Städten, die eher für ihre landwirtschaftlichen Wurzeln bekannt sind: Omaha (Nebraska), Des Moines (Iowa) und Kansas City. Die Stadt im Bundesstaat Kansas liegt direkt am Missouri River, der gleichzeitig die Grenze des Staates bildet – Auf der anderen Seite des Flusses erstreckt sich die gleichnamige Stadt Kansas City in Missouri, übrigens mit rund 460.000 Einwohnern deutlich größer als die Namensvetterin in Kansas (146.000 Einwohner). Die Metropolregion Kansas City, sagen die Bürgermeister der beiden Städte, soll „Amerikas unternehmerischste Stadt" werden.

Ein Teil ihrer Strategie ist, in beiden Städten die Ansiedlung von Tech-Start-ups zu fördern, damit es irgendwann zu einer höheren Dichte an Start-ups kommt, die wiederum mehr Firmengründer anlocken soll. Vorbilder gibt es genug. In New York City zum Beispiel hat sich die Gegend um den Union Square in Manhattan zu einem Knotenpunkt für neue Firmen entwickelt. In Boston und Cambridge (Massachusetts) haben sich etliche Start-ups in den Häusern entlang einer U-Bahnlinie angesiedelt, die an der Harvard University und am Massachusetts Institute of Technology vorbeifährt. Im größten Gebäude von Chicago, im Merchandise Mart von 1930, wimmelt es von jungen Technologie-Firmen.

„Eine unternehmerische Dichte ist extrem wichtig", sagt Brad Feld, ein Risikokapitalgeber, der ein Buch über neue Start-up-Zentren geschrieben hat.

In Des Moines haben sich Dutzende von Start-ups an der „Silicon Sixth Avenue" angesiedelt. In der Innenstadt von Omaha haben sich die neuen Tech-Firmen in dem Bürogebäude „Mastercraft" verteilt.

In Kansas City testen mit Laptops bewehrte Männer und Frauen mit Hilfe von Geldgebern wie Feld diese Strategie jetzt aus; wichtige Komponente: das ultraschnelle Internet, das innerhalb weniger Minuten riesige Datenmengen übertragen kann, Filme in HD-Qualität beispielsweise. Mit anderen Verbindungen würde das Stunden dauern.

Web-Entwickler wird zum WG-Vater für Start-ups

Im September hat der Web-Entwickler Ben Barreth eine Internetseite aufgebaut, die Programmierern bei der Suche nach einer kostenlosen Unterkunft in Kansas City hilft. Damit will er sicherstellen, dass der Ort von Google Fiber so viel wie möglich profitieren kann. Dann kündigte Google an, dass der Dienst den größten Teil der Stadt erst 2013 erreichen werde. „Da habe ich zu meiner Frau gesagt, ‚Warum kaufen wir kein Haus in Hanover Heights?'. Wir lachten beide und fanden es albern", sagt Barreth. „Das war am Mittwochmorgen. Am Sonntag gaben wir ein Angebot für ein Haus ab."

Der 34-Jährige machte sein Pensionskonto zu Bargeld und kaufte ein älteres Vier-Zimmer-Haus für 50.000 Dollar, um dort Start-ups unterzubringen. Programmierer könnten dort wohnen und ein Internetunternehmen aufbauen, und das mietfrei.

„Ich glaube wirklich, dass ich das tun muss", sagt Barreth, der schon jetzt weiß, dass er bei diesem Plan Geld verlieren wird. Doch er sieht seine Unternehmung eher als wohltätige Aktion. „Anderen mag das etwas verrückt erscheinen, aber ich sehe darin einen echten Mehrwert."

Barreth merkte schnell, dass sechs Häuser weiter ebenfalls Start-ups einzogen. Matthew Marcus hatte den Antiquitätenladen seiner verstorbenen Mutter in ein Büro für drei neue Unternehmen verwandelt. Auf der anderen Straßenseite haben sich zwei weitere Start-ups niedergelassen, ein drittes könnte bald folgen.

Der bunt zusammengewürfelte Haufen spürte die einzigartige Chance, die ihnen das Glasfaserinternet bot. Sie taten sich mit der Ewing Marion Kauffman Foundation zusammen, einer finanzstarken unternehmerischen Stiftung, die ihren Sitz nur drei Kilometer entfernt von der Start-up-Straße hat. Gemeinsam gründeten sie das erste Start-up-Dorf der Stadt.

„Silicon Valley und Boston sind langsam übersättigt"

Die Gruppe trifft sich wöchentlich, auch mit Vertretern von Google und der Stadt, um verfügbare Immobilien zu finden. Ende vergangenen Monats sprachen sie über hundert tech-affine Menschen bei einer Veranstaltung der Kauffman Foundation an: „Wenn Sie ein Start-up gründen wollen, tun Sie es in Hanover Heights!". Die Idee kam gut an. Jetzt muss die Gruppe in der Nachbarschaft Platz für rund ein Dutzend weitere Firmengründungen finden.

Barreth bekommt inzwischen Bewerbungen aus dem ganzen Land. Die Firmengründer wollen in sein Haus einziehen. Mike Demarais, 20-jähriger Technologieexperte aus Boston, ist vergangenen Monat eingezogen und arbeitet zurzeit an einer Software-Plattform, mit deren Hilfe man Produkte für 3D-Drucker entwickeln kann.

„Silicon Valley und Boston sind langsam übersättigt", sagt Demarais. Viele Jungunternehmer könnten es sich nicht leisten, dort zu leben. Aber mit ein paar hundert Dollar können sie ihre eigenen Internetunternehmen gründen. „Und das hier scheint dafür ein cooler Ort zu sein."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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