• The Wall Street Journal

Mailbox will das iPhone-Postfach aufräumen

    Von JÖRGEN CAMRATH
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Mit einem Wisch ist der Posteingang leer: Ein Start-up aus den USA will mit Mailbox die Inbox auf dem iPhone revolutionieren.

Erinnern Sie sich noch an Sparrow? Sparrow war eine beliebte Alternative zur vorinstallierten Mail-App von Apple – verfügbar für iPhone, iPad, iPod touch und auch für den Mac. Das Programm war beliebt – trotz eines Preises von bis zu neun Euro. Im vergangenen Jahr teilten die Entwickler dann aber mit, dass Google das Unternehmen übernommen habe. Die App sei zwar weiterhin erhältlich, werde jedoch nicht weiterentwickelt. Stattdessen wolle man sich in Zukunft auf die Verbesserung des Google eigenen E-Mail-Dienstes Gmail konzentrieren.

Es dauerte nicht lange, da machten die ersten Käufer ihrem Ärger Luft. Bei Golem schrieb zum Beispiel ein Nutzer: „Jetzt hat man sich hinreißen lassen, diese App zu kaufen, und dann erfährt man, dass sie nicht mehr weiterentwickelt wird weil sie von Google übernommen wurde?" Ein anderer sah in der Übernahme sogar einen geschickten Schritt vom Suchmaschinenanbieter, um dem Konkurrenten aus Cupertino eins auszuwischen: „Google rächt sich halt an Apple. Finde ich richtig." Nun - einige Monate nach dem Entwicklungsstopp - ist am Donnerstag mit Mailbox ein möglicher Nachfolger von Sparrow mit vielen Vorschusslorbeeren gestartet.

Dem E-Mailwahnsinn ein Ende setzen

Mailbox ist ein Programm für iPhone und iPod touch. Die App wurde vom US-Start-up Orchestra entwickelt, das auch hinter der beliebten und gleichnamigen To-Do-Liste steckt. Das Interessante an Mailbox: Die Macher versprechen, dass es mit dem Programm in Zeiten ausufernden E-Mail-Verkehrs ein Leichtes sei, den Posteingang aufgeräumt und sogar leer zu halten. Um das zu erreichen, setzen die Entwickler auf eine Planungsoption, mit der festgelegt werden kann, wann man bestimmte Nachrichten lesen und beantworten will.

Die Nachfrage nach einer weiteren Mail-Alternative scheint groß zu sein. Um die 10.000 Follower hat der Account @Mailbox bereits, über den Orchestra in den vergangenen Wochen über 2.000 Tweets abgesetzt hat. In den Kurznachrichten wurde am häufigsten darauf verwiesen, dass die App „schon bald" erhältlich sein wird. Außerdem teilte man mit, dass das Programm zu Beginn nur Googles E-Mail-Dienst Gmail unterstütze („bis zu fünf Accounts") und dass weitere Anbieter jedoch schon bald folgen sollen.

Lange Warteliste

Seit Donnerstag ist die App im App Store verfügbar. Doch nicht jeder wird sie gleich nutzen können. Denn Orchestra hat eine Reservierungsliste ins Netz gestellt, auf der sich Interessenten eintragen können. Warum dieser komplizierte Zwischenschritt? Das Unternehmen erklärt, dass das verwendete E-Mail-Protokoll IMAP fast 30 Jahre alt sei. Um den Posteingang neu erfinden zu können, habe man darum „eine sichere und moderne API gebaut, die sich besser für mobile Geräte eigne." Damit das System jedoch funktioniere, müsse man den Weg über Reservierungen gehen. 15 Mitarbeiter seien am Firmensitz im kalifornischen Palo Alto jedoch damit beschäftigt, Mailbox für so viele Anwender wie möglich verfügbar zu machen.

Viele Nutzer, die die App also herunterladen, werden zunächst nur zwei Zahlen angezeigt bekommen: Einmal die Nutzer, die vor ihnen in der digitalen Warteschlange stehen. Und dann die Nutzer, die noch etwas länger warten müssen. Wie Orchestra-Mitgründer Gentry Underwood gegenüber dem Wall Street Journal erklärte, haben sich im Vorfeld bereits über 250.000 Interessierte für Mailbox registriert. Nicht schlecht für eine App, von der bisher nur ein Video und ein paar Berichte existierten.

