• The Wall Street Journal

USA und Ratingagentur S&P stellen sich auf langen Kampf ein

    Von JEANETTE NEUMANN, EVAN PEREZ und JEAN EAGELSHAM

Die amerikanische Regierung fordert fünf Milliarden US-Dollar von der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) – das ist etwa so viel wie der Mutterkonzern in den vergangenen Jahren verdient hat. S&P soll zweifelhafte Hypothekenpapiere absichtlich überbewertet werden, die Investoren später Milliarden Dollar kosteten und dazu beitrugen, dass die amerikanische Wirtschaft in die Krise stürzte.

Reuters

Die USA haben die Ratingagentur Standard & Poor's auf fünf Milliarden US-Dollar verklagt.

So hart sind die USA bei ihrem Versuch, die Schuldigen der Krise zur Verantwortung zu ziehen, bisher noch gegen kein Unternehmen vorgegangen. Zwar haben einige Banken mit der Regierung bereits Vergleiche erzielt, und das wäre auch in diesem Fall möglich. Doch die Regierung und Standard and Poor's haben bereits angedeutet, dass sie sich auf eine langwierige und teure Auseinandersetzung einstellen.

Die Regierungsvertreter machten den Eindruck, dass sie bereit seien, „in diesem Fall härter durchzugreifen als bei den bisherigen Klagen gegen Banken", sagt William Black, ehemaliger Aufseher beim Federal Home Loan Bank Board, einem Zusammenschluss von Hypothekenbanken.

Bei ihrer Klage, die bei einem Bezirksgericht in Kalifornien eingereicht wurde, verlässt sich die Regierung vor allem auf E-Mails und anderen Schriftverkehr. Der soll beweisen, dass S&P-Vertreter wussten, dass der Immobilienmarkt zusammenbricht - sie aber Risiken bei Hypothekenpapieren verschwiegen, um ihr Geschäft nicht zu gefährden und Kunden nicht zu verärgern.

Im März 2007 schickte ein Analyst demnach einigen Kollegen Songtexte über den sich verschlechternden Markt – im Hintergrund lief das Lied der Talking Heads „Burning Down the House". Ein paar Minuten später habe er eine weitere E-Mail geschickt: „Leitet diesen Song aus beruflichen Gründen bitte nicht weiter. Wenn ihr möchtet, kann ich ihn aber für euch singen ;-)"

Der amerikanische Justizminister Eric Holder bezeichnete das Verhalten von S&P als „ungeheuerlich". Der Betrug betreffe den „Kern der Krise". Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Washington kündigten auch Generalstaatsanwälte verschiedener Bundesstaaten Klagen gegen S&P an.

Für die amerikanische Regierung hätte ein Vergleich oder ein Urteil gegen die Ratingagentur eine große Bedeutung, weil sie beim Verkauf von Hypotheken an Investoren zwischen 2004 und 2007 eine wichtige Rolle spielte. Triple-A-Ratings von S&P und den zwei großen Wettbewerbern Moody's und Fitch veranlassten selbst konservative Investoren dazu, zweitklassige Hypothekenpapiere, sogenannte Subprime Loans, zu kaufen. Als die Immobilienblase platzte, breiteten sich die Verluste aus und die Krise verschärfte sich.

Banken und Kreditgenossenschaften hätten durch die überhöhten Ratings mehr als fünf Milliarden Dollar auf mehr als 40 verbriefte Hypothekenkredite, sogenannten CDOs, verloren, heißt es in der Klageschrift des Justizministeriums.

Die Strafverfolger könnten sich auf einen harten Kampf einstellen, sagen Rechtsexperten. Sie gehen davon aus, dass die Ratingagentur sich darauf berufen wird, dass sie mit ihrer Einschätzung nicht allein stand. Regierungsbehörden, Banken und andere Experten bewerteten den Immobilienmarkt ähnlich – und fast alle lagen am Ende falsch.

