• The Wall Street Journal

Die Europa-Probleme des Carlos Slim

    Von RENÉE SCHULTES

Carlos Slim wäre nicht zum reichsten Mann der Welt geworden, hätte er nicht an der einen oder anderen Stelle ein Schnäppchen gerochen. Aber seine Bemühungen auf dem europäischen Telekomsektor haben sich bisher als wenig fruchtbar erwiesen. Die Aktien des niederländischen Mobilfunkbetreibers KPN haben 46 Prozent an Wert verloren, seit der Telekomgigant América Móvil im Mai einen Anteil von 27,7 Prozent übernommen hat. Nicht besser ist das Bild bei Telekom Austria, an der Slim 22,8 Prozent hält. Hier beträgt das Minus 38 Prozent. Wird er sein Geld jemals wiedersehen?

Auf dem Papier schien Slim bei KPN nicht viel falsch machen zu können. Sein Angebot bewertete das Unternehmen mit dem 4,4-Fachen des langfristigen Gewinns vor Steuern und Abschreibungen. Für vergleichbare Transaktionen im Telekomsektor sei im Schnitt das 7,2-Fache des Ebitda hingelegt werden, heißt es in einer KPN-Präsentation.

Reuters

Carlos Slim: Sein Einstieg bei Telekomkonzernen in Europa hat sich für den Mexikaner bisher nicht ausgezahlt - im Gegenteil.

Am Kurs-Gewinn-Verhältnis hat sich seither auch kaum etwas verändert, da die Gewinne fallen. Für das laufende Jahr erwartet KPN ein Ebitda von 4,7 bis 4,9 Milliarden Euro. Das wäre ein Minus zwischen sieben und elf Prozent im Vergleich zu 2011.

Das Problem von KPN besteht darin, dass das Unternehmen zwei Milliarden Euro im Jahr in seine Kabel- und Mobilfunknetze stecken muss. Und das bei einer Nettoverschuldung, die bereits 12,4 Milliarden Euro erreicht hat, was dem 2,7-Fachen des Ebitda entspricht.

Telekom Austria sieht etwas besser aus

Besserung ist nicht in Sicht. Für 2013 erwarten Analysten einen weiteren Ergebnisrückgang auf 4,59 Milliarden Euro. Und selbst wenn KPN die Dividende beschneiden würde, brächte das nur eine Ersparnis von etwa 500 Millionen Euro. Damit steht das Unternehmen vor der Wahl, ob es sein Kapital erhöhen soll – womöglich mittels Wandelanleihen – oder, wie der Vorstand diese Woche warnte – eine Rating-Herabstufung um eine Stufe in Kauf nimmt. KPN stünde dann unmittelbar an der Grenze zum „Ramsch"-Niveau und müsste höhere Refinanzierungskosten stemmen. Keiner der beiden Wege dürfte den Anlegern gefallen.

Geringfügig besser sind die Aussichten für Slim bei Telekom Austria. Wie bei KPN hatte er auch hier damit gerechnet, dass er seinen Anteil sehr günstig erwirbt. Nach Schätzungen von HSBC bewertete sein Angebot das Unternehmen mit dem 5,2-Fachen des für 2012 erwarteten Ebitda. Doch der Wettbewerb auf Österreichs Mobilfunkmarkt, auf dem vier Netzbetreiber um eine Bevölkerung buhlen, die der des Großraums London entspricht, hat sich verschärft. Im August sah sich Telekom Austria daher zu einer Gewinnwarnung gezwungen. Um das Rating nicht zu gefährden, kappte das Unternehmen seine Dividende im darauffolgenden Monat für die nächsten zwei Jahre auf nur noch fünf Cent je Aktie.

Die Gewinne von Telekom Austria dürften jedoch bald die Talsohle erreicht haben. Der Verkauf von Breitbandpaketen, die Festnetz, Mobilfunk und Fernsehen vereinen, kann den Rückgang bei den Mobilumsätzen in Teilen kompensieren. Hinzu kommen Kostensenkungen in Österreich, die dem Unternehmen bereits im dritten Quartal geholfen haben, den Abwärtstrend des Ebitda zu stoppen. Und im kommenden Monat wird Brüssel entscheiden, ob die Nummer drei und vier auf dem österreichischen Markt – „3" und Orange – fusionieren dürfen. Die Konsolidierung könnte es Telekom Austria erlauben, die Handy-Subventionen zurückzufahren. Sollte es an dieser Front gute Nachrichten geben, sähe Telekom Austria mit einem KGV von vier auf Basis der Konsenserwartung für das 2012er Ebitda tatsächlich günstig aus.

Carlos Slim könnte das etwas Entspannung bringen. Bis er mit seinem europäischen Abenteuer die Gewinnzone erreichen wird, dürfte trotzdem noch ein langer Weg vor ihm liegen.

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