• The Wall Street Journal

Gute Chancen am Aktienmarkt auf Wende nach oben

    Von HERBERT RUDE

Trotz der Talfahrt der vergangenen beiden Wochen: Das Thema Jahresendrally an den Aktienbörsen wollen Marktteilnehmer noch nicht abhaken. Denn mit dem Ende der Berichtssaison fällt ein Belastungsfaktor für die Börsen weg. Mit den Berichten der Dax-Unternehmen zum dritten Quartal sind die Gewinnerwartungen für das kommende Jahr laut Commerzbank um etwa 3 Prozent gesunken. Für 20 der 30 Dax-Unternehmen haben die Analysten ihre Gewinnerwartungen reduziert. Auch in den USA sind die Gewinnschätzungen weiter gefallen.

Die Berichtssaison läuft nun aus. Zugleich ist der Pessimismus am Aktienmarkt während des Kursrückschlags stark gestiegen - zumindest am US-Aktienmarkt, der den derzeitigen Abschwung angeführt hat. Der Anteil der Pessimisten unter den US-Privatanlegern hat sich auf 50 Prozent verdoppelt. Doch wer pessimistisch ist, hat meistens schon verkauft oder setzt sogar auf fallende Kurse. Belegt wird das durch die Positionen am Terminmarkt. Dort sind in den vergangenen Tagen mehr Optionen auf fallende Kurse gekauft worden als auf steigende.

[image] dapd

Ein Grund für die Verkaufswelle in den USA ist die Fiskalklippe. Im kommenden Jahr wird sowohl die Dividendensteuer als auch die Steuer auf Kapitalgewinne erhöht. Anleger wollen dieser aus dem Weg gehen und machen wie so oft schon im Vorfeld Kasse.

Generell sorgt der Haushaltsstreit für Konjunkturängste. Automatische Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen könnten die US-Wirtschaft im kommenden Jahr in die Rezession stürzen. Doch mit den Abgabewellen hat der Markt vermutlich schon viel Schlimmes eingepreist: "Bereits die kleinsten Anzeichen einer Annäherung (der Parteien) dürften den Markt schon positiv beeinflussen", erwarten die Händler eines US-Hauses.

Weiter lockere Geldpolitik dürfte weiter stützen

Für eine Rally spricht die weiterhin lockere Geldpolitik. Die Anzeichen nehmen zu, dass die US-Notenbank das Anleihenkaufprogramm bald ausweitet. John Williams, Präsident der Notenbankfiliale in San Francisco, rechnet mit monatlichen Anleihenkäufen von 85 Milliarden US-Dollar ab Januar.

Aber auch die Bewertungen sind trotz der jüngsten Revisionen bei den Schätzungen nicht hoch. Laut Commerzbank liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Dax nun bei 10,2. Gemessen am durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 14 ist der deutsche Leitindex damit günstig bewertet. "Anleger sollten die aktuelle Kursschwäche zum Aufstocken von Positionen nutzen", empfiehlt deshalb Commerzbank-Marktstratege Andreas Hürkamp.

Die Umsätze an den Märkten dürften in der kommenden Woche kräftig zurückgehen. Grund ist der Thanksgiving-Feiertag in den USA. Am Donnerstag bleibt der US-Markt geschlossen. Mit den Umsätzen dürfte auch der Verkaufsdruck abebben.

Größtes Risiko ist der Nahe Osten

Auffällig ist, dass sich die Märkte in der nun ablaufenden Woche anders verhalten haben als in früheren Phasen der Risikoaversion. Der Euro litt nicht unter dem Kursrückgang am Aktienmarkt und die Bundesanleihen profitierten nicht von ihm. Das könnte darauf hindeuten, dass der Euro bald weiter anzieht und die Zinsen einen Boden ausbilden.

Impulse könnten in der kommenden Woche vom Treffen der Euro-Finanzminister zur Griechenland-Krise ausgehen. Dabei könnte eine Vorentscheidung fallen, ob es zu einem zweiten Schuldenschnitt kommt, den der Internationale Währungsfonds fordert, oder ob Griechenland das Ziel einer Schuldenquote von 120 Prozent der Wirtschaftsleistung auch ohne Schuldenschnitt erreichen kann. In den USA sehen Immobiliendaten im Vordergrund sowie das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan, das wegen des Thanksgiving-Feiertages schon am Mittwoch bekanntgegeben wird. In Europa steht am Donnerstag eine Reihe von Einkaufsmanager-Indizes zur Veröffentlichung an.

Am schwersten greifbar ist derzeit das geostrategische Risiko. Sollte sich die Gaza-Krise verschärfen und die Ölpreise nach oben treiben, ist eine weitere Abwärtswelle an den Aktienmärkten möglich.

Kontakt zum Autor: herbert.rude@dowjones.com

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