• The Wall Street Journal

Angriff auf das Box-Imperium

    Von THOMAS MERSCH und STEFAN MERX
dapd

Wladimir Klitschko vor seinem Kampf gegen Mariusz Wach: Einige wenige Spitzenboxer kassieren den Großteil der Einnahmen - das soll sich ändern.

Das Jobangebot klang nach „once in a lifetime", sagt Uwe Alten. „Wann hast du schon mal die Chance, einen olympischen Sport neu zu gestalten?" Der Frankfurter Marketingprofi griff zu - und pendelt seit einem Jahr nach Lausanne. Seine Mission: Er soll das Boxbusiness umkrempeln, tiefgreifend und global. Sein Auftraggeber: der Amateurweltverband Aiba, der mit neuen Konzepten in den professionellen Boxsport eindringen will.

Konkurrenz für die Klitschkos & Co.? Darauf läuft es hinaus. Die Stars der Zukunft will Alten mit der Aiba vermarkten. Das Motto: Weniger Zirkus, mehr Sport.

An Gegnern mangelt es nicht: etablierte Profiboxställe, etliche Promotoren und die vier weltgrößten Titelorganisationen WBA, WBC, IBF und WBO. „Denen wollen wir das Geschäft nicht länger allein überlassen", sagt Alten. „Ab Sommer 2013 etablieren wir ein neues, weltumspannendes Individualranking – und organisieren die zugrundeliegenden Kämpfe. Den einzigen Champion küren künftig wir", sagt die Aiba in Anspielung auf die Flut der verschiedenen Weltmeistergürtel der konkurrierenden Boxverbände.

Mit Hochdruck arbeitet die Aiba – sie ist das Pendant zur Fifa im Weltfußball – an neuen fernsehtauglichen Profiboxformaten. Gerade erst startete sie nationale Teamkämpfe - „World Series of Boxing" (WSB) genannt. In dieser Weltliga kämpfen zwölf Nationen mit 220 Boxern in Turnierform bis Mai um den Titel. „Insgesamt schütten wir dabei 5,8 Millionen Euro Preisgeld aus. Da kann man von Amateuren nicht mehr reden", sagt Alten.

Profi-Promoter sehen sich in einer anderen Liga

Deutschland tritt zum Auftakt am Freitag in Mailand in fünf Gewichtsklassen gegen Titelverteidiger Italien an, schon kommende Woche gastiert die Ukraine in Hannover. Es geht wie bei Olympia über nur drei Runden, aber eine wichtige Reglementänderung fällt auf: Die Kämpfer treten ohne Kopfschutz an – sie wollen wiedererkannt werden. Ein Muss für die Vermarktung.

Die ambitionierten Pläne der Aiba kommen nicht überall gut an. Box-Veranstalter Kalle Sauerland sagt: „Ein Amateurboxer kann auch ohne Handschuhe antreten oder im Supermannkostüm. Es bleibt ein Amateurboxer. Mir gefallen die Versuche nicht, aus dem Amateur- einen Profisport zu machen. Und das liegt nicht daran, dass ich das als Bedrohung sehe. Amateurboxen ist ein wunderbarer Sport."

Sauerland macht keinen Hehl daraus, dass seine Boxspektakel, die die ARD für kolportierte 13 Millionen Euro pro Jahr ausstrahlt, für ihn in einer ganz anderen Liga spielen. „Boxen ist und bleibt ein Eventsport. Man braucht die Top-Aushängeschilder, das Boxen lebt davon." Auch die Personalisierung stoße an natürliche Grenzen: „Es ist unmöglich, dass es in Deutschland sechs oder sieben Top-Stars gibt. Das wäre schön, doch der Markt trägt das nicht. Und für die Fans wäre es verwirrend, es anders zu präsentieren", ist Sauerland überzeugt.

Noch teilt sich die heutige Boxwelt strikt in zwei Lager: Zum einen sind da die wenigen Fernseh-Helden mit Einmarschmusik vor ihren 12-Runden-Fights, Millionenbörsen und VIP-Entourage. Irgendwann solch ein Profiboxer zu werden, einer wie Wladimir Klitschko, Arthur Abraham oder Felix Sturm, das ist das Ziel der meisten der 450.000 Vertreter des anderen Lagers – bei der Aiba registrierter Amateure, die sich in den Ligen der Welt durchschlagen.

