• The Wall Street Journal

Twitter könnte bald an die Börse gehen

    Von SHIRA OVIDE

Der Kurznachrichtendienst Twitter steht möglicherweise vor seiner Reifeprüfung. Seit Twitter-Chef Dick Costolo 2010 das Ruder übernommen hat, steuerte er das Unternehmen durch einige Turbulenzen. Von geringeren Werbeumsätzen, ärgerlichen Ausfallzeiten und Wechseln im Management soll es nun vielleicht in Richtung Börse gehen.

Es wäre die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte: Die Blogplattform wurde 2006 gegründet und gewann schnell an Popularität. Mehr als 200 Millionen Menschen verbreiten monatlich einen Kurznachrichtentext mit der maximalen Länge von 140 Zeichen über Twitter. In etwa einem Jahr könnte das Unternehmen die Pläne über ein Börsendebüt anschieben, sagten informierte Personen.

Bryan Thomas for The Wall Street Journal.

Twitter-Chef Dick Costolo.

Der ehemalige Google-Manager Costolo spielte die Frage nach einem Börsengang in einem Interview in der Firmenzentrale in San Francisco herunter: "Das ist nicht zwingend notwendig", sagte er. "Es gibt auch noch zahlreiche andere Alternativen. Twitter ist seit Jahren privat finanziert, und den Weg gehen nun auch andere Unternehmen (...)".

Erst vor einigen Tagen erlaubte Twitter dem Vermögensverwalter Blackrock mit 80 Millionen US-Dollar beim ihm einzusteigen. Blackrock kauft im Rahmen der Transaktion Aktien von Mitarbeitern, die schon seit den Anfangszeiten dabei sind. Das Unternehmen selbst nimmt durch den Verkauf der Aktien kein Geld ein. Der millionenschwere Einstieg des Investors bewertet Twitter mit mehr als 9 Milliarden Dollar - nach Einschätzung von Beobachtern ist dies eine satte Bewertung für ein Unternehmen, bei dem die Marktforscher von eMarketer Werbeerlöse von 545,2 Millionen Dollar im laufenden Jahr erwarten.

Allerdings sind die Erlöse damit deutlich höher als in den vergangenen zwei Jahren, in denen Twitter nach Schätzungen von eMarketer Werbeerlöse von 288,3 Millionen Dollar erzielt haben dürfte. Das Unternehmen hat vor einiger Zeit das Anzeigengeschäft ausgebaut und Niederlassungen in mehreren Ländern eröffnet. Mittlerweile sollen mehr als 1.000 Leute für Twitter arbeiten. Twitter ist ein Privatunternehmen und veröffentlicht weder Umsatz noch Gewinnkennziffern.

Video auf WSJ.com

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Auf die Frage, wie Twitter angesichts eines starken Investorenhungers auf Start-ups die an eine hohe Firmenbewertung geknüpften finanziellen Erwartungen erfüllen könne, erklärte Costolo, man wolle Twitter zu einem der "außergewöhnlichsten und bleibendsten" Unternehmen machen. Umsatz und Gewinn sind nach seiner Auffassung zwar der Motor, mit dem man erreichen kann, was man denkt erreichen zu müssen. Dies müsse aber immer im Kontext gesehen werden, warum es für die Nutzer wichtig sei und nicht weil man eine gewisse Bewertung erzielen müsse, so der Manager weiter.

Ob es ihn nicht stören würde, wenn Twitter niemals so viele Nutzer haben sollte wie Facebook oder das Videoportal Youtube? "Ich denke nicht über die Ziele anderer Unternehmen nach", sagte er. "Wir wollen eine weltweite Reichweite schaffen. Das sind eine Milliarde Nutzer, also nicht da wo wir derzeit sind. Wir sind da, wo 99 Prozent der anderen Firmen gerne wären, aber wir denken, dass Twitter für jeden Menschen auf der Welt nützlich ist."

Vor einigen Tagen hatte Twitter den Kauf des Social-Media-Dienst Vine angekündigt und versucht, sich so breiter aufzustellen und einen Videodienst aufzubauen. Mit einer App und einem kamerafähigen Smartphone können jetzt Sechs-Sekunden-Clips aufgenommen werden, die man anschließend in den sozialen Netzwerken teilen kann. Bei Vine können aufgenommene Videos auch direkt in den eigenen Twitterstream eingebunden werden, eine Facebook-Unterstützung soll bald folgen.

Im Iran oder in China wird es Twitter wohl nicht so bald geben. "Sehr gerne würden wir den Menschen in China oder im Iran Zugang zu unserem Dienst bieten. Aber wir sind zu den Zugeständnissen nicht bereit, die wir derzeit machen müssen, um uns ungefiltert nutzen zu können", erklärte der Manager.

Die Führungen in diesen Ländern haben Angst, dass soziale Netzwerke eine Plattform für negativen Meinungsaustausch bieten könnten. Deswegen können unter anderem die chinesischen Nutzer einen beträchtlichen Teil des Internets nicht erreichen. Twitter, Facebook und einige andere Firmen lehnen eine politische Zensur ihrer Dienste ab. Wer in China zum Beispiel die Facebook-Seite aufruft, wird mit einer Fehlermeldung begrüßt.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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