Die beiden Seiten sprechen schon länger über einen Vergleich

„Eine solche Klage gegen S&P ist einfach unhaltbar. Nicht nur Moody's und Fitch, sondern auch anerkannte Meinungsmacher in Washington und New York sahen die Situation genauso", sagt der Anwalt Floyd Abrams aus New York, der S&P verteidigt. Das Unternehmen werde versuchen, dutzende E-Mails, Chat-Nachrichten und internen Berichte, die in der 128-seitigen Klageschrift der Regierung aufgeführt werden, mit Millionen von Seiten interner Kommunikation zu widerlegen, die von den Behörden ignoriert wurden, sagt Abrams. „S&P glaubte, was es sagte. Punkt."

Die Aktie der S&P-Mutter McGraw-Hill befinden sich im Sturzflug. Seit dem Börsenschluss am Freitag brach sie um 23 Prozent ein, der Börsenwert des Konzerns sank um 3,5 Milliarden Dollar. Analysten sagen, dass die finanziellen Auswirkungen auf S&P noch nicht abzuschätzen seien. Doch sie gehen davon aus, dass die Ratingagentur – unabhängig davon, ob es zu einem Vergleich kommt oder sie vor Gericht verliert – weniger als die von den USA geforderten fünf Milliarden Dollar bezahlen wird.

Seit etwa vier Monaten verhandeln die beiden Seiten bereits über einen Vergleich. Die amerikanische Regierung forderte zunächst eine Zahlung in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar. Doch der Deal scheiterte, weil S&P-Vertreter fürchteten, dass er die Tür für weitere Klagen öffnen und das Unternehmen in die Krise stürzen könnte. Regierungsvertreter hätten die Ratingagentur dazu gedrängt, wissentliche Falschbewertungen zuzugeben, sagen Insider.

Die Klage der Regierung ist der bisherige Höhepunkt einer Untersuchung von Strafverfolgern, die 2009 unter dem Namen „Alchemie" begann – eine Anspielung auf den mittelalterlichen Versuch, Blei in Gold zu verwandeln.

„Der Versuch von S&P, den Marktanteil zu halten, führte das Unternehmen dazu, der Welt schlechte Wertpapiere als Gold zu verkaufen", sagt Staatsanwalt Tony West. S&P habe für jeden verbrieften Hypothekenkredit, den das Unternehmen bewertete, 750.000 Dollar zusätzlich berechnet, wenn die Arbeit schnell erledigt werden musste, sagt die Regierung. Die weitere „Beobachtung" kostete 50.000 Dollar. Die Gebühren wurden von den Banken und Wertpapierhäusern bezahlt, die die Deals in die Wege geleitet hatten.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Australische Villa im Zeichen des Drachens

    Feurig kommt dieses Luxusanwesen im australischen Melbourne daher: Auf dem Dach wacht ein mächtiger Terrakotta-Drache und im Haus lodern Dutzende Kaminfeuer. Die Ausstattung mit Tennisplatz, Pool und ausgiebigen Ländereien lässt es jedem Australien-Fan warm ums Herz werden.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Alt, neu, kurios und nicht chancenlos – Parteien zur Europawahl

    In Deutschland sind 25 Parteien zur Europawahl zugelassen. Neben den etablierten Bundestagsparteien können sich die Wähler für eine Menge kurioser Alternativen entscheiden – von der Christlichen Mitte bis zur Bayernpartei. Da die 3-Prozent-Hürde gefallen ist, haben die Kleinen sogar eine Chance.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 15. April

    Wilde Tulpen in Afghanistan, Wasserfontänen in China, der Vollmond über Schanghai und Ordensbrüder mit wunden Füßen in Spanien. Das und mehr zeigen unsere Fotos des Tages.

  • [image]

    Die furchterregendste Gondelfahrt der Welt

    Was Besuchern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für die Einwohner der georgischen Stadt Tschiatura Alltag. Die Seilbahnen aus der Stalin-Zeit an den Hängen des Kaukasus fahren trotz Rost noch immer.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Wie sich die Nasdaq seit dem Tech-Crash verändert hat

    Vor gut 14 Jahren begann in den USA die Tech-Blase zu platzen. Jetzt bewegt sich der Nasdaq Composite wieder auf dem Niveau von damals. Ist das ein Grund zur Sorge? Wir zeigen, was sich seitdem an der Nasdaq verändert hat und was das für Anleger heute bedeutet.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.