Ich hatte die Gelegenheit, eine Beta-Version von Mailbox in den vergangenen Tagen einmal zu testen – ganz ohne Warteliste. Mein erster Eindruck: Mailbox ist schnell, intuitiv bedienbar und könnte sich als ernsthafte Alternative zum vorinstallierten Mail-Programm von Apple erweisen. Allerdings müssen dafür noch ein paar letzte Hürden aus dem Weg geräumt werden. Doch der Reihe nach.

So funktioniert Mailbox

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Nachdem man die App heruntergeladen hat, kann man sich zunächst noch einmal das Video ansehen, das bereits auf der Mailbox-Website die Funktionen der App erklärt. Anschließend hat man die Möglichkeit, sich auf die Warteliste setzen zu lassen. Hat man bereits eine Reservierung, wird dieser Schritt übersprungen. Auf der folgenden Bildschirmansicht werden dann die Reservierungsnummer und der persönliche Code eingegeben. Jetzt entscheidet sich, wo man sich in der Warteliste befindet. (Ich durfte mich gleich ganz nach vorne drängeln.)

Hat alles geklappt, und ist man dabei, kann anschließend ein Gmail-Account eingetragen werden. Es öffnet sich ein Pop-Up-Fenster, und man meldet sich einfach mit seinen Google-Zugangsdaten an. Anschließend wird man aufgefordert, Mailbox Zugriff auf seine Daten zu gewähren. Um richtig zu funktionieren, will die App E-Mails abrufen und verwalten, „sehen, wer ich bei Google bin", „Kontakte verwalten" und diese Vorgänge auch „durchführen, wenn ich die App nicht nutze". Letzterer Punkt ist vermutlich vor allem deswegen nötig, da Mailbox unter iOS die Nachrichtenzentrale nutzt und Push-Mitteilungen im Hintergrund versendet.

Dann vergibt man für den Account eine Bezeichnung und kann sich entscheiden, ob noch weitere Gmail-Konten hinzugefügt werden sollen. Das war es auch schon – alles sehr einfach und selbsterklärend. Um jetzt noch zu verstehen, wie die App funktioniert, folgen zum Abschluss noch sechs Bildschirmansichten, die über die „fünf Zonen" informieren, zwischen denen man Nachrichten hin und her bewegt. Das Zauberwort heißt „Wischen".

Das Archiv

Wenn man Mailbox öffnet, landet man zunächst im Posteingang. Hier laufen alle E-Mails ein – wie man es auch von anderen Programmen kennt. Mit einem Finger lässt sich eine Nachricht dann ins Archiv „wischen". Dort – oder im „Alle Nachrichten"-Ordner in Gmail - kann sie jederzeit noch einmal gelesen und beantwortet werden. Wischt man noch etwas weiter nach rechts, landet die Nachricht nicht im Archiv, sondern direkt im Mülleimer. Ich hatte zu Beginn ein paar Schwierigkeiten, die richtige „Wischlänge" zu finden – doch nach ein paar E-Mails funktionierte das ganze schon recht gut.

Die „Schlummerfunktion"

Eine Schlummerfunktion – auf neudeutsch auch Snooze genannt – hat Mailbox auch. Sie ist das, was die App aus vergleichbaren Angeboten heraushebt. Hier geht es vor allem darum, eine Nachricht für später zurückzustellen. Mit einem Wischen nach links öffnet sich ein neues Fenster mit neun Kacheln. Nun kann ausgewählt werden, wann man eine Nachricht erneut in seiner Inbox vorfinden möchte. Kommen zum Beispiel tagsüber private E-Mails herein, können diese einfach über „am Abend" in einen neuen Ordner verschoben werden. Ist man dann auf dem Heimweg oder sogar schon zuhause, verschiebt Mailbox die Nachrichten einfach zurück in den Posteingang. Das funktionierte in meinen Tests hervorragend und hat dafür gesorgt, dass meine Inbox immer aufgeräumt blieb und ich trotzdem keine wichtigen Nachrichten verpasste.

