• The Wall Street Journal

Was passiert, wenn Europas Herz versagt?

    Von STEPHEN FIDLER

Wichtige Vordenker in Europa fürchten ein Herzversagen der Eurozone. In der Frühphase der Staatsschuldenkrise hatten viele noch diese Möglichkeiten heruntergespielt. Sie sahen die Krise als temporäres Phänomen, das wenig bis gar keine langfristigen geopolitischen Auswirkungen haben würde. Doch jetzt zieht sich das Elend schon so lange hin, das weitgehende Umwälzungen unvermeidlich erscheinen.

Große Teile der Währungsunion leiden unter sinkendem Wachstum, einige stecken in der Rezession. Die Zweifel wachsen, ob die Europäische Union diese Spannungen verkraften kann. Doch schon jetzt sind der zögerliche Kurs der EU und das Geschachere der Politiker weitere Beweise dafür, dass Europa in der Welt an Einfluss verliert.

Reuters/Rafael Marchante

Ein Graffiti in Portugal zeigt Angela Merkel als Europas Puppenspielerin. Eine von Deutschland dominierte "Kontinentalsperre" ist ein mögliches Zukunftsszenario.

In der außenpolitischen Fachzeitschrift Survival diagnostiziert François Heisbourg, Sonderberater des Pariser Thinktanks FRS, „Herzversagen" als Ursache des Zusammenbruchs von Nationenbünden. Darunter versteht er die mangelnde Bereitschaft eines Zentrums, sich mit den Problemen der Peripherie auseinander zu setzen. Das führe langfristig zum Tod.

Seine Beispiele: Österreich-Ungarn und die Sowjetunion sind zerfallen. Die Vereinigten Staaten dagegen hätten überlebt, weil der Norden der USA den abtrünnigen Südstaaten Zugeständnisse machte.

Europas Bedeutung sinkt

In dem Artikel nennt Heisbourg vier mögliche Szenarien für Europas strategische Zukunft: Weiteres Geschachere, eine engere Union, eine Abspaltung von Ländern wie Griechenland vom Euro und einen kompletten Zusammenbruch der Eurozone. Jede dieser Möglichkeiten würde große strategische Änderungen mit sich bringen.

Laut Heisbourg hat Europa viel Dusel in seinem bisherigen Krisenkurs gehabt. Aber mit der Wirtschaft in der Rezession und der Vergiftung des politischen Klimas wird die Lage jeden Monat riskanter. „Unser Glück ist wohl bald aufgebraucht", sagt er. „Ich wäre sehr überrascht, wenn es 2013 keine Unglücke gibt."

Selbst wenn es nicht zum großen Knall kommt, lässt das ständige Ringen mit der Krise und die zögerlichen Schritte seiner Spitzenpolitiker Europas Bedeutung in der Welt sinken. Wirtschaftskommissar Olli Rehn hat das schon im August eingestanden: „Europas Stellung in der Weltwirtschaft sinkt", sagte er.

Und während die Wirtschaft stagniert, gewinnen in Europa radikale Kräfte an Auftrieb. Der Traum von Europa-Befürwortern – zu denen übrigens auch François Heisbourg zählt – ist es, dass demokratisch legitimierte Institutionen geschaffen werden, die die Konstruktionsfehler der Währungsunion ausbügeln. Aber das erscheint zusehends unwahrscheinlicher, denn die Unterstützung in der Bevölkerung fehlt. Zudem würde eine solche Entwicklung wohl den EU-Austritt Großbritanniens und anderer Länder auslösen.

Schon jetzt ist für Heisbourg der Graben zwischen London und Brüssel „beeindruckend" groß. „Wenn man übergeordnete Institutionen einführt, dann bewegt man sich auf ein strategisch geteiltes Europa zu", sagt er. Auf der einen Seite stünden die Briten als nahe Verbündete der USA in Fragen der Sicherheitspolitik, auf der anderen eine „Kontinentalsperre". Napoleon hat diesen Begriff zwar geprägt; angeführt würde ein solcher Block aber wohl von Deutschland. Das wäre eine unbefriedigende Lage für Frankreich, dessen strategische Ziele bei allen sonstigen Differenzen große Gemeinsamkeiten mit denen der Briten aufweisen.

Totalzerfall hätte anabsehbare Konsequenzen

In Heisbourgs drittem Szenario rauft sich ein Kerneuropa zusammen, in der Peripherie verlassen aber eines oder mehrere Ländern den Euro. Selbst wenn man Probleme wie eine Ansteckung auf andere Länder auf den Finanzmärkten beiseite lässt, wirft das strategische Fragen auf. Griechenland ist zwar klein, hat sich aber in der Geschichte als geopolitisch wichtig erwiesen, im Gegensatz zu Portugal oder Irland.

Doch Griechenland liegt am Boden. Wenn der Abwärtskurs der Wirtschaft wie erwartet erst 2014 gestoppt würde, hätte das den Prognosen zufolge das Land ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung gekostet. Heisbourg fürchtet, dass es vorher zu einem „Regimewechsel" kommen könnte. Anarchie oder eine Machtübernahme des Militärs oder poltischer Extremisten würde weitgehende Folgen haben.

Die weitere Integration der Balkanländer in die EU wäre wohl gestoppt, mit Kroatien als möglicher Ausnahme. Wenn ihr der Weg nach Europa versperrt wäre, würde die Region an Stabilität verlieren. Die Energiesicherheit Europas wäre in Gefahr. Das könnte die Bühne für andere Akteure bereiten: Russland etwa, das schon in Zypern an Einfluss gewinnt, oder China. Wie es dann weitergeht, sagt Heisbourg, entscheide sich an der Führungsqualität in der EU, besonders in Deutschland.

Und dann gibt es noch das vierte Szenario, bei dem der Euro ganz auseinanderbricht. Kurzfristig würde das eine Depression in Europa und einen globalen Abschwung bedeuten, Handels- und Kapitalschranken würden wieder errichtet. „Das würde eine wirtschaftliche, soziale und wohl politische Zerrüttung darstellen, wie wir sie am ehesten aus den 1930er Jahren kennen."

Was das langfristig für die Sicherheitslage bedeutet, ist völlig unklar. Aus der Asche des Euro würden neue Gewinner und Verlierer Aufsteigen. Ein schwacher Trost ist, dass es im Gegensatz zum 20. Jahrhundert keine Militärmacht gibt, die sich die Vorherrschaft in Europa sichern will.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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