Das Gros wartet vergeblich auf die Chance zum Kassieren. Diese weniger schillernden Helden aus dem Amateurlager kämpfen – bisher kaum zu erkennen wegen des Plastikkopfschutzes – meist in kurzen Drei-Runden-Gefechten mit anderer Trefferwertung. Ohne Glamour, in Deutschland im Idealfall mäßig besoldet als Sportsoldaten. Eine Olympiateilnahme ist der Höhepunkt ihrer Karriere. Den ganz großen Zahltag erleben sie als Amateure nie.

Die Aiba will den Markt austrocknen

Das soll sich jetzt ändern, verspricht der Weltverband: Mit Kalkül pulverisiert die Aiba die starre Grenze zwischen Amateur- und Profilager, indem sie den Nachwuchs mit festen Einkommen und Boni in die neuen Wettbewerbe lockt. „Die Talente werden erkennen, dass es für sie wesentlich lukrativer ist, im System der Aiba weiterzuboxen. So werden wir den bestehenden Markt verändern", umreißt Alten die Strategie. „Im heutigen System profitieren mehr die Boxställe und nicht die Profiboxer. Da setzen wir an und versuchen, die Talente bei uns zu halten", sagt Alten. „Es wird für die Profiställe schwerer." Kurzum: Die Aiba will den Markt austrocknen.

Nach den Olympischen Spielen von London 2012 sei das bereits geglückt: Kein aktueller Medaillengewinner habe mehr bei einem Promotor unterschrieben, sagt Alten. „In unserer World Series of Boxing kämpfen vier von fünf der verfügbaren Medaillengewinner von London", sagt Alten. Für ihn eine Bestätigung des neuen Aiba-Kurses, eine Alternative anzubieten.

DBV/German Eagles

Stefan Härtel trat 2012 bei Olympia für Deutschland an. Amateuerboxer wie er sollen künftig groß rausgebracht werden.

Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) habe den Reformplänen zugestimmt, sagt Alten. Konsequenz: „2016 wird in Rio de Janeiro nach WSB-Regeln geboxt", sagt Alten. Aller Voraussicht nach fällt so auch der Kopfschutz weg. Und noch eine einschneidende Veränderung wird es geben:„Es dürfen dort erstmals Profis in den Ring steigen", sagt Alten.

Mit dieser Voraussetzung kann die Aiba ihren angestammten Mitgliedern beides bieten: Olympische Ehren alle vier Jahre plus Verdienstmöglichkeiten, wenn sie als Berufsboxer in der Zwischenzeit die neu kreierten Aiba-Wettbewerbe mit Action füllen. Selbst Wladimir Klitschko hatte kürzlich unter diesen Umständen schon Interesse an einer Olympia-Teilnahme in Rio signalisiert.

Felix Sturm fürchtet zu hohe Belastung

Boxprofi Felix Sturm ist dagegen skeptisch. Die Belastung könnte zu hoch sein, fürchtet er: „Man wird die Jungs verbrennen. Bei dem hohen Pensum besteht die Gefahr, dass die Jungs aus reinem Eigeninteresse der Aiba verheizt werden. Natürlich wirtschaften die da in die eigene Tasche", kritisiert der frühere Mittelgewichtsweltmeister, der in Köln neben seiner Profikarriere auch als Boxstall-Mitinhaber ausgesuchte andere Kämpfer promotet.

Sturm hat mit 21 Jahren den Schritt ins Profilager getan – für ihn rechtzeitig: Denn nach 143 Amateurkämpfen habe er kurz vor dem Ausbrennen gestanden. Die Anzahl der Kämpfe, die dadurch nötige permanente Gewichtskontrolle, Crashdiäten und der hohe Reiseaufwand seien an die Substanz gegangen. „Profiboxen ist körperlich besser für die Sportler", sagt Felix Sturm. Auch bezweifelt er, dass die Kämpfer im Aiba-Regime gut genug verdienten, um sich ein Ruhepolster zu erwirtschaften.

dapd

Ex-Weltmeister Felix Sturm: "Profiboxen ist körperlich besser für die Sportler."

Stimmen die Prognosen der Aiba, könnte sich ein Durchschnittsprofi künftig über mindestens 47.000 Euro Jahreseinkommen freuen – hinzu kämen mögliche Gelder aus privaten Werbeverträgen. Die erfolgreichsten 50 Boxer der Welt bekämen je zwei bis drei Millionen Euro im Jahr von der Aiba überwiesen.