Neben „am Abend" gibt es auch noch „später", „morgen", „am Wochenende", „nächste Woche", „in einem Monat", „irgendwann" und die Möglichkeit, ein Datum selbst einzutragen.

Das Ziel von Mailbox: Der Posteingang soll nach Möglichkeit immer leer sein. Kommt eine neue Nachricht herein, erhält der Nutzer eine Push-Mitteilung und kann sie sofort beantworten, verschieben oder löschen. Damit er das auch tut, haben die Entwickler ein nettes kleines Feature eingebaut. Sind alle E-Mails „weg", wird man mit einem Hinweis gelobt: „Super! Deine erste Null" steht dort. Anschließend besteht die Möglichkeit, seinen „Erfolg" per Twitter oder Facebook mit anderen zu teilen. Mir persönlich brachte dieser Anreiz zwar nicht viel. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass in Zukunft in meiner Twitter-Timeline die ersten entsprechenden Meldungen auftauchen werden.

Listen

Listen sind genau das, was man sich unter der Bezeichnung vorstellt. Statt E-Mails zu löschen oder auf später zu verschieben, können die Nachrichten auch in Ordnern abgelegt werden – die bei Mailbox Listen genannt werden. „Kaufen", „Lesen" und „Beobachten" heißen die drei vorgefertigten Ordner – es lassen sich jedoch ohne Probleme weitere hinzufügen.

Fazit

Die Vorschusslorbeeren waren enorm. Mashable, Business Insider, Macworld, The Verge oder TechCrunch: Alle haben Mailbox bereits gelobt – dabei haben viele von ihnen das fertige Produkt bisher noch gar nicht in den Händen gehalten. Ein Video, das auf der zugehörigen Mailbox-Website im Dezember veröffentlicht wurde, reichte anscheinend aus, um die App bekannt zu machen – und, um erste Lobeshymnen einzuheimsen. Über 250.000 Menschen sahen sich den Film in den ersten 24 Stunden an – über eine Viertelmillion haben sich auf die Warteliste setzen lassen.

Und tatsächlich: Mailbox hat auch mich überzeugt. Das Design ist schlicht, die Bedienung intuitiv und es macht Spaß, hin und wieder einen leeren Posteingang vorzufinden. In Zeiten, in denen E-Mails im Minutentakt eingehen, kommt man mit dem digitalen Aufräumen häufig gar nicht mehr hinterher. Da könnte es Mailbox tatsächlich gelingen, unser Verständnis vom Umgang mit E-Mails grundlegend zu verändern. Besonders die Snooze-Funktion überzeugt. Allerdings stellt sich die Frage, wann die ersten Nachmacher auf den Plan treten und ähnliche Features anbieten. Auch fehlt es noch an einer Android-Version. Underwood erklärte lediglich, dass man die Plattform „sehr ernst nehme".

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Orchestra-Mitgründer Gentry Underwood

Bisher unterstützt Mailbox lediglich Gmail von Google. Weitere Anbieter wie iCloud, Yahoo, Hotmail und auch das Exchange-Protokoll sollen irgendwann folgen. Einen genauen Termin konnte Underwood nicht nennen. Ähnlich sieht es bei der Sprachunterstützung aus. Zum Start wird die App ausschließlich in Englisch angeboten. Wie die Macher mit Mailbox Geld verdienen wollen, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Laut Underwood soll es in Zukunft Premium-Varianten geben. In der Basisversion soll die App jedoch kostenfrei bleiben. Pläne für Werbung gäbe es bisher nicht.

Ein letzter aber besonders wichtiger Punkt: Mailbox lädt geradezu zum Prokrastinieren ein. Wie bei der Schlummerfunktion am Wecker lässt sich das unerfreuliche Erwachen nämlich auch beim E-Mail-Programm immer weiter hinausschieben. Indem Nachrichten aufs kommende Wochenende verlegt werden, geht man ihnen aus dem Weg. Das mag am Anfang zwar für ein gutes Gefühl sorgen – doch auf lange Sicht gesehen kommt man auch bei Mailbox nicht darum herum, seine E-Mails irgendwann einmal zu bearbeiten.

Kontakt zum Autor: joergen.camrath@wsj.com

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