Millionen und Macht stehen auf dem Spiel - ein harter Schlagabtausch mit dem Establishment ist damit sicher. „Bis zu den Olympischen Spielen in Rio 2016 wollen wir das Boxen weltweit auf eine neue, saubere Basis gestellt haben", kündigt Alten an. Für ihn geht es auch um die Zukunft und Glaubwürdigkeit des Sports, der heute unter einem „diffusen Image leide und mit Korruption kämpfe". „Das Profiboxen ähnelt inzwischen in seinen Strukturen und dem Showansatz fast dem Wrestling." Wäre Uwe Alten Faustkämpfer, könnten dies die provozierenden Sprüche sein, die man Kontrahenten beim Wiegen zuruft.

Start-up der weltweiten Boxindustrie

Alten ist nicht nur zur Ehrenrettung des Boxerbes angetreten, er führt die Geschäfte der neuen Vermarktungstochter der Aiba. „Wir betrachten uns als Start-up in der weltweiten Boxindustrie." Boxing Marketing Arm (BMA) heißt das Unternehmen mit Stammsitz in Lausanne. Eine Niederlassung in Deutschland gründet Alten dieser Tage, in USA und England ist die BMA schon vertreten. „Es geht uns natürlich auch darum, an die Geldtöpfe zu gelangen. Aber: Um es dann unter den Boxern breiter zu verteilen", sagt Alten.

Der Angriff auf die Geldtöpfe ist von langer Hand vorbereitet: Gemeinsam mit der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG hat Alten einen Businessplan ausgearbeitet, wie unter dem Dach der Aiba künftig auch Profiboxen etabliert und durch TV-Verträge, Sponsoring und Eintrittsgelder monetarisiert werden kann. Auch mit seriös arbeitenden Promotoren sei man im Gespräch über Kooperationen. „Sie haben teilweise Boxer unter Vertrag, die für unser System interessant sein könnten." Fraglich wird sein, ob Promotoren ihre namhaften Kämpfer abtreten werden.

Eine weitere Baustelle ist das Fernsehen. „Wir brauchen Medienpartner, die bereit sind, das Thema und die Athleten auch als Typen nachhaltig mit uns aufzubauen." Man spreche mit einer Vierzahl von Fernsehsendern weltweit. „Es gibt genügend, die Interesse haben", sagt Alten. Mit ARD und ZDF sei die Aiba ebenso im Gespräch wie mit dem Privatsender Sky.

Sky-Sportchef Burkhard Weber hatte bereits Mitte 2011 in einem Interview das Interesse des Bezahlsenders am Inhalt Boxen signalisiert – und auf die Wichtigkeit des deutschen Bezugs hingewiesen. Die Sondierung des Boxmarktes dauert bei Sky seither an. Auf Altstars hat man es offenbar nicht abgesehen. Im kommenden Jahr könnte Bewegung in das Thema Boxen kommen, sagte ein Sky-Sprecher auf Anfrage.

Umverteilung der Einahmen in Richtung Mitte

Und noch etwas braucht die Aiba für die Expansion: einen strategischen Partner. Der Einstieg eines Investors soll dem Vernehmen nach demnächst erfolgen, damit in den Anlaufjahren und mit der nötigen Geduld die neuen Plattformen etabliert werden können.

Nach der KPMG-Analyse teilen sich heute die zehn bestbezahlten Boxer der Welt die Hälfte der Gesamteinnahmen des Profiboxens, die laut Studie bei aktuell jährlich 270 Millionen Dollar liegen. „Nur relativ wenige Boxer verdienen gutes Geld, das wollen wir ändern", sagt Alten.

PR

Aiba-Vermarkter Uwe Alten: "Den einzigen Champion küren wir."

Die Aiba traut sich laut Businessplan zu, den Einnahmekuchen im neuen Format auf global 400 Millionen Dollar zu steigern. 2.650 Profiboxer würden laut Plan partizipieren, wobei die 50 Spitzenathleten mit 30 bis 40 Prozent der Einnahmen rechnen dürfen. Käme es tatsächlich dazu, würde eine große Umverteilung der Mittel in Richtung Basis einsetzen.

„Wir wollen den Sport wieder zu dem entwickeln, was er einmal war. Mit fairen Kampfrichterwertungen, sauberen Rankings, transparenten Wettbewerben. Dann wird der Sport auch für Sponsoren wieder interessanter. Man darf nicht vergessen: Auch Muhammed Ali kam aus der Aiba", sagt Alten.

Ein großes Bild von Muhammed Ali – das hängt auch im Büro von Felix Sturm.

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